Ein Brief an dich, falls du dich gerade einsam und verloren fühlst

„… Wenn ich still und alleine bin,

Wünsch ich mir, ich wäre wie die anderen,

Die nie gebrochen und verzweifelt sind,

Bei denen alles immer leicht gelingt,

Und wenn ich still und alleine bin,

Hör ich sie lachen auf den Dachterassen,

Weil es immer was zu feiern gibt,

Aber bei mir leider nicht.“ – Michael Kurth alias Curse
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Kennst du das? Dieses Gefühl, dass einfach alles aus den Fugen läuft und dein Leben sich anfühlt, als läge ein Schleier über ihm? Dass du vergebens versuchst, ein Kartenhaus aufrecht zu erhalten, das immer und immer wieder einstürzt? Und dass es nur dir so geht? Dann ist dieser Brief für dich.

Manchmal hat mein Leben eine gefühlte Geschwindigkeit von 280 km/h. Leben auf der Überholspur. Automatisch versuche ich alles, was ich tue, anfasse und ausstrahle so nah wie möglich an Perfektion heranzuführen. Von den größten Banalitäten bis hin zu den wirklich großen Dingen – alles sollte, wenn es nach mir geht, mit einem großen „Boom“ perfekt sitzen und einschlagen.

Ich bin erst 22 und trotzdem greife ich Tag für Tag nach den Sternen. Das ist eigentlich eine schöne Eigenschaft, oder? Im Studium nur Bestleistungen abliefern, im Job immer Vollgas geben, mit Laptop, Handy und Notizbuch in der Hand zwischen Flugzeug und Zug will ich immer für alle erreichbar sein und Sprosse für Sprosse das Karrieretreppchen hochklettern. Mit meinen Worten würde ich dabei am liebsten die Welt verändern. Zusätzlich ein sicherer Hafen sein für Freunde und Familie und ihnen ein gutes Gefühl vermitteln. Gesund leben, mich bis oben hin mit grünem Zeug vollstopfen, super in Shape sein. Meine Wohnung so sauber halten, dass sie jederzeit „instagrammable“ wäre. Und dann, so ganz nebenbei, fände ich es auch noch ganz nett, die Umwelt zu retten, alle zu mehr Bewusstsein und sozialem Verhalten zu bekehren und jeden einzelnen zu schütteln und zu sagen: Seid endlich bessere Menschen! 

Mein Kopf ist dann wie ein großer Haufen Matsch, in dem sich tausende Menschen an einem winzigen Platz versammeln, ihre Stimme erheben, sich anschreien und diskutieren, weil jeder einzelne seinen Standpunkt vertreten und seinen Willen durchsetzen will. Das kann ganz schön laut werden. Kennst du das? Das Gefühl, im hausgemachten Chaos zu versinken? In einer Flutwelle aus Gedanken zu ertrinken? Und dann schaust du dich um, siehst die anderen Menschen und denkst dir: Wieso hab ich’s so schwer und die anderen so leicht? Und denkst du manchmal auch, du seist der einzige Mensch auf der Welt, dem es so ergeht? 

Du und ich, wir sind schon mal zu zweit, und wir sitzen gemeinsam im selben Boot

Tja, ich bin hier, um dir zu sagen: Du bist es nicht. Du bist damit nicht alleine. Das ist nämlich die größte Krux an dieser an dieser ganzen Sache: dass man sich trotz – oder gerade wegen – dieser rasanten Alltags-Geschwindigkeit oft so wahnsinnig einsam fühlt. So, als wäre man auf dieser Mission namens „Leben“ ganz alleine und als würde ihre ganze Last alleine auf den eigenen, winzigen Schultern liegen. Vom Universum im Stich gelassen. Lass dich von diesem Gefühl nicht überzeugen, es ist ein Trugschluss. Du und ich, wir sind schon mal zu zweit, und wir sitzen gemeinsam im selben Boot.

