„Ich bin 27 und hatte noch nie einen Orgasmus!“ – Diese Frau ist noch nie in ihrem Leben gekommen

Der Name* der Protagonistin wurde von uns aus Anonymitäts-Gründen geändert. Das Telefon-Interview wird hier aus ihrer Sicht geschildert.
Die Fotos bilden nicht sie ab. 

Überall wird der weibliche Orgasmus thematisiert. Unter Freunden und in Beziehungen, in Pornos sieht man ihn überall. Die Frauen stöhnen, schreien und nahezu jede von ihnen scheint (zumindest auf dem Bildschirm) zu kommen, manche zittern, spritzen, drehen völlig durch. Aber keiner spricht darüber, dass das nicht für jede die Realität ist. Ich hatte noch nie einen Orgasmus. Mit 27 Jahren. Weder mit einem Mann, noch mit mir selbst.

Mein Name ist Hannah*, gemeinsam mit meinem Freund lebe ich in einer hübschen Wohnung in der Schweiz und arbeite als architektonische Zeichnerin. Äußerlich, so würde ich sagen, entspreche ich vermutlich einem „guten Durchschnitt“ – ich bin 1,68 Meter groß, schlank und habe braune Haare. Und naja, mein Sexhunger ist ziemlich ausgeprägt. War er immer schon. Als ich mein erstes Mal hatte, war ich erst 14, ich habe also ziemlich früh angefangen (lacht). Es passierte auf einer Hausparty, der Klassiker. Meine Mom reagierte ultra-entspannt, als ich es ihr erzählte, und meinte nur „Wenn das jetzt öfters vorkommt, nimm ab sofort wenigstens die Pille“. Tat ich dann auch.

» Ich genieße es, es macht mir Spaß – aber dann komme ich an einen Punkt, an dem es einfach nicht weiter geht.  «

Mit 17 kam ich mit meiner ersten großen Liebe zusammen – und blieb es ganze acht Jahre lang, bis ich mich vor zwei Jahren von ihm trennte. Mittlerweile frage ich mich, wie ich es so lange überhaupt ausgehalten habe. Zwar hatten wir zu Beginn regelmäßig Sex, an den Wochenenden manchmal sogar im zweistelligen Bereich, aber schon zu Beginn unserer Beziehung wusste ich ja, dass ich bis dahin noch nie einen Orgasmus hatte – und es sich letztlich mit meinem Ex-Freund auch nicht änderte. Anfangs war das okay, da standen die Glücksgefühle und die Verliebtheit im Vordergrund. Als das aber abnahm, kam bei mir langsam der Frust. Und bei ihm die Selbstzweifel. Er fragte mich, ob ich denn überhaupt irgendetwas spüren würde, wenn wir miteinander schlafen, und ob ich wirklich gar nicht kommen kann. Ich erklärte ihm: Ich genieße es, es macht mir Spaß – aber dann komme ich an einen Punkt, an dem es einfach nicht mehr weiter geht und er dann aufhören muss. Ich brachte ihn zum Kommen und dann war eben Schluss. Leider hat er sich ziemlich schnell damit abgefunden und sich keine große Mühe mehr gegeben. Von da an schlief unser Sexleben immer mehr ein… Er war auch nicht besonders experimentierfreudig. Während ich es eher härter mag und gerne auch mal herumprobieren, bestand sein Programm immer aus den gleichen zwei bis drei Stellungen. Am Ende unserer Partnerschaft betrog ich ihn zweimal. Das öffnete mir die Augen – das mit uns hatte keinen Sinn mehr. Ich suchte also das Gespräch und verließ ihn.

So früh ich jedoch auch anfing, Sex zu haben, so spät fing ich andererseits mit der Selbstbefriedigung an. In meiner damaligen Beziehung war das kein Thema, weder bei ihm, noch bei mir. Da war nichts mit eben mal einen Porno schauen und selbst Hand anlegen. Bis ich 24 war hatte ich mich überhaupt nicht mit Masturbation beschäftigt.

