Brauchen wir wirklich noch eine weitere schlanke Schauspielerin in einem Fatsuit?

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Zuerst die grausame Baroness Von Hellmann in „Cruella“, nun die böse Miss Trunchbull (oder auch Fräulein Agatha Knüppelkuh) im kommenden Film „Matilda the Musical“ (Kinostart: 25.11.2022). Gibt es eine Schurkin, in die sich die unfassbar tolle Oscar-Schsuspielerin Emma Thompson (63) nicht verwandeln kann? Scheinbar nicht! Auch wenn sie sich für ihre neueste Rolle als Schulleiterin, die darauf aus ist, das unabhängige Denken ihrer Grundschüler:innen auszulöschen (urghhh), ordentlich verändern musste. Und das mit Hilfe von Gesichtsprothesen und einem sehr umstrittenen Fatsuit, der die schlanke Britin für den Film mal kurz in eine üppige Frau verwandelt hat! Und genau das sorgt aktuell mal wieder – ähnlich wie schon bei Renée Zellweger in „The Thing About Pam“ – für ordentlich Diskussionen und wirft die Frage nach einer authentischen Rollenbesetzung erneut auf.

Was darf ein Schauspiel?

Auch ich dachte sofort, als ich Emma Thompson das erste Mal in ihrem Fettanzug sah, „Bitte nicht schon wieder“! Doch das nicht in erster Linie wegen meiner persönlichen Wahrnehmung. Denn ich muss an dieser Stelle ehrlich zugeben, dass mich persönlich der Umgang mit Fatsuits (ebenso wenig wie der Einsatz von Muckie-Anzügen oder Gesichtsprothesen) nicht besonders triggert. Und das, obwohl ich die Konfektionsgröße 44 trage und damit selbst als übergewichtig zähle! Emma Thompson, die regulär eine Konfektionsgröße 36 trägt, repräsentiert also sozusagen stellvertretend – mit Gesichtsprothesen und einem Fatsuit – meinen Körpertyp in ihrem neuen Film! Und trotzdem sehe ich ihre Rolle in erster Linie als das an, was es eben ist: ein Schauspiel, bei dem die Darsteller:innen eben bestimmte Rollen künstlerisch gestalten und darstellen. Dass Emma dafür nun in einen Fatsuit springen musste, greift mich persönlich trotzdem nicht an. Und es ändert auch nichts an meinem eigenen Wert und meiner Selbstwahrnehmung!

Doch das tut es vielleicht bei jüngeren Menschen, die noch nicht so gefestigt in sich selbst sind, und auf die der Einsatz eines Fatsuits eventuell diskriminierend wirken kann. Und vielleicht sogar diskriminierend ist?! Denn dieses Thema bringt uns doch erneut zu der Frage, ob in Hollywood auch nur ansatzweise eine Chancengleichheit herrscht?! Wenn hier doch wieder eine Figur mit Rundungen mit einer (dafür quasi zu) schlanken Schauspielerin besetzt wurde. Das ist dann eben der Punkt, bei dem auch ich denke: „Bitte nicht schon wieder“! 

Denn Fakt ist leider nun mal: Schauspieler:innen über einer Konfektionsgröße von 38/40 erhalten in Hollywood kaum Chancen, ihr Können unter Beweis zu stellen und eine facettenreiche Rolle (also nicht nur – plump gesagt – das „naive Dickerchen“), authentisch auf der Leinwand zu verkörpern! Womit uns sicherlich etwas entgeht! Soll heißen: Auch wenn mich persönlich eine weitere Schauspielerin im Fatsuit nicht triggert, finde ich die Diskussion diesbezüglich wichtig. Denn sie macht die in unserer Gesellschaft noch zu oft existierende Chancen-Ungerechtigkeit nur noch einmal mehr deutlich!

