Julia Kiener
03.09.2016 von Julia Kiener

Das Experiment: eine Woche ohne Internet auf dem Smartphone

Unser Smartphone hat sich ganz heimlich zum absolut festen Bestandteil in unserem Leben entwickelt, ohne dass man es so richtig mitbekommen hat. Morgens noch vor dem Aufstehen schaut man durch WhatsApp, Facebook, Instagram und Snapchat. Man checkt die News auf allen gängigen Nachrichtenseiten und steht erst dann langsam auf. Klar, schließlich könnte man etwas verpasst haben…

So geht das den ganzen Tag: In der Bahn, in der Mittagspause, im Büro, wenn gerade Luft ist, werden wild WhatsApp-Nachrichten ausgetauscht. Beim Abendessen mit Freunden wird noch eben ein Instagram-taugliches Bild geschossen und die Drinks gesnapt. Der Friseurbesuch wird per App gemacht und über Facebook plant man mal eben eine Geburtstagsparty.

Aber wie abhängig sind wir wirklich von unserem schlauen Telefon? Und wie ist es eigentlich, wenn man eine Woche lang auf all die „smarten“ Eigenschaften verzichtet und nur noch – ganz oldschool – via SMS und Anruf erreichbar ist? Genau das habe ich getestet.

Das Experiment

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Als ich meinen Freunden und meiner Familie eine WhatsApp-Nachricht geschickt und sie darüber informiert habe, dass ich die kommende Woche nur via SMS, Anruf oder E-Mail zu erreichen bin, waren die Reaktionen unterschiedlich.

Meine Eltern waren sofort unsicher, wie sie mich denn jetzt überhaupt erreichen sollen. „Naja, ruft mich doch an?“ Daran hätten sie jetzt gar nicht gedacht. Kleiner Spoiler: Sie haben mich auch nicht angerufen, sondern tatsächlich Mails geschickt.

Ein guter Freund zweifelte daran, dass ich länger als einen Tag durchhalte. Meine beste Freundin hingegen zweifelte weniger daran, dass ich eher schaffe, sondern eher daran, dass sie es fünf Tage lang übersteht, mir keine 20 Sprachnachrichten am Tag zu schicken. Wir stehen eigentlich 24/7 in Kontakt. Ja, zugegeben, das wird hart.

Nachdem ich groß und breit angekündigt habe, eine Woche lang ohne Internet auf dem Handy zu überstehen, habe ich mich erstmals mit den „Konsequenzen“ auseinandergesetzt. Als ich in China war, wo es zum Beispiel keinen Facebook-Access gibt, habe ich trotzdem allein aus purer Routine die App angeklickt. In jedem Hotel außerhalb Europas (klar, ich hab eine Europa-Internet-Flat), habe ich kaum angekommen den W-Lan-Hotspot ausfindig gemacht.

Ja, ich bin ein Suchti, wie quasi jeder in meinem Alter. Seitdem ich mein iPhone besitze, habe ich es non-stop bei mir – von einer kleinen Zwangspause, als es kaputt war, mal abgesehen.

TAG #1

Um genau 23:37 Uhr am Sonntagabend habe ich sowohl das mobile Netz als auch das W-Lan ausgeschaltet. Schließlich sollte mein Projekt um Punkt 00:00 Uhr beginnen, aber da wollte ich schon schlafen.

Als ich dann um 07:00 Uhr wach geworden bin, war ich zunächst fast enttäuscht, keine neuen Nachrichten empfangen zu haben. Das übliche Facebook-Instagram-Snapchat-checken bleibt auch aus. Kann man ja direkt aufstehen. Eine Runde mit meinem Babysitter-Hund und dann ab zur Arbeit. Normalerweise hätte ich mein Bahnticket via Smartphone gekauft, diesmal musste ich den Automaten nutzen und war froh, dass ich überhaupt genug Kleingeld hatte. Ich bin sonst eher die Königin der Kartenzahlung.

Auf dem Weg wollte ich mindestens einmal irgendetwas komplett Unnötiges zu googlen. Stattdessen hab ich in der Bahn zum Buch gegriffen, das ich zufällig noch in der Handtasche hatte. Das lief doch schon einmal ganz gut, so ohne Smartphone.

