7 wichtige, gesellschaftsrelevante Songs deutscher KünstlerInnen, die du jetzt unbedingt hören solltest

V.l.n.r.: Teesy, Jenniffer Kae und Fetsum singen sich einem mitten ins Herz

Zunächst einmal: Was gerade auf der Welt passiert – in Andenken an George Floyd und alle anderen People of Color, die Rassismus und/oder Polizeigewalt zum Opfer wurden – ist herzzerreißend. Herzzerreißend, weil uns die Bilder von protestierenden und randalierenden Menschen in den USA und überall auf der Welt mit gewaltiger Schlagkraft vor Augen führen, dass wir eben nicht da sind, wo wir sein sollten. Dass es nicht reicht, zu sagen „Ich sehe keine Farbe“ und auch nicht reicht, zu sagen „Für mich ist die Welt bunt“. Sondern dass wir uns, jeder im Einzelnen, selbst in die Mangel nehmen müssen. Unsere eigenen, Weißen Privilegien checken müssen, unsere eigene White Fragility, vielleicht müssen wir uns auch eingestehen, dass wir viel zu lange still waren, viel zu wenig wissen und auch wir durch Passivität viel zu lange Teil des Rassismus-Problems waren. Diese Einsicht schmerzt, aber sie ist notwendig. Notwendig, um unseren Geist, unseren Verstand und unser Herz zu öffnen und um endlich in Solidarität mit unseren Schwarzen Brüdern und Schwestern stehen zu können. Lasst es uns angreifen. Heute, morgen und, am allerwichtigsten, jeden verdammten weiteren Tag.

Wo Worte schwerfallen oder gar fehlen, spricht Musik. Sie drückt aus, was nicht gesagt werden kann, aber worüber zu schweigen unmöglich ist (V. Hugo). Und genau deshalb ist sie jetzt vielleicht auch wichtiger denn je, weil sie uns abholt, weil sie uns auffängt, im besten Fall nachdenklich stimmt und irgendetwas in uns bewegt. Bewegung ist immer gut. Anlässlich der aktuellen Situation, in der wir uns befinden, haben wir euch 7 KünstlerInnen und einen ihrer Songs ausgesucht, die ihr vielleicht noch nicht kennt, aber unbedingt kennen solltet. Songs, die unter die Haut gehen und KünstlerInnen, die sich nicht scheuen, Unangenehmes auszusprechen.

1. Teesy – „George Floyd“

Teesy (29), Singer, Songwriter und Rapper aus Berlin, hat das Talent, sich einem mitten ins Herz zu singen wie kaum einer. Seine knapp zweiminütige Hommage „George Floyd“ muss nicht beschrieben, sondern gehört und gefühlt werden. Ein Part bleibt ganz besonders hängen: „Niemals will ich diese Macht über jemanden, der Probleme hat, die ich nicht verstehen kann. Wer und was bin ich, jemandem zu sagen, wo er leben darf, in welchen Farben? Menschen, Menschen helft mir begreifen, wo die Grenzen sind in diesen Zeiten? Ist der Punkt nicht lang erreicht? Liebe für George Floyd und für Ahmaud Arbery…“

Der Punkt ist lange erreicht. Absolut. Wer das jetzt noch nicht begriffen hat, für den kann man wohl nur noch beten. Uns gegenüber hat Teesy, der eigentlich Toni Mudrack heißt, folgendes Appell an seine Kollegen und Kolleginnen aus der Musikindustrie ausgesprochen:

„Die Kunst ist gerade zu ruhig. Das war auch bei Corona schon der Fall. Man muss sich nicht positionieren, aber warum spricht niemand wenigstens an, dass er sich unsicher fühlt in diesem verrückten Jahr? Wir haben KünstlerInnen, die das könnten und das muss passieren. Lasst uns wieder Soundtracks für Movement sein! Lasst uns nicht denken, dass Lieder, die Gefühle auslösen und nicht nur zur Ablenkung dienen, im Radio stören würden! Ich möchte nicht auf 2020 zurückschauen, ohne etwas bewirkt zu haben. Musik war immer schon Ausdruck von Schmerz und Trauer. Im Blues, im Gospel und auch im HipHop fanden Menschen Trost und gaben ihren Gefühlen Raum.

Ich als Künstler kann Schmerz in meine Songs packen, und jemand anderes kann im besten Fall etwas Positives daraus mitnehmen. Ich glaube, die ‚Alten‘ hatten schon ihre Zeit für Rebellion. Jetzt sind wir dran. Ich wünsche mir, dass wir in der Branche wieder stärker voranschreiten.“

Amen. Danke. Und jetzt einfach mal den Song hören. Beseelend.

