„Du bist zu viel“ – Ein übergriffiger Satz, der schlimme Auswirkungen haben kann!

„Manchmal, naja… bist du schon echt ‚a lot‘, weißt du?“. Das erste Mal hörte ich so eine Aussage von einer „Freundin“, als ich mal wieder Liebeskummer wegen meines Ex-Freundes hatte. Sie lächelte dabei und guckte etwas mitleidig, aber es traf mich schon ziemlich.

Bin ich selbst schuld? Bin ich zu viel? Bin ich anstrengend? Muss ich das ändern, um geliebt zu werden? 

Diese Aussage, die vielen Menschen leichtfertig über die Lippen kommt, hat auch andere Gesichter. Vergleichbare Sprüche mit der gleichen Bedeutung sind für mich:

„Du bist schon echt laut.“

„Du lachst halt ziemlich viel…“

„Du bist immer so überdreht“

„Du bist nunmal extrem emotional und redest da sehr viel drüber.“

„Du zeigst dich zu sexy.“

„Du brauchst immer so viel Aufmerksamkeit.“

Ich sage euch, das geht direkt durch den Körper, straight in die Gedankenwelt und hat einen großen Einfluss darauf, wie man sich weiterentwickelt. Ich habe dadurch nämlich ein sehr extremes Verhalten aufgebaut, in dem ich permanent darauf achte, wie meine Umwelt und andere Menschen auf mich reagieren, mich anschauen und wirken. Und das ist super anstrengend. Gerade für Personen wie mich, die fast krankhafte People Pleaser sind, geht da der Blick nach innen und ein gesunder Egoismus gen 0.

Ich spreche sehr leise in der Bahn, ich versuche wenig laut zu lachen, nicht auffällig zu gestikulieren, einfach „angenehm“ zu sein. Auch für meinen Freund, meine Familie, meine Freundinnen. Daraus hat sich auch ergeben, dass die erste Antwort auf die Frage, wie es mir gehe, immer lautet „Alles gut.“, auch wenn es das nicht ist. Einfach, weil sich in mir der Gedanke festgepflanzt hat, dass ich mich aufdränge, anstrengend bin, negative Energie ablasse und meinen Liebsten „zu viel“ werde. Ich mag Selbstmitleid, aber hasse Mitleid anderer. Ich nehme Hilfe an, wenn ich sie brauche, aber habe auch ein irre hohes Bedürfnis, das Gleiche für mein Umfeld zutun, damit ich bei niemandem in der Schuld stehe.

Wie oft war ich needy for attention, wenn ich meinen Ex-Freund als Beistand brauchte und er sich eingeengt gefühlt hat. Irgendwann hatte ich so eine Angst, etwas falsch zu machen und „zu viel dieses und jenes“ zu sein. Die Kreise zogen sich immer enger und ich war weder noch ich selbst, noch ein freier Mensch. Und nach unserer Trennung konnte ich mich neu kennenlernen, meine Art lieben und dabei sehen, wie mein Leuchten und meine Liebe zur Freiheit zurückkam. Das Schönste ist eigentlich, dass mein jetziger Freund mein größter Supporter ist und mir noch nie (!) das Gefühl gegeben hat, ihm nicht zu passen oder nicht perfekt genug zu sein. Es ist nämlich ein Unterschied, ob dein Partner zu dir „Du bist traurig, oder? Was ist passiert?“ sagt, oder „Du bist zu traurig und zu emotional, andauernd weinst du“. Big difference!

Ich war zu sensibel, ja viiieeeel zu sensibel! Sehr viele Babyboomer erklären mir auch heute noch, dass ich so wie ich bin im Job „nicht weit kommen“ werde. Ja, vielen Dank für den Support. Ich denke nicht, dass das unbedingt mein Problem ist, wenn ein Unternehmen mich nicht mag, aber dann ändere ich eben schnell meine Persönlichkeit und tu so, als hätte ich keine Schwächen – ist ja easy. Needy zu sein ist okay, es aber im negativen Sinne immer wieder gesagt zu bekommen, ist absolut nicht gewollt und bringt auch niemandem was.

Es ist völlig egal, wie ein anderer Mensch „needy“ oder „zu viel sein“ auslegt, wo da die individuellen Grenzen sind, wie das für jede:n unterschiedlich definiert wird. Es ist so eine grenzüberschreitende „Feststellung“, die so extrem im eigenen Ermessen liegt, dass es echt verboten sein sollte, so etwas einfach in den Raum zu werfen. Ich muss so vieles ausgleichen, habe so viele zwischenmenschliche Zwänge auf dieser Grundlage entwickelt.

Ich bin auch heute oft immer noch „zu viel“. Einfach rein äußerlich. Ich trage manchmal zu viel Farbe. Zu viel Ausschnitt. Zu modische Sachen. Zu unmodische Sachen. Ich schwanke in der Wahrnehmung anderer immer zwischen „zu viel“ und „die könnte so viel aus sich machen“. Ich bin auch zu groß: „Also Größe ist ja zweitrangig, aber ich persönlich wäre nicht gerne so riesig, ich finde das zu groß. Und viele Männer finden das auch zu groß für eine Frau.“ Joa, gut, dass wir das auch geklärt haben und ich da jetzt endlich deinen Standpunkt weiß, der super wichtig und es absolut wert ist, mich für etwas passiv zu kritisieren, was ich nicht mal beeinflussen kann. Lieben wir.

Und einfach alles daran nervt mich, verletzt mich, triggert mich. Tag für Tag bemühe ich mich so sehr, solche Feststellungen anderer Menschen nicht an mich heranzulassen, aber es ist hart. Es ist wirklich schwer! „Hör da nicht hin“, heißt es immer wieder. Ja, ach was! Tolle Idee, bin ich nie drauf gekommen, LOL! Das ist scheiße schwer, was für eine selten dämliche Aussage. Selbst im nett gemeinten Sinne, kann ich „zu viel“ sein. Ich bin zum Beispiel immer „viel zu nett“. Was soll das überhaupt bedeuten? Mache ich den Anschein, als bräuchte ich Hilfe dabei, gemeiner zu sein? Was genau hat jetzt den Eindruck vermittelt, dass ich NEEDY für einen solchen ungefragten Rat bin?

Ich möchte einfach nur sein. Ich wünsche mir, so sein zu dürfen, wie ich bin. Und dass wir alle etwas sensibler mit Aussagen und Verbesserungsvorschlägen umgehen, die den Charakter eines anderen Menschen betreffen. Wir können nie ahnen, was aus solchen Aussagen entsteht, welche Triggerpoints wir treffen und was für Unsicherheiten auch entstehen, die vorher gar nicht da waren.

Ich möchte lernen, mich nicht für meine Art entschuldigen zu müssen, solange sie niemanden verletzt. Ich will unbeschwert glücklich sein, denn es bedankt sich eh keine fremde Person, nur weil ich in der Bahn schön leise spreche. 😄 Ich bin nicht „zuuu …“ whatever, ich bin toll und großartig und liebenswert. Und das gilt auch für dich! Du bist nicht „zu viel“. Du bist genug. Sorry not sorry.

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