Curvy Model Fine Bauer über den Druck, NICHT abnehmen zu dürfen

» Ich wäre vermutlich arbeitslos (...) wenn ich 10 Kilo abnehmen würde «
Fine Bauer

1,77 cm, Konfektionsgröße 44, Maße 111- 86-113. Für den deutschen und einen Großteil des europäischen Mode-Plussize-Markts sind meine Maße einfach ideal. Ich bin gut gebucht. Aber noch wichtiger ist: Ich fühle mich in meinem Körper sehr wohl.

Ich lebe von meiner Selbstständigkeit als Curvy-Model, bin seit meinem Abitur unabhängig und mein Job zahlt mir meine Miete und was sonst alles anfällt. Einerseits ist es ein mächtiges und befreiendes Gefühl das zu wissen, Druck und Sicherheitsängste machen sich dennoch immer mal wieder bemerkbar.

Denn die Möglichkeit, dass die Model-Buchungen irgendwann einbrechen, sogar ganz wegfallen könnten, besteht immer. Natürlich probiert man alles Erdenkliche aus, damit das die Karriere so lange wie möglich gut geht. Für mich bedeutet das eben, mein Gewicht möglichst in Balance zu halten. ⚖️

3 Kilos Körpergewicht mehr oder weniger sind als Curvy-Model nicht allzu tragisch. Aber wenn ich 10 Kilo abnehmen würde, von einer Konfektionsgröße 44 auf eine 38 wechseln würde, wäre ich vermutlich arbeitslos (oder müsste weitere 15 Kilos abnehmen, um als „dünnes“ Model zu arbeiten). Meine Kunden würden mich nicht mehr buchen, da ich nicht mehr in die Klamotten passen würde und mein Image als glückliches Bodypositivity-Model, wäre dahin.

Und das ist ein unterschwelliger Druck, dem man standhalten muss, sonst zerstört man sich mental selbst. 😤

Wie ich mit diesem Druck umgehe? Ich habe jahrelang gekämpft, bis ich gemerkt habe, dass das nicht der richtige Ansatz für mich ist.

Die Körpermaße von Models sind ein permanentes Thema

Und ich hasse es. Nun ja, aktuell habe ich (mal wieder) ein bisschen zugenommen. Ich pendele meistens zwischen 2 Kilos mehr oder weniger mit meinem Gewicht. Lustigerweise bemerke ich das meist als Allerletzte – und das auch nur an dem Sitz meiner Hose, nicht an meinem Körperempfinden. Meiner Model-Karriere sind die extra Kilos sogar zuträglich: Mein Model-Booker hat sich sogar sehr darüber gefreut, als ich in meiner Agentur Modelwerk das letzte Mal vermessen wurde

Die sogenannten „Polas“ – die ungeschönte Wahrheit, wie ich sie immer nenne – müssen von allen Models in der Agentur regelmäßig gemacht werden. Das heißt: Ich muss Maße nehmen lassen, eng anliegende Klamotten und Unterwäsche anziehen und davon Bilder schießen lassen. Damit die Kunden sehen, wie ich ohne perfektes Styling und Photoshop aussehen.

Natürlich tauschen wir Models uns dabei regelmäßig über unser Gewicht aus. Dabei geht es nicht um die Zahl auf der Waage an sich, sondern um unsere Aufträge, Kunden und letztendlich den Erfolg der Selbstständigkeit. Egal ob Plussize/Curvy oder Straightsize aka die „schmalen Models“. Letzten Endes werden Modelle für ihr Aussehen gebucht, ihren fotogenen Ausdruck und den perfekten Körper für die zu verkaufenden Klamotten. Wir sollen perfekt in das Produkt passen und es für die breite Masse verkaufen. Dass das Gewicht, bzw. in unserem Fall eher die Maße, ständig begutachtet und diskutiert werden, gehört dazu.

Model-Polas meiner Mutteragentur Modelwerk. Neben den „Bewerbungs-Bildern“ für Kunden werden auch die Maße genommen.

Curvy-Models müssen auch sehr auf ihren Körper achten

Dabei gibt es über uns Curvy-Models die ulkigsten Vorurteile. Die meisten Leute gehen davon aus, dass wir im Gegensatz zu unseren „dünnen“ Kolleginnen, nicht auf unsere Ernährung achten und kein Sport machen müssen – uns mehr oder weniger gehen lassen können. Natürlich lassen wir uns NICHT gehen, dafür ist der Einsatz viel zu hoch. Doch jeder Mensch funktioniert, auch was den Stoffwechsel betrifft, anders. Ich habe Plussize-Kolleginnen, die sehr unter dem Druck des Maße-Haltens kämpfen. Sie müssen sehr genau darauf achten, wie sie mit ihrem Körper, Sport und der Ernährung umgehen. Bei mir funktioniert ein lockeres Achtgeben auf meine Ernährung und dazu mein Sportprogramm. Dieser Druck bleibt mir (mittlerweile) erspart.

