Wie Fleischkonsum vertretbar(er) wird: So funktioniert der ganzheitliche Online-Shop EinStückLand

Ein Tier, artgerecht gehalten, das erst geschlachtet wird, wenn all seine Einzelteile vollständig verkauft sind und verwertet werden können. So lautet die Devise des Online-Marktplatzes „EinStückLand“. Kein sehr gängiger Produktionsweg – jedenfalls nicht in unserer heutigen Zeit. Umso interessierter fragte mich meine Kollegin also: „Was hältst du denn eigentlich davon?“

Nun gut. Dafür muss ich vielleicht etwas weiter ausholen (und dennoch ist dieser Artikel wohl schon Beweis genug dafür, dass dieses Konzept irgendwie Eindruck hinterlassen hat). Ich selbst ernähre mich weitestgehend vegan. Ursprünglich aus der Intension heraus, meinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Denn die Fleisch- und Milchprodukte-Produktion nimmt Unmengen an Ressourcen in Anspruch, ist für die Rodung des Regenwalds mitverantwortlich, begünstigt Ausbeutung, produziert CO2 und sorgt für Wasserknappheit in vielen Bereichen der Welt.

Sehr schnell kam für mich dann allerdings auch der moralische Gedanke hinzu. Kaum ein Tier, das auf unserem Teller landet, ist heutzutage noch artgerecht aufgewachsen. Die meisten sogenannten Nutztiere werden in zu engen Stallungen gehalten, mit Antibiotika vollgepumpt, sind einem enormen Stresslevel ausgeliefert und sterben deutlich früher, als sie es naturgegeben eigentlich müssten.

Ich selbst will daher keine tierischen Produkte mehr essen. Und doch fasziniert mich das Konzept von „EinStückLand“. Denn erstmals scheint es wieder einen Weg zu geben, der uns zurückbringt – hin zu einem wertschätzenden Konsum von Fleisch. Einer, wie ihn unsere Großeltern vielleicht noch betrieben haben. Damals gab es keine Fleisch“abfälle“. Und auch keine Massenproduktion. Keine geschredderten Küken und keinen maßlosen Konsum. Fleisch war ein Luxusgut und wurde nur dann gegessen, wenn es verfügbar war. Wenn also wieder mal ein Bauer zur Schlachtung rief oder das Geld für einen solchen Genuss zur Verfügung stand…

Unser Konsum hat nichts mehr mit Wertschätzung zu tun

Von alledem sind wir heute unendlich weit entfernt. Dabei liegen noch nicht einmal hundert Jahre zwischen unserem Essverhalten und dem unserer Vorfahren. Fleisch gibt es heute im Supermarkt ab 0,99 Cent. Regale voller Sonderangebote und extrabilligem Preis-Gedumpe lassen uns die Maschinerien und Qualen dahinter vergessen.

Über das kurze Leben der Tiere sprach ich in diesem Zusammenhang ja bereits. Doch auch die Landwirtschaft kann sich bei solchen Kampfpreisen nur schwer über Wasser halten. All das führt zur Ausbeutung von Arbeitskräften… und noch schlechteren Haltungsbedingungen.

Die Website von „EinStückLand“ wirkt dagegen schon fast wie die Bilderbuch-Werbung von Heidi und Co.! Freilaufende Tiere auf grünen Wiesen, die ein entspanntes Leben führen, bis sie geschlachtet… und schließlich vollständig verwertet werden. Klingt irgendwie fast noch dramatischer? Vielleicht. Aber wohl auch nur, weil in diesem Fall das Tier zurück in den Fokus rückt. Ein Tier, über das wir uns beim zehnten Regal in der Fleischabteilung schon längst keine Gedanken mehr machen.

Gründer Hinrich, Gründerin Lina und Hund Woozel

Was aber bewegt einen Menschen dazu, eine solche Plattform zu gründen? Und wie artgerecht werden die Tiere am Ende wirklich gehalten? Das habe ich Gründer Hinrich gefragt – der uns Rede und Antwort stand.

trèsCLICK: Was, glaubt ihr, ist die Motivation der Konsument*innen, ausgerechnet bei euch einzukaufen?

Hinrich von EinStückLand: Die Menschen wollen sich gesund ernähren und ganz wichtig ist dabei auch, dass das Tier ein gutes Leben hatte. Die Medien sind voll mit Horrormeldungen und intransparenten Lieferketten etc.. Unsere Kunden möchten wissen, dass das Tier artgerecht und mit Respekt gehalten wurde, aber auch, dass der Landwirt einen fairen Preis für seine gute Arbeit bekommt und dass das Fleisch ohne Medikamente vollgepumpt ist und nicht in kurzer Zeit hochgemästet wurde.

Wie schafft ihr es, mit eurem Konzept transparent für die Kund*innen zu bleiben? Zeigt ihr alle Seiten des Vertriebs oder nur die werbetauglichen grünen Wiesen?

Wir versuchen unseren Kunden online mit Texten und Bildern so viele Informationen wie möglich zu geben. Jedenfalls denen, die es wirklich wissen wollen. Hinzu kommen Videos, regelmäßige Auftritte im TV und eben unsere ehrliche Art. Ich denke, dass die Kunden uns auch einfach vertrauen, weil wir seit Tag 1 unserem Weg treu geblieben sind. Wir zeigen über Social Media auch Bilder von Schlachtkörpern bei unserem Schlachter. Eigentlich wollten wir auch mit einem Kamerateam nochmal alles aufnehmen, wobei durch Corona unser Dorfschlachter natürlich keine betriebsfremden Menschen in seinen Betrieb lässt.