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Es fing an mit Erotik-Romanen, dich mich heiß machten, dann begann ich, Pornos in der Badewanne Pornos zu schauen und mich dabei selbst zu berühren und erkannte, wie schön das eigentlich ist. Es war eine Art Kompensation für jene Beziehung, die mich nicht ganz glücklich machte. Doch auch beim Masturbieren stellte ich dann zügig fest, dass ich mich selbst ebenfalls nicht zum Höhepunkt bringen konnte… Die ersten Momente sind schön, dann gelange ich wieder in diese Sackgasse.

Ich fing an, mich zu informieren und die Thematik reinzulesen, woran es bloß liegen könnte. Versuchte, mich zu entspannen, den Orgasmus nicht als Ziel im Kopf zu haben. Wenn sich aber auch nach einer gefühlten Ewigkeit nichts tut, dann lässt du es.

Mittlerweile habe ich allerlei Toys ausprobiert. Welche für vaginale Stimulierung, welche für klitorale – bei letzterem spüre ich übrigens deutlich mehr –, welche für beides. Ich liebe sie, einmal dachte ich auch, dass ich es wirklich schaffe würde, weil das Gefühl so extrem war. Und dennoch komme ich nie über diesen „Tipping Point“ hinaus, es fehlt immer dieser letzte, kleine Stoß, der mich explodieren ließe.

„Vorgetäuscht habe ich einen Orgasmus noch nie!“

Mit meinem „Problem“ (in Anführungszeichen, dazu später mehr!) bin ich immer schon recht offen umgegangen. Im Freundeskreis thematisiere ich das war zwar fast gar nicht, bei meinen Sexpartnern aber immer direkt. Vorgetäuscht habe ich einen Orgasmus noch nie! Kein einziges Mal. Ich weiß, damit bin ich vermutlich ein Sonderling unter den Frauen. Aber wie könnte ich auch, wenn ich nichtmal weiß, wie er sich anfühlt? Einmal traf ich auch einen Mann, der mir sofort eröffnete, dass er beim Sex nicht kommen kann, sondern nur, wenn er es sich mit der Hand selbst macht. Ich meinte nur: „Das passt ja perfekt, ich komme überhaupt nicht!😄“ Probleme, Männern davon zu erzählen, hatte ich noch nie – und es gab auch noch nie einen blöden Spruch oder Unverständnis. Das Geheimnis liegt hier, glaube ich, wirklich in einer ganz direkten Kommunikation.

Meinem jetzigen Partner, mit dem ich zusammenlebe, habe ich nach dem zweiten Mal Sex schon ganz offen gesagt: „Ich hatte noch nie einen Orgasmus“. Er reagierte sehr interessiert und stellte viele Rückfragen, um es besser zu verstehen. Im gleichen Zug gab er mir auch ein sehr gutes Gefühl, indem er mir sagte, dass das völlig okay sei – schließlich hätte auch er schon mit genügend Frauen geschlafen, die nicht immer gekommen seien. Es war ein sehr aufrichtiges Gespräch und er fand auch schnell heraus, wie er mich berühren muss, um mich auf Hochtouren zu bringen – was mir gefällt und was eher nicht. Zum Höhepunkt hat er mich trotzdem nicht gekriegt, haha.

» Beim Analsex spüre ich am meisten, das ist super intensiv.  «

Bei reiner Penetration durch seinen Penis spüre ich fast gar nichts. Er muss auf jedem Fall meine Klitoris miteinbeziehen, weshalb ich es sehr mag, wenn er mich leckt. Was beim Sex auch hilft, ist, wenn er mir dabei zum Beispiel in die Nippel kneift. Beim Analsex spüre ich am meisten, das ist super intensiv. Naja, ihr wisst, was ich jetzt sagen will… bis zu einem gewissen Punkt. Ich kann vor Lust die ganze Wohnung zusammenschreien, und damit war’s das aber auch.

