Wie fühlt man sich als Frau ohne Gebärmutter? Paula, 38, über ihr Leben nach Gebärmutterhalskrebs

Die hier vorgestellte Person bleibt auf eigenen Wunsch hin anonym. Der Name wurde geändert. Die Fotos bilden nicht sie ab.

Mein Name ist Paula. Ich bin 38 Jahre alt, arbeite in der Musikindustrie, lebe in Hamburg – und habe keine Gebärmutter. Mir fehlt also das, wodurch viele Frauen ihre Weiblichkeit definieren. Die Möglichkeit, Kinder zu gebären. Bei mir ist das alles jedoch ein wenig anders… Das ist meine Geschichte.

Ich bin im Osten Deutschlands groß geworden. Mit Gebärmutter! Und, naja, auch nach der Wende waren gewisse Themen bei uns einfach nicht aktuell – als blödes Beispiel: Dass es so etwas wie Zahnreinigungen gibt, erfuhr ich erst, als ich nach Hamburg zog. HPV-Impfungen (HPV = Humane Papillomviren, die oft ein Vorbote von Gebärmutterhalskrebs sind) gibt es auch erst seit 2006, und in Kombination mit der Tatsache, dass im Osten eh alles „später ankam“, sprach also auch nie irgendjemand von der „Gefahr Gebärmutterhalskrebs“.

» Die Ärztin dort entnahm mir eine Gewebeprobe, bei der sich herausstellte, dass es nur noch eine Wahl gäbe – die Gebärmutter zu entnehmen. «
Paula

Ich fing früh an, Sex zu haben und die Pille zu nehmen, weshalb ich regelmäßig halbjährlich beim Gynäkologen war und dort immer alle meine Abstriche machen ließ. Eines Tages mit Ende 20, also vor knapp 10 Jahren, war das Ergebnis unerfreulich – der PAP-Abstrich war mies, die HPV- und HVC-Werte (Hepatitis C) schlecht. Weil diese sich innerhalb der nächsten Untersuchungen sich nicht verbesserten, wurde ich zur Dysplasie-Sprechstunde geschickt. Dysplasie ist die Bezeichnung für Zellveränderungen am Muttermund. Die Ärztin dort entnahm mir eine Gewebeprobe, bei der sich herausstellte, dass es nur noch eine Wahl gäbe – die Gebärmutter zu entnehmen. Einerseits war ich sowieso stärker gefährdet, da auch meine Mutter schon an der gleichen Art Krebs erkrankte, andererseits war der Befund doch überraschend, da er so plötzlich kam und auch direkt schon so schlecht war.

Aber, auch wenn das vielleicht komisch klingt, dieser Moment war für mich kein Weltuntergang. Ich nahm ihn relativ „gut“ hin, weil ich auch an die ganzen Vorteile dachte, die das mit sich bringen würde, aber dazu gleich.

Was passierte nach der Diagnose Gebärmutterhalskrebs?

» Ich möchte keine Kinder. Zumindest keine eigenen. Definitiv nicht. Das war immer schon so gewesen und das würde sich nicht ändern.  «
Paula

Zunächst einmal: Meine mich behandelnde Ärztin war wirklich, wirklich wunderbar. Es gab nur ein „Problem“, das in meinen Augen hätte vermieden werden können… Wenn bei einer Frau irgendein Angriff bevorsteht, der an den Vermehrungs-Organen vorgenommen wird, wird man zunächst beraten und muss dann einige Wochen warten, um bewusst eine Entscheidung treffen zu können. Somit soll verhindert werden, dass frühzeitige Entschlüsse getroffen werden, die den Kinderwunsch beeinflussen. Als ich dieses Beratungsgespräch mit Ende Zwanzig hatte, stand für mich schon ganz klar fest: Ich möchte keine Kinder. Zumindest keine eigenen. Definitiv nicht. Das war immer schon so gewesen.

Leider entfernte sie daraufhin nur so viel meiner Gebärmutter – nur das mutierte Gewebe –, dass es theoretisch für mich noch möglich gewesen wäre, schwanger zu werden. Diese Teilentfernung nennt man Trachelektomie.

Auf meinen ausdrücklichen Wunsch, vorsichtshalber lieber gleich alles zu entfernen, hat sie also nicht gehört, weil sie dachte, ich würde meine Meinung eventuell irgendwann doch noch ändern.