EinStückLand bietet „ehrliches Fleisch aus’m Norden“

Wie wird bei „EinStückLand“ die Auswahl getroffen, welches Fleisch zum Verkauf angeboten wird?

Ein Rind besteht aus verschiedenen Teilstücken. Hauptsächlich wollen Kunden Filet und Kurzgebratenes. Bei einem Tier mit 200 kg Fleisch macht das Filet z.B. gerade mal 4-5 Kilogramm aus! Welches Fleisch bei uns im Online-Shop landet, ist also durch die Natur bestimmt. Hauptsächlich Hackfleisch und Schmorfleisch wie Braten, Rouladen, Gulasch, Short Ribs etc., aber dann natürlich auch in geringeren Mengen Filet, Hüftsteak, Rumpsteak. Wir vermarkten ein Tier komplett, bevor wir es schlachten. Deswegen gibt es als Basis vordefinierte Pakete mit „allen“ Teilstücken, quer durchs Rind. Somit muss unser Kunde sich auch mal mit einem Braten auseinandersetzen. Dieses Konzept der Fleischpakete bieten wir sowohl beim Rind, Schwein, als auch beim Geflügel an.

Kann die vollständige Verwertung des Tiers überhaupt gewährleistet werden?

Wir sind natürlich darauf angewiesen, dass der Kunde alles vom Tier auch kaufen möchte. Durch unsere Reichweite nach ganz Deutschland schaffen wir das aber sehr gut, da die Teilstücke wie Zunge, Leber, Herz etc. ja nur einmal pro Rind vorkommen. Wir brauchen also für ein Rind nur einen Kunden in ganz Deutschland, der eben gerne Herz isst. Das schaffen wir alles sehr gut. Wenn das Herz mal übrig bleibt, dann vermarkten wir das über unsere Hofläden in Kayhude und Hamburg Uhlenhorst. Die Hofläden runden daher unser Konzept perfekt ab.

Gibt es Teile der Tiere, die nicht verwertet werden können oder die weniger gerne durch Konsument*innen abgenommen werden?

Wir können das Fell bis dato nicht vermarkten. Das liegt aber nicht an den fehlenden Kunden, sondern an den fehlenden Gerbereien in Schleswig-Holstein. Pansen und Blättermagen können wir auch noch nicht vermarkten, da wir dafür eine extra Zulassung brauchen. Das werden wir im nächsten Schritt aber auch angehen und dann Hundefutter herstellen.

» Es reicht schon aus, wenn die Hauptquelle [für Fleisch] Vermarkter wie wir sind. «

Wie alt werden die Tiere im Durchschnitt, bevor sie geschlachtet werden?

Unsere Tiere werden im Schnitt 3 Jahre alt (Rind), 1,3 Jahre alt (Schwein) und 19 Wochen (Geflügel). Bei allen Tieren ist es über das Doppelte als in der konventionellen Haltung.

Kauft ihr persönlich noch Fleisch aus dem Supermarkt?

Eher weniger. Ab und zu ist es aber unumgänglich. Wir sind aber auch der Meinung, dass man kein Extremist werden soll. Es reicht ja schon aus, wenn die Hauptquelle Vermarkter wie wir sind. Wir verzichten aber unter anderem komplett auf Avocados, Ananas, Lachs etc., weil das gegen unsere Überzeugung ist.

Und, andersherum: Würdet ihr eure Produkte gerne irgendwann als ganzheitliche Alternative im Supermarkt sehen?

Wir persönlich wollen den Kontakt zu unseren Kunden halten. Nur so können wir garantieren, dass unsere Philosophie so weitergegeben wird, wie wir es möchten. Wir wollen nicht einfach nur Fleisch vermarkten, sondern aufklären! Das ist uns sehr wichtig. Wir bekommen immer wieder Anfragen, ob wir nicht über Supermarkt XY unser Fleisch verkaufen wollen. Wir sehen da keinen Mehrwert für uns, sondern eher einen Schritt in die falsche Richtung. Wir wollen ja gerade die Zwischenhändler ausschalten, um den Landwirten einen guten Preis bezahlen zu können.

Wir finden: GENAU DAS und sagen DANKE – für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Ja, Alternativen gibt es – wie diese hier

Gute Haltung und ein gesichertes Tierwohl haben dabei natürlich ihren Preis. Durchaus einen, der für manche zunächst abschreckend wirken mag. Wer auf bewussten Fleischkonsum zukünftig aber Wert legen will, der ist hiermit bislang sicherlich am besten bedient. Oder reduziert zunächst erst einmal die Menge – und nimmt auf Bio-Siegel Rücksicht.

EinStückLand geht darüber hinaus eben noch einen entscheidenen Schritt weiter. Oder eben zehn zurück. Besinnend auf eine Zeit, in der Fleisch noch etwas Besonderes war, nur als Sonntagsbraten auf dem Esstisch landete und vollständig verwertet wurde. Nachhaltiger geht der Konsum tierischer Produkte wohl kaum noch. Außer natürlich man verzichtet einfach ganz. Wer darin aber keine Möglichkeit sieht, der sollte dem Online-Marktplatz von Hinrich und Lina definitiv einen Besuch abstatten. Lasst euch den (Sonntags)Braten schmecken… und euch vor allem ein kleines Stückchen mehr aufklären.

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