Generell hat sich mein Lustempfinden mit dem Kennenlernen meines Freundes – und auch dem Absetzen der Pille (Anm. d. Red.: Wir haben hier einen ganzen Sextalk dazu) – komplett verändert. Schon beim ersten Mal mit ihm dachte ich: Wow, ENDLICH. Er nahm mich viel härter ran, es war „rougher“ und endlich das, was ich wirklich wollte. Vorher hatte ich diese Seite an mir gar nicht erkannt oder vielleicht sogar unterdrückt. Versteht das, was ich jetzt sage, bitte nicht falsch, aber es sind fast schon Rape-Fantasies (Vergewaltigungsvorstellungen), die mich anmachen und zu denen ich auch bei Pornos tendiere – selbstverständlich spreche ich hier nur von seriös produzierten Filmen, in denen alle Beteiligte freiwillig involviert sind und mit der Fantasie des Betrachters spielen! BDSM-Sex haben wir zwar nicht, aber ich mag es, geschlagen und gewürgt zu werden.

„Ich mache mir dennoch keinen großen Druck“

Klar gibt es Phasen, in denen ich mal mehr oder weniger gefrustet bin und es mich wirklich nervt, dass es einfach nicht geht – gerade WEIL ich so sexpositiv und aktiv bin und es mir wirklich Spaß macht. Mehr noch, tendenziell bin in unserer Beziehung sogar ich diejenige, die es stärker braucht. Spätestens nach zwei Tagen ohne Sex mit meinem Freund werde ich leicht unangenehm, haha. Ich mache mir dennoch keinen großen Druck! Und auch er fängt mich immer wieder auf, wenn es mich mal zu sehr fuchst. Außerdem ist er Gitarrist und hat daher eine seeeehr starke Ausdauer und Fingerfertigkeit in beiden Händen – er gibt also nicht auf! 😄 Spaß beiseite, er kennt mich auch gut genug, um zu wissen, wann er aufhören soll, weil es nicht mehr weitergeht.

Ich versuche wirklich, positiv zu bleiben. Zwar spricht im Alltag kaum jemand darüber, aber wenn ich in Foren unterwegs bin und mir Artikel durchlese, merke ich auch immer wieder, dass es nicht nur mir so geht und andere in der gleichen Situation sind. Ich überlege schon länger, zu einer Tantramassage zu gehen, bei der sich eine Expertin wirklich 3-4 Stunden lang Zeit für mich nimmt. Mein Freund findet die Idee auch super und unterstützt mich in jeder Hinsicht. Wenn es soweit ist, gebe ich euch ein Update, haha!

» Bitte macht euch nicht fertig! Ihr und euer Sexleben seid trotzdem komplett, auch wenn der Orgasmus ausbleibt.  «

Man muss, denke ich, einfach sanft mit sich sein und die Hoffnung bewahren! Körperlich ist bei mir alles in Ordnung, es scheint nur irgendwas gedanklich blockiert zu sein. Möglicherweise muss ja auch nur einmal dieser Damm brechen und ab da funktioniert es wie am Schnürchen, wer weiß? Der Grund, warum ich mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehe, ist, um Frauen, denen es genau so geht, zu sagen: Bitte macht euch nicht fertig! Ihr und euer Sexleben seid trotzdem komplett, auch wenn der Orgasmus ausbleibt. Sex ist doch viel mehr als nur sein Höhepunkt. Anstatt zu betrauern, was man nicht hat, sollte man das, was man hat, in vollen Zügen genießen. Sex bedeutet körperliche und emotionale Nähe, die unheimlich wichtig und wahnsinnig schön ist – man muss es nur schaffen, sich im Moment fallen zu lassen. Das Miteinander macht es aus. Und nicht der große Knall am Ende. Also, bitte, bitte, macht euch nicht verrückt! ❤️

Ach, und falls ihr euch schon immer mal gefragt habt, wie die Toy-Schublade einer Frau aussieht, die noch nie einen Orgasmus hatte… :

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