‚Almost lover‘ oder auch: „Warum hat eigentlich jeder von uns diese eine Beziehung, die nie eine wurde?“

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„Goodbye my almost lover, goodbye my hopeless dream, I’m trying not to think about you, can’t you just let me be“…

Es gibt einen Song der Band ‚A Fine Frenzy‘, der so lautet. In dem Lied geht es um eine Liebe, die irgendwie im Sand verlaufen ist und einfach nicht sein sollte. Wahrscheinlich hat jeder von uns so einen ‚Almost Lover‘, jemanden in den man mal unsterblich verliebt war (oder sich das zumindest eingeredet hat), sich vielleicht mit ihm gedatet hat und alles eigentlich ganz gut aussah. Bis die Wege dann auf mehr oder weniger dramatische Art und Weise (Auslandsaufenthalt, er hatte eine Freundin, es ist auseinander gelaufen) getrennt wurden.

Logisch wäre eigentlich, wie bei allen Dingen, die man mal ausprobiert hat, und aus denen nichts weiter wurde – Ballettunterricht in der zweiten Klasse, der Schwedisch-Sprachkurs an der Uni, das Acryl-Bild, das immer noch halbfertig im Wohnzimmer steht – einen solchen gescheiterten Liebesversuch ad acta zu legen. Stattdessen schwelgen wir bei diesen ‚Almost Lovern‘ auch heute, noch Jahre später, in romantischen Erinnerungen und seufzen in schwachen Momenten melancholisch „Ach, hätten wir doch…“.

» Ich weiß von mindestens zwei Mädels in meinem Bekanntenkreis, die solche ‚Almost Lover‘ haben, die unweigerlich an den Berliner Flughafen erinnern: offene Baustellen, von denen man nicht weiß, was mit ihnen passiert und ob überhaupt noch etwas passieren soll. «
Nina Ponath

Da wäre einmal Saskia (Name geändert) die, bevor sie ihren jetzigen Freund gedatet hat, mit einem anderen Mann ein paar Mal essen war. Wirklich gelaufen ist jedoch nie etwas zwischen den beiden, außer, dass sie sich abwechselnd im Vollsuff zu der einen oder anderen Party bestellt hat – wenn man ehrlich ist, waren sie beide nicht mal sonderlich nett zueinander. Trotzdem spricht Saskia auch heute, drei Jahre später noch von ihm, und wenn sie sehr betrunken ist, kann es sogar passieren, dass sie ihn immer noch anruft.

Ähnliches gilt für Lara, eine Schulfreundin, die damals in der zehnten Klasse mehrfach mit Olli aus der Parallelklasse abgestürzt ist. Die beiden haben bis zum Abitur mit den Gefühlen des Anderen gespielt, sich ab und an auf einen Drink und mehr getroffen, bis die Wege sich dann zum Studium getrennt haben. Eine gemeinsame Zukunft wäre zu dem Zeitpunkt absolut ausgeschlossen gewesen. Dafür müsste man sich ja auch zueinander bekennen, was den beiden nicht im Traum eingefallen wäre. Dafür fällt es Lara jetzt aber erstaunlich leicht, Olli zu idealisieren und mir zu erzählen, was für ein lustiger Kerl er doch damals war. Vielleicht könnte das heute sogar etwas mit ihm werden, denn in der Zwischenzeit müsste er doch mal erwachsen geworden sein?

Ich halte das eher für unwahrscheinlich. Bei solchen Geschichten, die irgendwie nicht zu Ende erzählt wirken, vergessen wir meiner Meinung nach, etwas ganz Entscheidendes: den Grund, weshalb das Ganze nichts wurde. Ist ja auch mittlerweile schon so lange her, dass man sich gar nicht mehr wirklich daran erinnern kann. Daran, dass er ein Chauvi war und uns nur ins Bett kriegen wollte, daran, dass zwischen uns von Anfang an jede Menge Missverständnisse standen oder aber wir haben verdrängt, dass wir es selbst gründlich versaut haben, weil wir nie richtig über unseren Schatten gesprungen sind. Wie auch immer, irgendeinen Grund wird es schon gegeben haben. In der Gegenwart sieht die Vergangenheit nur immer so viel schöner aus, als sie eigentlich jemals war.

» „Wenn wir uns an sehr intensive Erlebnisse erinnern, ist es unerheblich, ob die Erinnerung, die abgespeichert wurde, sich tatsächlich genau so zugetragen hat“, sagt Beziehungscoach van Santen. «
Daniela van Santen

Das bestätigt mir auch Beziehungs- und Liebeskummer-Coach Daniela van Santen. In ihrer „Liebeskummerpraxis“ berät die Hamburgerin Klienten, denen es schwerfällt, loszulassen.  „Gute Erinnerungen sind enorm wichtig, wenn es um das seelische Gleichgewicht eines Menschen geht“, erklärt sie mir. Gute Erinnerungen werden deshalb von uns festgehalten und können so auch Jahre später noch euphorische Gefühle hervorrufen. Wenn wir uns heute an unseren ‚Almost Lover‘ erinnern, rufen wir uns also gewissermaßen die Gefühle der ersten Verliebtheitsphase von damals ins Gedächtnis und vergessen dabei all die weniger schönen Momente. Es geht aber sogar noch weiter: „Wenn wir uns an sehr intensive Erlebnisse erinnern, ist es unerheblich, ob die Erinnerung, die abgespeichert wurde, sich tatsächlich genau so zugetragen hat“, sagt Beziehungscoach van Santen. Es kann also sehr gut sein, dass uns, wenn wir verliebt lächelnd an unseren ‚Almost Lover‘ zurückdenken, uns das Gedächtnis einen Streich spielt. Das darf es auch ruhig, denn solche Verklärungen der Vergangenheit helfen uns Menschen letztendlich dabei psychisch gesund zu bleiben, indem sie positive Erinnerungen in die Gegenwart ‚zaubern‘.

Das wohl bekannteste Beispiel solcher trügerischen positiven Erinnerungen hat mich während meines Französischstudiums gequält: Marcel Prousts „Un amour de Swann“. In dem Roman verliebt sich der Protagonist in seine Freundin Odette, weil er ihr Gesicht mit einem Gemälde assoziiert und ihn Begegnungen mit ihr an eine Sonate erinnern. Klingt abgefahren, aber im Prinzip beschreibt Proust hier nur, was wir davon halten sollten, wenn wir in schwachen Momenten an unsere offenen Baustellen denken: Es sind nicht die Menschen, in die wir verliebt sind, sondern die Gefühle, die sie mal in uns hervorgerufen haben. „Auffällig ist doch, dass nur in besonderen Situationen – beispielsweise, wenn es in der aktuellen Beziehung Streit gibt, man sich als Single einsam fühlt, man vielleicht ein Glas zu viel getrunken hat – diese Menschen wieder erinnert werden“, bestätigt Daniela van Santen.

Bei Proust endet die „Liebe“ zu Odette natürlich – wie sollte es auch anders sein – unglücklich, denn kaum ist sein Protagonist mit ihr zusammen, bemerkt er auch schon, dass die reale Odette seiner Fantasie von ihr in der Realität nicht standhalten kann. Da ist es dann vielleicht doch schlauer, schwärmerisch an unsere offenen Baustellen zurückzudenken und sich so von den wirklich schlimmen Problemen des Lebens abzulenken, ganz getreu dem Motto: „Hello, Almost Lover. Es ist okay, dass du hier bist.“ 

Credits: Le21eme/AdamKatzSinding
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