2. Jenniffer Kae – „Schwach“

 

Ich liebe Jenny (33). Nicht nur, weil sie eine wundervolle Singer-Songwriterin ist, sondern auch ein wundervoller Mensch. Und das zeigt sich auch in ihrer Musik. In „Schwach“ (hier als Liveversion aus Berlin) geht es darum, sich vulnerabel zu machen, Gefühle zu fühlen, anstatt sie wegzudrücken. Die Künstlerin selbst sagt: „‚Schwach‘ ist meine Ode an die Verwundbarkeit. Sich Schwäche einzugestehen, ist manchmal wie eine unsichtbare Last, die wir endlich von den Schultern nehmen. Seine Schwächen zu kennen und dennoch gnädig mit sich zu sein, ist der Anfang von wirklichen und tiefen Verbindungen.“ 

Darum geht es auch jetzt, wie gesagt – wir dürfen uns gerade zerrissen fühlen, wir dürfen unsicher sein, wir dürfen zulassen, dass uns das Thema Rassismus, das Leid Schwarzer Menschen und allem voran unsere eigene Mitschuld am aktuellen Zustand belasten. Solange wir im Kopf behalten, dass es hier nicht um uns geht, sondern wir diesen Kampf mit und für People of Color führen. Dieser Song ist unfassbar wertvoll. Auch in jeder anderen Lebenslage. Runter mit der harten Schale, ran an den weichen Kern. Das macht den Mensch menschlich.

3. Fetsum – „One People“

 

Der Berliner Soulsänger Fetsum Sebhat (43) ist einer der unterschätztesten Künstler unseres Landes. Seit Jahren setzt er sich als Geflüchteter für Geflüchtete ein, fordert mehr soziales Engagement und besingt in seinen Songs – auf Englisch – immer wieder die Hoffnung und die Liebe. So auch in „One People“ aus seinem Album „The Colors of Hope“, wo er an den Marsch auf Washington 1963 erinnert, an Martin Luther King und Nelson Mandela… und letztlich daran, dass seine Leute endlich frei sein wollen: „See, these are my people. My people want freedom. Since we are one people, one people, one freedom.“

4. Max Herre ft. Megaloh, Dirk von Lowtzow, Sugar MMFK – „Dunkles Kapitel“

 

Super gesellschaftskritisch und zwar kein Gute-Laune-Song, aber so wahr und so wichtig. Dunkles Kapitel unserer Geschichte. (…) Ich frag‘ mich wie, viele Seiten sind noch frei? Dunkle Kapitel unserer Geschichte (…) , willkommen in der neuen alten Zeit.“ Ja, wie viele Seiten sind noch frei? Hoffentlich schaffen wir’s dieses Mal, ein neues Kapitel zu öffnen. Oder gar ein ganz neues Buch.

5. LOT – „Ende der Welt“

 

Der Berliner mit türkischen Wurzeln Lothar Robert Hansen (36), bekannt als Lot, singt in „Ende der Welt“ vom tristen Trott des Alltags in Berlin und prangert die politische (In)Aktivität der Bürger an: „Das ist mein Ende der Welt. Wer hier nicht wegkommt, der kommt hier nicht weg. Hier wählt ’n Viertel AfD, minus die Hälfte, die eh nicht wählen geht.“ Wir fragten ihn, wie MusikerInnen seiner Meinung nach ihre Stimme und Plattform besser nutzen sollten: „Die Möglichkeiten sind hier sehr groß. Herausforderung durch Migrationshintergründen und Rassismus kenne ich aus der eigenen Familie. Auf den letzten Touren als Support-Act beispielsweise habe ich mich immer wieder gegen die AfD ausgesprochen. Und auch nach den Konzerten diskutierte ich mit den Fans, argumentierte meine Bedenken und eröffnete einen Dialog mit diesen Menschen, den wir unbedingt brauchen! Es gibt viele KünstlerInnen, die ihre Reichweite nutzen. Doch es ist wie Paul McCartney einst sagte: ‚Ein Song ist nicht dazu da, um die Welt zu ändern. Ein Song ist dazu da, um die Menschen daran zu erinnern, dass sie das tun sollten‘.“

6. Samy Deluxe – „Superheld“

 

Dieser Track rührt mich zu Tränen. Immer und immer wieder. Ein damaliger, Schwarzer Freund von mir meinte einmal: „Sollte ich jemals ein Kind haben, werde ich ihm dieses Lied vorspielen.“ Samy Deluxe (42) ist einer der ganz Großen, wenn es um Themen wie Anti-Rassismus und Integration geht. In „Superheld“ richtet er sich an seinen Sohn: „Viele Leute können sich nicht vorstellen, und wissen nicht was es heißt, wenn dein Sohn neben dir im Bett liegt und dir sagt er wär‘ gerne weiß. Und du weißt, alle seine Superhelden sind weiß (…) Und ich weiß, dass es manchmal nicht leicht ist, braun zu sein, wenn die Mehrheit hier weiß ist. Und man schaut sich um und vergleicht sich, fühlt sich alleine und ist verzweifelt.“ 

7. Noah Levi – „Change“

 

„Jeder lebt in seiner eigenen Welt, obwohl die echte grade zerfällt.“ Let that sink for a Minute. Noah Levi ist erst 19, hat’s aber kapiert: „Jeder von uns ist Teil der Lösung des Problems. Frage mich, was noch nötig ist. Nur ein kleiner Schritt, bis es tödlich wird. Wir sind auf dem Weg, vielleicht ist es zu spät, kein Plan, wohin es geht. Doch wir bleib’n niemals steh’n (…) Es ist Zeit für einen Change.“

Ja. Es wird Zeit für einen Change. Allerhöchste Zeit. Danke, dass ihr ein Teil dieser Veränderung seid. Ab jetzt hören wir eure Texte sicherlich nochmal ganz anders…

Schlusswort? #BLACKLIVESMATTER!

 

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