Im Office angekommen kam die nächste Hürde: Ich wollte ein Foto für unseren Instagram-Account machen. Das Bild inklusive Bearbeitung waren auch weniger das Problem, als die Tatsache, dass ich es ja einfach nicht posten konnte. Dann musste eben eine Kollegin daran glauben und mir die ehrenwerte Aufgabe abnehmen.

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Ich muss gestehen, aus Gewohnheit habe ich in den ersten Stunden sicherlich gefühlte 100 Mal den Homebutton gedrückt und mich schon vor mir selbst erschrocken, dass meine FOMO (Fear Of Missing Out) so groß ist, dass ich ständig mein Telefon checke. Irgendwann gebe ich auf: Wenn es wirklich wichtig ist, wird schon früher oder später ein Anruf kommen.

Tatsächlich bekam ich sogar einen. Eine Freundin wollte wissen, wann wir uns zum (Instagram-freien) Dinner treffen.

Abends im Bett habe ich dann tatsächlich statt zum Handy zum Buch gegriffen. Und das habe ich das letzte Mal so richtig bewusst im letzten längeren Urlaub gemacht. Im März 2015.

Fazit Tag #1: Läuft!

TAG #2

Feststellung Nummer 1 des zweiten Tages: Der Akku muss jetzt nur noch alle zwei Tage geladen werden. Quasi back to the Nokia 3310-Roots.

Mir fällt das Leben mit dem nicht-so-smarten Smartphone tatsächlich überraschend leicht. Einzig während der Arbeit merke ich hin und wieder, dass ich es schon gebrauchen könnte. Zum Beispiel habe ich nach wochenlangem Warten eeeendlich diesen zauberhaften Blumenlippenstift geliefert bekommen.
Normalerweise hätte ich jetzt sämtliche Büromöbel verrückt, Blumen zusammengesucht, Konfetti gestreut und erst einmal ein riiiichtig zufälliges Instagram-Bild für unseren Feed gemacht. Dann hätte ich noch das Unpacking für Snapchat gefilmt und neuerdings auch noch für die Instagram Stories. Tja, Pustekuchen. Aber der Lippenstift ist wirklich schön!

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Ich muss sogar feststellen: Tatsächlich genieße ich es aktuell richtig, dass mein Handy nur etwa 5-10 Mal am Tag aufblinkt und ich mich schon morgens für ein abendliches Telefonat mit meiner besten Freundin verabredet habe. Was im Übrigen gar nicht so einfach war, denn der musste ich erst einmal via Facebook-Message erklären, dass es wirklich einen Unterschied zwischen iMessage und SMS gibt. Sie hat sich nämlich gewundert, warum ich auf ihre Nachrichten nicht antworte. #TechnikAss… NOT. 

Aber alles in allem ist es erstaunlich entspannend und ich komme wirklich zu viel mehr als sonst, weil ich mich nicht so leicht durch mein Telefon ablenken lasse.

Fazit Tag #2: Statt erwartetem Kreischanfall gibt’s unerwartete Daumen hoch!

 

TAG #3

Um noch einmal auf die Laufzeit des Akkus zu sprechen zu kommen. Mittwoch, 22:00 Uhr: 91%. Take that!

Auch Tag drei lief super. Freunde haben angerufen, um zu fragen, wie es läuft (und ob ich noch lebe). Ich bin mir relativ sicher, dass der eine oder andere testweise WhatsApp-Nachrichten geschickt hat, nur um zu schauen, ob ich das wirklich durchziehe. Ob dem wirklich so ist, erfahre ich dann am Samstag. Jaaa, ich werde das durchziehen, meine Lieben!

Meine Eltern, die sich nicht ganz sicher waren, wie sie mich überhaupt erreichen sollen, haben einen neuen Weg gefunden: E-Mail. Anrufen ist offenbar wirklich keine Option und da ich angekündigt habe, zumindest meine Mails gelegentlich am Desktop zu checken, wird dieses Medium natürlich genutzt.