Als das verbliebene Gewebe später auch auffällig wurde, musste ich mich einer zweiten Operation unterziehen. Das hätte ich mir einfach gerne erspart. Ich möchte sie dennoch nicht kritisieren – bei 90% der Frauen wäre diese Entscheidung wahrscheinlich goldrichtig gewesen. Dass jemand eigene Kinder so vehement ablehnt wie ich, ist ungewöhnlich. Dessen bin ich mir auch bewusst. Und ja, diese Endgültigkeit macht einem schon ein wenig Angst – SOLLTE sich mein Vorhaben irgendwann ändern, kann ich immer noch adoptieren.

Keine Gebärmutter, keine Probleme?!

Durch diesen ohnehin fehlenden Kinderwunsch von mir brach durch die ganze Prozedur für mich keine Welt zusammen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das ganz anders gewesen wäre, hätte ich für die Zukunft eine Schwangerschaft geplant. Ich dachte aber auch sofort an die vielen Vorteile, die ein Leben ohne Gebärmutter mit sich bringen würde: Ich kann auf Verhütungsmethoden verzichten. Mindestens 2x die Woche bringe ich den Witz „keine Gebärmutter, keine Probleme“, haha. Meine Periode fällt weg – gut, mit der hatte ich sowieso nie große Probleme, weder starke Schmerzen, noch Moodswings, aber verzichten kann ich auf sie trotzdem gut. Blöd ist nur, dass ich jetzt ab und an leichte Schmierblutungen habe, weil die Eierstöcke und die Hormone, die sie produzieren, ja immer noch da sind. Ansonsten ist diese Sache wirklich super entspannt.

» Es klingt blöd, aber man verhütet gründlicher, wenn man die Angst hat, schwanger zu werden «
Paula

Ein paar Risiken sind natürlich auch damit verbunden. Es könnte passieren, dass meine Organe sich im Laufe der kommenden Jahre absenken, auf die Blase drücken und somit eine Inkontinenz hervorrufen. Ich habe wirklich keine Lust drauf, inkontinent zu werden, also drückt mir die Daumen. Bis vor Kurzem musste ich eine Hormontherapie machen, um das, was nach den OPs in „Ungleichgewicht“ geraten ist, zu kompensieren – die vertrug ich aber nicht gut, weshalb ich jetzt damit aufhörte.

Und, ganz wichtig: So erleichternd es auch ist, dass ich nicht mit Pille, Spirale o.ä. verhüten muss, so wichtig ist es seither erst recht, dass mein Sexualpartner beim Geschlechtsverkehr ein Kondom benutzt! Es klingt blöd, aber man verhütet gründlicher, wenn man die Angst hat, schwanger zu werden. Männer kommen gerne mal mit der Aussage „Ja, super, dann brauchen wir ja auch kein Kondom“, wenn ich sage, ich kann keine Kinder bekommen. Es gibt auch noch Geschlechtskrankheiten, ihr Lieben! Das ist eine Sache von Disziplin. Ich lasse regelmäßig STD-Checks durchführen und schicke auch meine Sexualpartner zur Kontrolle, sobald wir länger miteinander schlafen und auf das Kondom verzichten wollten. Eine Geschlechtskrankheit kann man jedoch in den meisten Fällen gut behandeln, ist man aber erstmal ungewollt schwanger, hat man direkt ein ethisches Problem – von daher bin ich ganz „froh“ mit der Situation.

Die wenigsten wissen außerdem, dass auch der Lebenspartner sich gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen sollte! HPV kann man sich gegenseitig zuspielen. Ich propagiere jetzt bei allen jungen Menschen immer, sich wirklich gut zu informieren. Heute habe ich immer noch alle 6 Monate Nachsorge-Termine und weitere Vorsorge-Termine. Im Zweifel könnten immer noch die Eierstöcke befallen werden, oder so. Ich bin sehr gespannt, ob sich ohne Gebärmutter körperlich noch irgendetwas verändert, wenn ich in die Wechseljahre komme.