Wir sollten uns also vielleicht lieber nicht die Frage stellen, ob wir wirklich noch eine weitere schlanke Schauspielerin in einem Fatsuit brauchen, oder was Schauspielerei darf und was nicht, sondern vielmehr: Hätte es nicht direkt eine körperlich passendere, authentischere und ebenso talentierte Schauspielerin für die Rolle gegeben? Die Antwort lautet leider „Nein“! Und warum nicht? Weil die meisten Schauspieler:innen, die sich nicht an die Hungerspiele halten, erst gar nicht so weit kommen. Dazu äußerte sich kürzlich ja auch erst „Stranger Things“-Schauspielerin Shannon Purser (25). In einem Tweet schrieb sie, dass Hollywood „keine fetten Schauspieler:innen für ikonische fette Charaktere einstellt, weil sie einen Star mit großem Namen wollen.“ „Fette Schauspieler:innen“ hingegen würden von der Industrie vielmehr „als zweidimensionale Ersatzstücke“ angesehen und direkt vom Aufstieg nach oben ausgeschlossen werden

Und das passt. Schaut man zurück, gab es bereits etliche bekannte, schlanke Schauspielerinnen (alle natürlich talentiert, das steht außer Frage), welche man lieber in einen Fatsuit steckte, als die Rolle authentisch zu besetzen. Dazu gehörten unter anderem Amy Adams, Courteney Cox, Renée Zellweger, Gwyneth Paltrow, Julia Roberts, Mila Kunis und Sarah Paulson.

Und nun eben auch Emma Thompson. Wobei „Matilda“ nicht mal der erste Film ist, für den die Schauspielerin in körperverändernde Prothesen gesteckt wurde. Nun wurde nämlich enthüllt, dass sie für ihre Rolle als Karen in „Tatsächlich Liebe…“ ebenfalls einen Fatsuit trug. Zur Erinnerung: Karen ist die Zweifach-Mutter, die natürlich nur bequeme, weite, fast schon „altbackene“ Klamotten trägt, und fast von ihrem Mann mit dessen sexy, schlanken Angestellten betrogen wird. Die Redakteurin Emmie Harrison-West schrieb dazu in einem Artikel, dass sie selbst – als größere Frau – diese Karikatur ihres Körpertyps als absolut erniedrigend empfunden hätte.

Viele Kritiker:innen des Fatsuits bezweifeln außerdem stark, dass Schauspieler:innen mit einem Fatsuit den Schmerz nachempfinden könnten, wie es zum Beispiel ist, wenn man als Person mit mehr Gewicht keine passende und moderne Kleidung in der eigenen Konfektionsgröße findet. Oder wie es sich anfühlt, wenn im Flugzeug die Person auf dem Nebensitz genervt wegen des eh schon viel zu kleinen Platzes seufzt. Und ja, für eben diese Menschen kann so eine Gewichtsmogelei durch einen Fatsuit natürlich verletzend sein.

Die Antwort auf die Frage?

Ich denke, es geht an dieser Stelle nicht darum, die oben gestellte Frage nun gezielt mit Ja oder Nein zu beantworten. Denn dann muss man sich im gleichen Zuge ja zum Beispiel auch fragen, ob ein heterosexueller Mann die Rolle eines homosexuellen Mannes spielen dürfte (und diese Liste könnte man nun noch ewig so weiterspielen). Es geht stattdessen doch vielmehr um die Wichtigkeit, dass alle Darsteller:innen – egal ob mehrgewichtig oder schlank in diesem Fall – dieselben Chancen bekommen. Und dass das aktuell in Hollywood noch nicht der Fall ist, hat der Artikel hoffentlich deutlich gemacht. Bei diesem Thema muss sich also etwas ändern. Dann ist es meiner Meinung nach auch nicht verwerflich, wenn doch mal eine Schauspielerin oder ein Schauspieler einen Fatsuit trägt, wenn keine passende andere Besetzung gefunden wurde. Doch das darf definitiv nicht zu einer gewissen Normalität gehören und gleichzeitig ausschließen, dass mehrgewichtige Schauspieler:innen überhaupt eine Chance darauf bekommen, ihre Karriere voranzutreiben. Da muss Hollywood sein Spektrum an Diversität und Chancengleichheit also noch etwas anpassen. 🙏 Dann kann man Emma guten Gewissens in ihrer neuen Rolle in „Matilda“ feiern… und in dem nächsten Film eine mehrgewichtige Schauspielerin.

Mehr über: Emma Thompson, Fatsuit

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