Dafür gab es neue Hürden: Online-Banking, das Wetter und mein nicht vorhandener Orientierungssinn. Normalerweise checke ich meinen Kontostand ausschließlich via Banking-App auf dem Handy. Geht jetzt natürlich nicht.
Genau so ist es mit dem Wetter. Statt schon Tage im Voraus zu wissen, was ich in den kommenden paar Tagen so anziehen könnte, mache ich das derzeit ganz altmodisch: Ich schaue aus dem Fenster und halte mal eine Hand raus, um die Temperatur zu checken. Fertig.
Mit meiner nicht vorhandenen Orientierung ist das allerdings tatsächlich etwas schwierig ohne Internet. Momentan kann ich mich abends nur an Orten verabreden, zu denen ich ohne Probleme und vor allem ohne Maps finde.

TAG #4 & #5

Die zwei letzten Tage kann ich tatsächlich gut zusammenfassen. Mein Handy lasse ich mittlerweile in der Mittagspause im Büro liegen, wenn ich mich abends verabredete, blieb es auch zu Hause. Wirklich ganz kurz: Mein Handy interessiert mich nicht. Zumindest nicht bis Samstag, wenn ich mein Internet wieder einschalte und wieder unter den smarten Smartphone-Besitzern ankomme. Juchuuu.

#TAG 6 – ENDLICH WIEDER INTERNET, ODER NICHT?

Ich habe eine Woche lang das Internet auf meinem Handy ausgeschaltet

Ja, ich war noch nach Mitternacht wach und nein, ich habe das Internet nicht panisch sofort wieder eingeschaltet. Ich bin erst einmal ganz in Ruhe schlafen gegangen und habe meine restliche Zeit genossen. Samstags um 09:26 Uhr war es dann so weit.

Ehrlich gesagt habe ich mich etwas davor gedrückt und mir erst einmal in aller Ruhe Frühstück gemacht. Ich wusste ja, wenn ich alles wieder einschalte, muss ich mich erst einmal durch einen Nachrichtenwust arbeiten und antworten und bin dann ganz offiziell wieder erreichbar.

Mit einem Kaffee in der Hand war ich dann bereit. 98 ungelesene WhatsApp-Nachrichten, 4 Snaps, 154 ungelesene iMessage-Nachrichten (ja, wirklich, 154 Mal haben meine Freunde den unterschied zwischen iMessage und SMS nicht verstanden und sich gewundert, warum ich nicht antworte ), 5 E-Mails und 3 Facebook-Benachrichtigungen (letzteres habe ich zuletzt am Freitag auf der Arbeit gecheckt). Ich war erleichtert, dass es eigentlich nur so „wenig“ war und am Ende die meisten Nachrichten in Gruppen angekommen sind, in deren Konversation ich Tage später nicht mehr einsteigen musste.

Mein persönliches Highlight, als ich die Nachrichten durchgegangen bin? Ein Freund, mit dem ich sonst wirklich in regem Kontakt stehe, hat sich derweil einfach mit sich selbst unterhalten. Armer Kerl. 

Ich habe eine Woche lang das Internet auf meinem Handy ausgeschaltet

DAS #FAZIT

Habe ich etwas Weltbewegendes verpasst? Nein! Keine Neuigkeiten, die mich komplett kalt erwischt haben, nichts, was ich ohne Internet nicht auf die Reihe bekommen hätte. Trotzdem ist mein Fazit, dass es schön ist, es wieder zu haben. Schließlich ist es im Alltag unglaublich praktisch und macht uns das Leben an mancher Stelle wirklich leichter. Außerdem ist und bleibt es meine Informationsquelle Nummer eins. Klar, ich liebe das Internet, sonst würde ich wohl kaum bei einem Online-Magazin arbeiten.
Dennoch lasse ich mein Handy jetzt öfter in der Tasche und ermahne mich zwischendurch selbst, es abends einfach mal gegen ein Buch auszutauschen. Das funktioniert auch ohne alles abzuschalten ziemlich gut.

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Mehr über: Facebook, Internet, WhatsApp, iPhone, Smartphone
Credits: Giphy.com, Screenshot iPhone 6/Julia Kiener, Unsplash/Annie Spratt, Unsplash/William Iven
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