Kürzlich habe ich in einem solcher Momente, in denen ich einfach kein Licht sehen konnte, folgende Zeilen in meinem Notizbuch verfasst:

„In einer Zeit, in der ‚Happiness‘ als neue Währung gilt, fällt es immer öfter schwer, Schwäche zu zeigen. Zu sagen, dass es einem nicht gut geht. Die Frage „Wie geht’s dir?“ Nicht immer sofort mit einem gelogenen „gut“ abzutun, das jeglichen Tiefgang in die eigentliche Gemütslage sofort untergräbt. Du musst einfach nur dankbar sein, sehen, was das Leben alles Schönes für dich bereithält und dir klarmachen, wie privilegiert du bist.“ Dankbarkeit als Lösung für alles! Klar, das ist oft richtig und wichtig, aber in der Praxis funktioniert das eben nicht immer. Trotz eines vor Dankbarkeit fast platzenden Herzens sind Unglücklichsein und Traurigkeit, Rastlosigkeit und Verwirrung – selbst im eigentlich erfülltesten Leben – manchmal nicht zu umgehen. 

 „Positive vibes only“ ist manchmal eben nicht mehr als nur eine Instagram Caption und Wunschdenken, das mit der Realität nichts zu tun hat. Unglücklichsein und sich streckenweise völlig verloren fühlen ist okay. Darüber sprechen ist auch okay. Zu sagen „Ich stecke in einer Krise mit mir selbst und weiß nicht, wieso“ ist auch okay. Ist man deshalb weniger en vogue? Nein. Jedenfalls nicht für die richtigen Menschen. Für die richtigen Menschen ist man nie zu schwer. Ich habe keine Ahnung, wie man solche Krisen überwindet, ich will nur sagen: Falls du auch in einer steckst, bist du nicht allein.“

Genau das ist es, was du unbedingt verstehen musst, um dir dein Leben sehr viel einfacher zu machen: Du bist nicht die einzige Person und die anderen haben es auch nicht leichter. Hör deshalb bitte auf, dich umzuschauen und den vorschnellen Entschluss zu treffen, dass es bei allen Menschen außer dir immer wie am Schnürchen läuft. Die Leute zeigen nach außen hin nur das, was sie zeigen wollen – in 99% der Fälle ist das eben nur das gefilterte Schöne. Was sich dahinter verbirgt, kommt in den seltensten Fällen zum Vorschein. Das heißt aber nicht, dass es nicht da ist.

Genau das ist es, was ich dir ans Herz legen will: Du bist nicht weniger perfekt, weil du nicht immer alles im Griff hast. Du bist nicht weniger perfekt, weil du es nicht immer schaffst, 100 Bälle gleichzeitig zu jonglieren. Du kannst gar nicht weniger perfekt sein, weil alles, was du bist – und alles, genau so, wie es an dir ist – dich zu DIR macht. Und genau so, nicht anders, bist du richtig. 

Das Leben ist keine Lineare. Jeden Tag gibt dir das Leben eine neue Kapazität, aus der du schöpfen kannst – und diese Kapazität ist mal unendlich groß, sodass du denkst, du könntest Bäume ausreißen, an manchen reicht sie hingegen auch mal nur nur für eine heiße Dusche und völlig resigniertes „Aushalten“. Und das ist okay. Hörst du? 

Auch wenn dir gerade alles über den Kopf wächst – es hört sich oll und ausgelutscht an, aber: Es geht vorbei. Die Dinge werden sich wieder ordnen, die Wolken werden vorüberziehen und die Sonne wird auch am nächsten Morgen wieder für dich aufgehen. Hab keine Angst davor, hin und wieder in tausende Teilchen zu zerbrechen. Genau so entstehen Sterne.

Wenn du dich also wiedermal dabei erwischst, in Selbstmitleid zu versinken, mit dem Finger auf andere zu zeigen und jammernd zu denken: „Man, wie gerne würde ich doch in deren Haut stecken, dann wäre alles so einfach“, halte inne und verstehe, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Keiner hat den Schlüssel zum ultimativen Lebensglück, denn es gibt ihn gar nicht.

Ich glaube, dass wahres Lebensglück dich erst dann erreicht, wenn du genau das verstehst. Und wenn du das Glück in genau diesem Moment, so groß oder klein es sich dir gerade präsentiert, erkennst und als solches annimmst. 

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„Doch wenn ich still und alleine bin,

Sehe ich, ich bin so wie die anderen,

Wie alle, die gebrochen und verzweifelt sind,

Weil keinem von uns immer alles leicht gelingt,

Und wenn ich still und alleine bin,

Liegt mein Lachen über Dachterassen,

Weil es immer was zu feiern gibt,

… Wenn ich bei mir bin.“

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