Da ist es naheliegend, dass wir Models uns ungewöhnlich oft über den Druck austauschen, nicht abnehmen zu dürfen. Passiert es trotzdem, verlieren wir Kunden und stehen zusätzlich im öffentlichen Rampenlicht – Kommentare auf meiner Hass-Liebe-Plattform Instagram reichen da schon völlig aus. Eine mögliche Schlagzeile über mich? „Bleibt das Plussize-Model Fine Bauer trotzt Gewichtsverlust dick im Geschäft?“ Meine Kolleginnen Angelina Kirsch und Ashley Graham wurden schon oft mit solchen oder ähnlichen Vorwürfen zu ihrem Gewichtsverlust konfrontiert und kritisiert. Ätzend.

Größere Schwankungen im Gewicht, egal ob hoch oder runter, werden nicht gern gesehen. Für viele bedeutete Bodypositivity, dass wir jeden Tag dasselbe Gewicht auf die Waage bringen und jeden Tag zufrieden mit unserer Erscheinung sind. Ein absoluter Trugschluss, denn wir sind auch nur Menschen und eine Gewichtsabnahme kann durch so viele unterschiedliche Gründe ausgelöst sein. 👇

Meine Model-Sedcard mit den wichtigsten Daten für Kunden

Abnehmen kann manchmal ungewollt passieren

Mir wurde gleich zu Beginn meiner Karriere gesagt, dass die Industrie falsch für mich sei, sollte ich mit meinem Essverhalten größere Schwierigkeiten haben. Und die hatte ich als Heranwachsende, wie viele andere junge Frauen. Wie ihr euch sicherlich denken könnt, habe ich einfach weiter gemacht und mithilfe einer Therapeutin gelernt, mit meinem Körper, dem Essen, mir selbst und vor allem diesem belastenden Druck umzugehen. 💪

Entfernt man sich von sich selbst und dem anorektischen Essens- und Gewichtsverhältnis, stellt man erschrocken fest, dass es nicht bei jedem im Umfeld eine bewusste, gewollte Entscheidung war, die Kilos purzeln zu lassen. Denn wir dürfen nicht unterschätzen, dass ein Gewichtsverlust auch oftmals unfreiwillig, z. B. aufgrund von gesundheitlichen Problemen, Stress, oder Liebeskummer passieren kann. Es gibt so viele Gründe fürs Abnehmen, die man manchmal gar nicht beeinflussen kann. Vor 1,5 Jahren hatte ich massiven Stress und viel mit Jetlags zu kämpfen. Ich habe in dieser Zeit automatisch vergessen, zu essen und durch permanente Anspannung sehr viel Fett verbrannt. Und schwupps, waren in kürzester Zeit ein paar Kilo runter. Was wäre, wenn mir so ein Szenario wieder passiert (oder schlimmer)? Bin ich dann arbeitslos? Davor habe ich natürlich Angst!

– Toi, toi, toi an dieser Stelle, dass ich niemals „schlimmer“ krank werde. 🙏

» Ich habe dem Druck seinen Spielraum genommen. «
Fine Bauer

Wie man mit dem Druck umgeht

Egal, ob es sich um den Druck handelt, nicht abzunehmen, um Leistungsdruck im Büro oder Erwartungsdruck in Beziehungen: Wann bitte tritt mal etwas so ein, wie wir es geplant oder uns gewünscht haben? Richtig– fast nie! Was kommen soll, wird kommen. Früher oder später. Und das in so ziemlich jeder Lebenssituationen. Ufffff. Ja, das ist eine Lebensweisheit, der ich aus eigenen Erfahrungen 100-prozentig zustimme. Der Druck, oder die vermeintliche Angst zu versagen, machen es nicht besser. Also, wie geht man damit um, um nicht den Kopf in wirren Gedanken und Ängsten zu verlieren?

Meine Taktik, mit dem Druck umzugehen: Als erstes akzeptiere ich, dass das, was kommen wird, eben so ist. Ob es mir passt, oder nicht. Situationen verändern sich, manchmal kann man sie beeinflussen, oftmals knallen sie einem eben aus heiterem Himmel entgegen. Deswegen habe ich gelernt, mich, so gut es geht, auf viele Möglichkeiten vorzubereiten. Ich werde niemals diese – von Druck geprägten – Situationen kontrollieren können, also schaffe ich mir einen Plan B. Diesen Plan B kann ich beeinflussen und vor allem lässt er mich deutlich besser schlafen. Er nimmt mir den permanenten Druck.

Mein Plan B: Ein Fernstudium und langsam eine redaktionelle Karriere bei trèsCLICK aufbauen. Ich gehe davon aus, dass mein Plan B irgendwann mein Plan A wird. Und wenn das soweit ist, ist es vollkommen okay. Plan C ist übrigens in the making. You never know. 👆

Ich habe keine Angst mehr, dass meine Karriere von heute auf morgen aufhört. Ich habe dem Druck sein Gewicht genommen –  und mein Plan B macht mich auch sehr zufrieden. ❤️

 

Credits: Modelwerk

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