Nina Ponath
19.02.2017 von Nina Ponath

Ghosting ist schon lange nicht mehr ‚nur‘ ein Beziehungsphänomen – und DAS kannst du dagegen tun

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Als ich das erste Mal von „Ghosting“ gehört, oder sagen wir lieber gelesen habe, dachte ich mir nur so etwas wie „So what? Das gibt es doch schon seit 100 Jahren.“ Die Frage, ob man lieber mit jemandem zusammen oder aber allein weitergehen möchte, gibt es schon so lange wie Dating selbst. Oder zumindest, seitdem es kein gesellschaftliches Muss mehr ist, mit Anfang 20 verheiratet und Eltern von fünf bis acht Kindern zu sein.

Neu ist dagegen die Entwicklung, dass Ghosting kaum noch etwas mit Dating zu tun hat und sich so ziemlich in jeden Bereich des menschlichen Kontaktes vorgearbeitet hat. In Freundschaften, bei der Wohnungssuche oder im Berufsleben; überall wird munter vor sich hin geghosted. Dachte ich früher, dass Ghosting nur dort stattfindet, wo der Kontakt noch so locker und unbeschwert ist, dass man einander noch keinerlei Verpflichtungen gegenüber hat, wird nun in so ziemlich jedem Bereich des menschlichen Miteinanders von einem Tag auf den anderen der Kontakt samt aller Planungen und Erwartungen, die mit daran hängen, einfach abgebrochen.

Mir ist es inzwischen schon zwei Mal passiert, dass ich nach einem Vorstellungstermin, trotz des Versprechens, man wolle sich bei mir melden, nie wieder etwas von der Firma gehört habe. „Sie hören dann spätestens Ende nächster Woche von uns “ – und wenn sie nicht gestorben ist, dann wartet sie noch immer. Wie es aussieht, stehe ich mit einer solchen Erfahrung – nennen wir es „Ghosting im Berufsleben“ – leider nicht alleine da. „Ich habe das Gefühl, dass das gerade in der Medienbranche schon fast üblich ist“, erzählt mir Pia, eine befreundete Grafikdesignerin. Auch sie hat es schon zwei Mal erlebt, dass sich Agenturen, bei denen sie sich persönlich vorgestellt hat, einfach gar nicht mehr zurückmeldeten. „Beim ersten Mal dachte ich noch so etwas wie „Ach, die werden sich schon noch melden“. Als dann nach ein paar Wochen immer noch nichts kam, habe ich angerufen und noch mal nachgehakt. Da meinte die Personalabteilung, sie würden sich noch mal bei mir melden. Das haben sie nie getan. Weil sie keine Absage bekam, musste sich Pia alle weiteren Jobangebote offen lassen und konnte keinen Urlaub planen. „Das ist schon echt gemein, besonders weil man nach einem Vorstellungsgespräch ja schon so ein bisschen eine andere Ebene erreicht hat, dadurch dass man die Leute jetzt persönlich kennt.“

Auch auf der anderen Seite ist alles unverbindlicher geworden, erzählt Maria Baufeld von der Agentur Frohe Botschaft PR. „Manche Bewerber kommen einfach nicht zum Gespräch, obwohl man sich ja extra den Termin eingerichtet hat. Ich habe auch erlebt, dass ich nach einem Vorstellungsgespräch eine Aufgabe gestellt habe, um mir ein besseres Bild der Schreibe der Bewerberin zu machen, und dann nie wieder etwas von ihr gehört habe.“ Nachgefragt habe sie nicht mehr – dann sei es wohl eh nicht die geeignete Bewerberin gewesen.

» Dabei kann es an allem möglichen liegen, wenn man plötzlich nichts mehr von jemandem hört. «

Mit einer solchen Einstellung fährt man laut einer Psychologin, die sich richtig gut mit dem Thema auskennt, immer gut. Auch ihr ist das Ghosting-Phänomen aus allen möglichen menschlichen Beziehungen bekannt: „Manche Patienten nehmen sich Ghosting sehr zu Herzen.“ Wie sehr, hänge immer davon ab, wie egozentrisch man veranlagt sei. „Manche Menschen beziehen alles auf sich, ähnlich wie Kinder. Da wird alles, was außen passiert, auf einen selbst projiziert und dementsprechend auch Fehler eher bei sich gesucht.“ Dabei kann es an allem möglichen liegen, wenn man plötzlich nichts mehr von jemandem hört. Wenn man im Berufsleben plötzlich nichts mehr von jemandem hört, könne es laut der Diplom-Psychologin zum Beispiel sein, dass das Unternehmen total überfordert sei, oder aber die Personaler es einfach nie gelernt hätten, Kritik zu kommunizieren.

» Auch Nicht-Kommunizieren ist eine Form der Kommunikation «

„Im Endeffekt sollte ich mich doch auch fragen, ob ich in so einem Saftladen, der nicht mal die simpelsten Regeln der Kommunikation beherrscht, überhaupt arbeiten möchte. Wer so unfähig ist, ist auch kein guter Arbeitgeber. Das wäre ja nur schade um mich.“ Das mag für das Berufsleben gelten, aber was, wenn man plötzlich von einem Tag auf den anderen von einer alten Freundin nichts mehr hört? Sucht dann nicht jeder automatisch den Fehler erst bei sich? „So etwas kann jedem passieren und der Fehler ist eher auf der anderen Seite zu suchen. Wer die Kontaktaufnahme verweigert, hat es meistens einfach nicht besser gelernt und ist zu feige“, rät die Expertin. Wenn einen die Kontaktverweigerung sehr beschäftigt, solle man aber ruhig noch mal nachhaken: „Bei mir saßen schon depressive Patienten, die sich nicht bei ihren Freunden meldeten, weil sie der Meinung waren, sie hätten eh keine Freunde verdient“, erzählt die Psychologin. „In solchen Fällen ist es natürlich für alle Beteiligten nur wünschenswert, wenn sich das Missverständnis aufklärt.“ Wenn aber deutlich wird, dass von der anderen Seite bewusst der Kontakt verweigert wird, etwa weil man blockiert wird, solle man einen Schlussstrich ziehen. „Da ist auch Nicht-Kommunizieren eine Form der Kommunikation“, erklärt die Psychologin, „und das sogar eine sehr aggressive.“

Denn selbst Kritik ist immer noch eine höhere Form der Wertschätzung als ein feiger Kontaktabbruch und eine würdigere Form des Umgangs: Kritik kann man hassen, an sich abschmettern lassen, sich zu Herzen nehmen und daran arbeiten – auf jeden Fall aber kann man agieren und ist nicht weiter in der Warteschleife. Wer – in welchem Lebensbereich auch immer – Opfer von Ghosting wird, tut am besten genau das, was man sich auch sonst denkt, wenn man in der Warteschleife hängt: „Viel zu schade für meine Zeit.“ – und auflegen.

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Credits: Le21ième/Adam Katz
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