Très Click
01.02.2021 von Très Click

Was Janine Kunze und Co. über ihre „abstoßenden, ignoranten“ Rassismus-Äußerungen sagen

„Mir fehlen die Worte. Das ist wirklich nur noch zum Schämen“, twitterte SPD-Chefin Saskia Esken am Samstag. Es ist nur ein Kommentar von vielen, die am vergangenen Wochenende das Netz überfluteten. Voller Entsetzen und Empörung (zurecht) über die Szenen, die sich kürzlich in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ abspielten. Kurz zur Einordnung: Die Show verspricht seinen Zuschauern Meinungen und Diskussionsrunden von verschiedenen Prominenten über „politische Geschmacklosigkeiten, grenzwertige Promi-Tweets, fragwürdige Schlagzeilen oder Moralfragen“. Dabei waren es in der Show vom Freitag (by the way übrigens sogar nur die Wiederholungsshow) vor allem die Aussagen der anwesenden Talk-Gäste, die hier kaum noch an Geschmacklosigkeit und Fragwürdigkeit zu toppen sind.

Zu Gast waren Autor Micky Beisenherz, Moderator Thomas Gottschalk, Schauspielerin Janine Kunze und Schlagersänger Jürgen Milski. Das erste Thema in der Runde: „Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ Hierfür gab’s von Moderator Steffen Hallaschka zur Einstimmung noch ’nen netten Einspieler-Clip, der vor allem auch einen Kommentar von Barbara Schöneberger zur Topic machte. Die sorgte nämlich bereits im letzten Herbst für einen Shitstorm, als sie die Zigeunersoße als eine „Soße ohne festen Wohnsitz“ betitelte. Und nun möchte man ja eigentlich meinen, man hätte vielleicht aus solchen unsensiblen Äußerungen gelernt. Aber Fehlanzeige.

Janine Kunze: „Hier sitzt eine blonde Frau mit relativ großer Brust“

Denn die gesammelte Talkshow-Truppe schien sich in einem Punkt ziemlich einig zu sein. Nämlich, dass der ganze Trubel doch eigentlich völlig überzogen sei. Der Name „Zigeunersauce“ rassistisch? Man kann auch übertreiben, so die Kurzversion der einzelnen Aussagen. Jürgen Milski redete nur davon, dass man sich früher ja nie über solche Dinge Gedanken gemacht hätte (Dann lieber jetzt mal damit anfangen, was?!) und dass hier in Deutschland ja sowieso nur alles auf die Goldwaage gelegt werde.

Doch vor allem Janine Kunze sorgte anschließend mit ihrer Meinung für die krassesten Wellen der Empörung im Netz. „Wir thematisieren so viel und wir problematisieren so viel und terrorisieren dann schlussfolgernd auch so viel. (…) Da sitzen wahrscheinlich zwei, drei Leute, die haben dann auch nichts besseres zu tun und fangen dann mit diesem, in meiner Welt, Quatsch an. Ich möchte auch niemandem zu nahe treten, aber ich find’s nervig“, so ihr Statement.

Und weiter: „Entschuldigung, hier sitzt eine blonde Frau mit relativ großer Brust. Was meinst du denn, was wir uns anhören müssen? (…) Wenn ich mich jetzt für jeden Mist beleidigt fühle, dann habe ich ein echt bescheidenes Leben.“ Auch „nett“, Thomas Gottschalk, der im Verlauf der Sendung noch von einer Party in Beverly Hills erzählte, bei der er sich als Gitarrenlegende Jimi Hendrix verkleidet habe, inklusive schwarz geschminktem Gesicht. Eine richtige „Art Erweckungserlebnis“ sei es in seinen Worten für ihn gewesen. Er habe da das erste Mal nachempfinden können, wie sich schwarze Menschen fühlen. 🤦‍♀️

Dass jede dieser Aussagen (und wir haben nicht mal alle aus der Sendung aufgegriffen) einfach nur naiv, empathielos und unreflektiert sind, müssen wir keinem sagen. Und man muss sich einfach auch mal vor Augen führen, dass hier vier (mit Hallaschka fünf) weiße Menschen, ohne jegliche Rassismuserfahrung, sitzen, die Alltagsrassismus diskutieren. Und darüber reden, ob ein Wort nun rassistisch sei oder nicht. Das allein ist ein Umstand, den man dem WDR an dieser Stelle schon mal vorwerfen muss. Hier mal nur ein paar der Negativ-Stimmen im Netz:

„Arrogant, ignorant, selbstgefällig“, fasste SPD-Politikerin Sawsan Chebli die WDR-Show zusammen. „1,5 Sek nachdem wir in Deutschland so getan haben, als würde uns die Bekämpfung von Rassismus interessieren“, schrieb Grüne-Politikerin Aminata Touré in einem weiteren Tweet.