Wie sich das auf mein Sex- und Datingleben auswirkt…

» Warum man Kinder will, wird nicht hinterfragt. Warum man keine Kinder will, jedoch immer. «
Paula

Es sei mal so viel gesagt: Meiner Libido hat das alles keinen Abbruch getan. Ich empfinde genau so stark Lust wie vorher auch. Demnach wirkt sich das auf mein Sexleben nicht negativ aus. Ach, und falls es jemand wissen will: Meine Vagina sieht immer noch fresh und clean aus, da hat sich im Vergleich zu vorher nichts verändert.

Was mich jedoch überrascht, ist, wie es sich auf das Daten auswirkt. Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Männer einen Kinderwunsch haben und den auch so stark kommunizieren. Ich meine, der Mann übernimmt (sorry to say) in vielen Fällen doch nicht einmal richtig Verantwortung für ein Kind, aber jeder will eins? Hm, schwierig.

Viele reagieren verblüfft und nicht sehr erfreut, wenn ich sage „Ich habe keine Kinder, ich möchte keine, und ehrlich gesagt kann ich auch keine bekommen“. Man muss sich nur mal Tinderprofile in meiner Altersklasse anschauen, da stehen Sachen in der Beschreibung wie: „Noch keine Kinder, aber vielleicht mit dir?“ 

Warum man Kinder will, wird nicht hinterfragt. Warum man keine Kinder will, jedoch immer. In unserer reproduktiven Gesellschaft ist das einfach so verankert.

 

Klar, wenn ich die Babys meiner FreundInnen sehe, finde ich die super süß, sie machen niedliche Geräusche, haben weiche Haut und all das – aber es würde nicht in meinen Lebensentwurf passen, mich den ganzen Tag um so ein kleines Geschöpf zu kümmern. Am Ende sitze ich vollgekotzt in Jogginghose zu Hause, mein Typ verzieht sich, weil er Besseres zu tun hat, und ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt. Viele sagen „das Lächeln des Babys entschädigt das“, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich mag mein Leben zu sehr, um es derartig zu verändern. Sollte ich irgendwann adoptieren wollen, dann eben Mädchen oder Junge älter als ein Kleinkind. Ich bin selbst in vielen Pflegefamilien aufgewachsen und finde den Gedanken, jemandem ein Zuhause zu bieten, schön.

Weiblichkeit auch ohne Gebärmutter spüren. Geht das?

» Weiblichkeit für mich ist eine Mischung aus Emotionalität und weiblicher Erotik. «
Paula

Viele Frauen sind nach so einem Eingriff, glaube ich, ewig auf der Suche nach ihrer Weiblichkeit. Als wäre die Möglichkeit auf Kinder und das Vorhandensein eines Organs deren Definition. Bei mir ist das nicht so. Ich fühle mich genau so als Frau wie vorher. Weiblichkeit für mich ist eine Mischung aus Emotionalität und weiblicher Erotik. Ganz besonders sinnlich finde ich, wenn Mann oder Frau curvy sind – das entspricht auch meinem eigenen Bodytype. Und ich liebe es, wenn Menschen viel Gefühl haben. Sei es haptisch beim Anfassen oder Küssen, oder auch eine andere Art von Liebe und Zuneigung, die man nicht greifen kann.

Ich würde sagen, genau das ist es, was mich als Frau ausmacht.

Und, ihr anderen Frauen, falls ihr ebenfalls betroffen seid: Ihr seid immer noch vollständig! Vergesst das nicht.
_________

Herzlichen Dank, Paula, für deine Offenheit. Und vor allem herzlichen Dank für die Aussage am Ende. An dieser Stelle wollen auch wir nochmal darauf hinweisen: Bitte, Mädels, nehmt eure Termine beim Gynäkologen sehr ernst – das ist Selflove. Gebärmutterhalskrebs ist nämlich keine Seltenheit, wie uns Frau Dr. Mandy Mangler im Rahmen dieses Textes erklärt hat: „Ungefähr 4400 Frauen pro Jahr in Deutschland sind betroffen, davon haben am Ende 99 % keine funktionierende Gebärmutter mehr, entweder wird sie entfernt oder bestrahlt und ist dann nicht mehr funktionsfähig. Weltweit leiden eine halbe Millionen Frauen an diesem Krebs und in Indien ist es sogar eine Haupttodesursache. In Deutschland haben wir wegen der Vorsorge Glück, dass es meist in Vorstufen erkannt wird.“ 

Also, macht eure PAP-Abstriche! Regelmäßig.

 

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