Ein Brief an die Bravo-Redaktion, die sich mit der Bildauswahl zu sexuellem Missbrauch einen ordentlichen Fehler geleistet hat…

Eigentlich ist der Gang zum Kiosk für mich immer wie ein kleiner Wellnesstrip für die Seele – durch die Magazinregale stöbern, die Hefte durchblättern, hier und da mal an einer Story hängenbleiben, die Lust auf mehr macht. Das geschriebene Wort ist quasi mein Zuhause. „Hängengeblieben“… genau das bin ich kürzlich. An einer bestimmten Doppeltseite. In einer Zeitschrift, die es bereits seit 1988 gibt, und die auch mich durch meine Kindheit und Teenagerjahre begleitet hat: die Bravo Girl. Schminktipps für Anfängerinnen, Poster, Promi-Interviews mit Helden aus der Pubertät und selbstverständlich auch die legendäre „Dr.Sommer“-Rubrik – all das löst doch in jedem von uns nostalgische Gefühle an unsere jungen Jahre aus, oder? Die Bravo war immer das auf Papier gedruckte Sinnbild einer großen Schwester, die man mit seinen Sorgen und Wehwehchen konsultieren konnte.

Dieser Teenage-Love wurde jetzt aber ein ziemlicher Dämpfer verpasst. Denn diese besagte Doppelseite der aktuellen November-Ausgabe – aus dem Resort „Dr. Sommer Girlstalk“ – trägt die Headline: „SEXUELLER MISSBRAUCH“. Und sie zeigt in Übergröße ein junges Mädchen, das von hinten von einem schwarzen Mann angepackt wird.

Ein einziges Motiv, so viele Gedanken. Und alle stoßen einem sauer auf. Dass das Thema sexueller Missbrauch und die Frage danach, wie man sich davor schützen kann oder wo man sich im Notfall Hilfe sucht, schon bei einer jungen Zielgruppe behandelt wird, ist richtig und wichtig. Absolut. Denn als publizierendes Medium und öffentlicher Meinungsmacher – auch als Teenie-Magazin – trägt man seinen Lesern und Leserinnen gegenüber ein gewisses Maß an Verantwortung.

Was mag also passiert sein, dass ausgerechnet einen Schwarzen als stereotypisiertes Bild eines Sexual- oder Gewalttäters abzubilden? Damit werden so ziemlich alle rassistischen und kolonialen Klischees bedient, die wir als moderne und diverse Gesellschaft doch vehement versuchen, endlich vollständig aufzulösen. Ja, wir, die diverseste Gesellschaft, die es seit der Geschichte der Menschheit gibt. Noch nie waren Kultur und Ethnizitäten so stark vermischt wie heute, und das ist ein wertvolles Geschenk, das uns im beste Falle ein empathisches und friedliches Miteinander und Verständnis füreinander lehren sollte. Rassismus ist und war schon immer verachtenswert, furchtbar verachtenswert, aber im Jahre 2019 hat jegliche Tendenz in diese Richtung schon dreimal nichts mehr zu suchen. Und dann auch noch in einem Teenie-Blatt mit Aufklärungscharakter, das sich monatlich an die 70.000 Mal verkauft. In naiven Kinderköpfen ist der Nährboden für menschenfeindliche oder rassistische Klischees außerdem vermutlich noch weicher als bei kognitiv voll ausgebildeten Erwachsenen. Was die Tatsache, dass Vergewaltigungen hier mit People of Color assoziiert werden, noch prekärer macht.

Gleichstellung ist keine Ausrede für mangelnde Sensibilität

Selbstverständlich ist diese ganze Thematik hier ein Balance-Akt. Im besten Fall sähe unsere Welt so aus, dass Hautfarbe, Herkunft oder Glaubensrichtung überhaupt gar nicht erst sonderlich nennenswert wären – und für das Ansehen in der Gesellschaft an keinem Flecken Erde eine Rolle spielen würden. Die totale Gleichberechtigung – so würden Gegenstimmen jetzt argumentieren – würde allerdings auch bedeuten, dass es eine Art von Reverse Racism wäre, wenn man sagen würde: „Na, die Schwarzen müssen wir jetzt aber mit Samthandschuhen anfassen.“  Ja, faktisch muss es so sein, dass jede Ethnie heutzutage alles sein kann und darf. Aber, und hier kommt der springende Punkt: Das alles darf keine Entschuldigung sein für mangelnde Sensibilität – und die, liebe Bravo Girl, wurde hier definitiv an den Tag gelegt. Ja, totale Gleichstellung ist das Ziel, das darf aber nicht bedeuten, dass man die Vorsicht darüber verliert, wie man mit gewissen Themen umzugehen hat. Und dass People of Color eine Historie haben, die heute und für immer einer gewissen Sensibilität bedarf, ist nunmal ein unumgänglicher Fakt.