Der WDR und seine Gäste reagieren auf den Rassismus-Shitstorm

Mittlerweile folgten auf den Shitstorm logischerweise bereits die ersten Reaktionen der Verantwortlichen. Der WDR beispielsweise teilte auf mehreren Ebenen folgendes Statement mit: „Der Verlauf der Sendung war nicht, wie wir es geplant und uns vorgestellt hatten. (…) Rückblickend ist uns klar: Bei so einem sensiblen Thema hätten unbedingt auch Menschen mitdiskutieren sollen, die andere Perspektiven mitbringen und/oder direkt betroffen sind. Wir lernen daraus und werden es besser machen.“

Besser machen will es offensichtlich auch Janine Kunze, die sich in einem Instagram-Posting ebenfalls über ihren peinlichen Talk äußerte: „Es tut mir unendlich leid und ich habe festgestellt, dass ich nicht ausreichend aufgeklärt bin. Mir ist klar geworden, dass ich Menschen, insbesondere die der Sinti und Roma Community, mit meinen unbedachten Äußerungen zutiefst verletzt, als auch diskriminiert habe und dafür möchte ich mich nochmals aufrichtig entschuldigen. Gerade ich als Mutter von drei Kindern, sollte aufgeklärter sein, wenn es um unser vorurteilsbehaftetes Sprachsystem geht, für dessen Mitgestaltung wir alle verantwortlich sind. Ich werde zukünftig meine Wortwahl überdenken, denn es war falsch, dass ich mir angemaßt habe, als privilegierte weiße Frau über ein Thema zu sprechen, welches ich in seiner Konsequenz und in seinen Ausmaßen nicht beurteilen kann! Mein Wunsch ist es, dass wir voneinander lernen, uns gegenseitig unterstützen, um gemeinsam den richtigen Weg zu finden.

Viele Fans scheinen ihr diese Worte jedoch nicht abzunehmen. In den Kommentaren auf ihrem Account ist von bloßer „Schadensbegrenzung“ die Rede. Aber dieses Fass wollen wir an dieser Stelle mal gar nicht erst aufmachen.

Micky Beisenherz spricht von „schwacher Performance“

Micky Beisenherz meldete sich mittlerweile ebenfalls in seinem Podcast „Apokalypse & Filterkaffee“ zu Wort und gesteht sich einen falschen Umgang mit der Situation ein. „Auch von mir war das eine sehr schwache Performance in dieser Show, die im Kern schon falsch zusammengesetzt war. Wenn da vier Kartoffeln sitzen und über Rassismus mit Karten abstimmen, ist im Kern ja schon mal etwas falsch. Das kannst du so einfach nicht machen. Du kannst über viele Dinge diskutieren, aber als Gesellschaft sind wir ja deutlich weiter, als im Jahr 2021 ernsthaft über dieses verdammte Schnitzel zu diskutieren und zu sagen: ‚Ich möchte unbedingt noch das Z-Wort benutzen.’“ Über diese Themen trotzdem zu diskutieren, in so einem Panel, mit rein weißer Besetzung, hätte laut Beisenherz ehrlicherweise auch durchaus etwas „mit Arroganz und Hybris zu tun, dass man trotzdem hingeht und sagt: ‚Gib her‘.“ Es täte ihm leid, wenn er Leute enttäuscht hätte. „Ich nehme die Kritik an meiner Performance sehr ernst. Ich hätte einfach in der Sendung bei vielen problematischen Aussagen wirklich vehementer reagieren müssen.“ 

Und damit beenden wir das Thema an dieser Stelle mal. Wenn wir alle etwas aus der ganzen Sache mitnehmen sollten, dann wohl, dass es noch sehr viel mehr Diskurs zum Thema Rassismus bedarf. Und dass wir uns alle stetig weiterbilden, hinterfragen und in unseren Aussagen und (teils vielleicht  noch festgefahrenen, falschen, White Privilege) Meinungen reflektieren sollten. Denn nur so schaffen wir es, die machtvollen Strukturen von Rassismus ein Stück weit mehr zu durchbrechen. Und dafür sollten wir uns alle einsetzen. ❤️

Hier abschließend nur ein passendes TikTok-Video zu dem Thema, das wir im Netz gefunden haben:

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