Es wäre doch ebenso daneben, wenn ein amerikanisches Magazin als Stellvertretung für einen Deutschen einen Weißen mit Hitler-Schnauzer abbildet und dann sagen würde: „Habt euch nicht so, es ist doch nur ein Bart. Und ihr seid doch hauptsächlich weiß.“ – True and true, aber es ist dennoch eine grob fahrlässige Anspielung, die in der aktuellen gesellschaftlichen Anspannung eine Wirkung entfacht, derer man sich als Publizist bewusst sein MUSS.

Das Netz reagiert zurecht empört

 

 

 

Es reicht doch, dass es eine AfD gibt, die immer wählerstärker wird und uns Bilder des bösen, schwarzen Mannes und des blonden, blauäugigen Opfers ins Hirn zu pflanzen versucht. Fehler passieren. Jedem von uns. Aber ein Printmagazin durchläuft sehr viele Paar Augen und Hände, bevor es gedruckt wird. Irgendjemand in dieser Kette hätte doch mal sagen sollen: „Stopp. An dieser Stelle sollten wir nochmal gut nachdenken, ob das so richtig ist, was wir hier tun.“ 

Wir haben die Bravo Girl um ein Statement
zu diesem Fauxpas gebeten

Da sich das Magazin bisher leider nicht öffentlich zu diesem groben, wirklich sehr groben „Schnitzer“ geäußert hat, haben wir den Verlag, die Bauer Media Group, um ein exklusives Statement gebeten. Das haben sie uns auch gegeben und Folgendes gestanden:

Mit unserem Beitrag in der Bravo Girl über sexuellen Missbrauch wollen wir auf ein sehr sensibles Thema aufmerksam machen. Dabei haben wir das Bild unbedacht gewählt. Damit haben wir einen Fehler gemacht. Wir entschuldigen uns hierfür und werden in Zukunft noch stärker darauf achten, auch durch unsere Bildsprache zu zeigen: Bravo steht für Toleranz und Offenheit, wir lehnen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art ab.“

Einsicht und die Entschuldigung sind hier definitiv die richtige Antwort und ein wichtiges Zeichen dafür, dass sowas künftig hoffentlich nicht mehr nicht mehr passieren wird. 👏🏼 Danke! Und so oder so –  dieses Missgeschick hat jedenfalls aufgezeigt, dass wir immer noch Aufmerksamkeit für ein Problem schaffen müssen, das wir als Gesamtgruppe noch nicht zu 100% im Griff haben. Fahrlässigem Rassismus darf keine Plattform geboten werden. Nicht im Alltag, nicht in Medien, nicht im Journalismus.

Lasst uns doch bitte alle zusammen daran arbeiten, dass toxischem Gedankengut in dieser Form kein Raum mehr gegeben wird. Wir sind Texter, Redakteure, Journalisten, Personen des öffentlichen Lebens. Alles, was wir veröffentlichen, ist eine Actio, die wie alles im Leben eine Reactio auslöst.

Wir tragen Verantwortung, und diese sollte doch darin liegen, die Welt um uns herum – wenn auch nur im Kleinen – zu einem besseren Ort zu machen, an dem alle willkommen sind.

Wir schlagen uns tagtäglich mit genug Sorgen herum. Auf der Welt finden jeden Tag so viele menschengemachte Krisen statt, die wir nichtmal mitbekommen. Und ganz nebenbei richten wir auch noch unseren Planeten, das einzige Zuhause, das wir haben, zugrunde. Das sollte doch eigentlich genug Unfrieden sein, oder?

Lasst uns alle gemeinsam für Diversity stehen und diese auch leben. Die Anerkennung und Wertschätzung aller Menschen, unabhängig ihres Genders, ihrer Hautfarbe, oder ihrer Herkunft.

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