Warum wir viel mehr offen über Harnwegsinfekte sprechen sollten – genau wie diese Doku es tut

Ich hatte in meinem Leben vielleicht eine Handvoll richtig miese Blasenentzündungen. Und jede Person, die sich ebenfalls schon mal mit einer sogenannten Zystitis rumschlagen musste, weiß, wie unangenehm und fucking schmerzhaft das ist. So schmerzhaft, dass man sich – jedes Mal, wenn man bei dem ätzenden Harndrang wieder aufm Klo sitzt – eigentlich nur wünscht, sein Pipi mal eben einfach verdunsten lassen zu können. Alles andere brennt nämlich. Und zwar höllisch!!

Und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, solche Beschwerden eben nicht nur alle 12 Monate oder paar Jahre mal wieder zu haben, sondern regelmäßig und langwierig. Das ist verdammt beschissen. Doch noch viel beschissener ist, dass vielen dieser Frauen oftmals einfach nicht richtig geholfen wird. Ich schreibe hier übrigens ganz gezielt Frauen, da wir dank unserer Anatomie sehr viel häufiger als Männer von einem Harnwegsinfekt, oft in Form einer Blasenentzündung, betroffen sind. Darmausgang und Harnöffnung liegen nämlich sehr nah beieinander, wodurch Darmbakterien schneller in die Harnröhre gelangen. Außerdem ist unsere Harnröhre nur so an die 4 cm lang (beim Mann halt 20 bis 25 cm!!), was es den Bakterien natürlich ebenfalls leichter macht, in die Blase zu gelangen.

Super scheiße. Genauso scheiße wie der Umstand, dass man viele Frauen mit ihren Symptomen offensichtlich nicht ernst zu nehmen scheint. Und am besten noch mit unnötigen Sprüchen à la „Frauen sind einfach schlecht konstruiert“ abspeist. Denn ja, vielleicht sind wir das. Können wir aber nichts für. Umso wichtiger ist es doch also, diese Sache ernst zu nehmen. Gerade auch, weil sie etwas so Essentielles betrifft. Wir pinkeln immerhin jeden Tag. Wenn das regelmäßig zur Tortur wird (und noch andere Begleitsymptome hinzukommen), kann man sich auch gleich erschießen. Und ja, die Frauen, die in der neuen Doku „The UTI Documentary“ zu Wort kommen, waren zeitweise genau das: unfassbar verzweifelt und hilflos. Und sind es teilweise noch immer. Wegen leichtfertiger, ärztlicher Diagnosen oder einem schlichtweg viel zu langen, schmerzvollen Leidensweg. 

Harnwegsinfekte… und der oft ewige Leidenskampf

Doch bevor ich gleich noch etwas im Detail auf diese Frauen und die Doku im Allgemeinen eingehe, erst noch einmal ein paar hard facts vorab. Denn wusstet ihr, dass etwa 10 von 100 Frauen mindestens einmal im Jahr eine Blasenentzündung haben? Alleine in Deutschland sollen schätzungsweise an die zehn Millionen Frauen unter wiederkehrenden Harnwegsinfekten leiden. Auch ich kenne in meinem Bekannten- und Freundeskreis etliche Girls, die ständig von Blasenentzündungen betroffen sind. Und die sich teilweise sogar dreimal überlegen, mit ihrem Boy Sex zu haben, weil kurz danach sowieso nur das scheiß Brennen beim Wasserlassen auf sie wartet. Und das oft sogar trotz obligatorischem Nach-dem-Sex-aufs-Klo-Gehen. Denn ja, Geschlechtsverkehr ist leider mit eine der Number-1-Ursachen für Blasenentzündungen. Das Ganze hat sogar einen Namen: Honeymoon-Zystitis. Wow. Romantisch ist daran halt gar nichts.

Und weil euch sicherlich aufgefallen ist, dass ich hier in der Begrifflichkeit ständig zwischen Harnwegsinfekt (kurz HWI) und Blasenentzündung hüpfe, möchte ich auch das noch einmal für alle abgrenzen. Harnwegsinfekt ist nämlich nicht gleich Harnwegsinfekt. Entscheidend hierbei ist, welcher Teil des Harnsystems betroffen ist. Bei einer Blasenentzündung beispielsweise (die bei Frauen, wie gesagt, ja sehr häufig vorkommt) ist nur der untere Harntrakt betroffen. Das äußert sich dann meistens durch häufigen Harndrang und Schmerzen beim Wasserlassen… was in den meisten Fällen allerdings unkompliziert und relativ „leicht“ zu behandeln ist.

Scheiße wird’s erst so richtig, wenn hingegen eine obere Harnwegsinfektion vorliegt. Dabei kommen dann nämlich noch Fieber, Flankenschmerzen und Schmerzen in der Nierengegend dazu. Grund dafür ist, dass die Entzündung hierbei in Richtung Harnleiter, Nieren oder Nierenbecken aufgestiegen ist (Nierenbeckenentzündung). Und das muss definitiv schnell behandelt werden, um Folgeschäden auszuschließen.

Und dann gibt es eben noch Fälle eines wiederkehrenden Harnwegsinfekts, wovon man meistens dann spricht, wenn innerhalb von zwölf Monaten mindestens drei Infektionen auftreten… und wovon leider so viele Frauen betroffen sind.

So, und nun stellt euch bitte vor, das ist bei euch der Fall und keiner nimmt euch und eure Symptome ernst… bis ihr selbst schon daran zweifelt. Auch, weil niemand eine richtige Diagnose zu stellen scheint. „Sie geben dir das Gefühl, als ob du lügen würdest“, hört man eine der Frauen, die in „The UTI Documentary“  ihre Geschichte erzählt, im Trailer zur Doku sagen.

Warum „The UTI Documentary“ so wichtig ist

Es sind Frauen, die alle für sich ganz unterschiedliche Erfahrungen mit HWIs machen mussten. Da ist zum Beispiel Sophie, die nach etlichen Harnwegsinfekten erst das Land wechseln musste, bis ein Arzt sie wirklich ernst nahm. Oder Rime, die so viele leichtfertige Diagnosen erhielt, dass sie nun kaum noch irgendwelchen Ärzten vertrauen kann. Mit „The UTI Docuemntary“ bekommen diese Frauen nun endlich eine Stimme – und werden gehört. Und noch viel wichtiger: Es wird ein Diskurs geschaffen. Und Bewusstsein für eine Krankheit geschärft, die doch gerne noch viel zu oft als Tabu-Thema abgetan oder von Ärzt:innen eben schlichtweg nicht ernst genommen wird.

Bei meiner Recherche zu diesem Thema bin ich auch auf einen Tweet von vor drei Jahren gestoßen, der damals viral ging, und wohl ziemlich bezeichnend für die ganze Topic ist. „Wir brauchen eine Disney-Prinzessin, die eine wiederkehrende Blasenentzündung hat, die zum Doktor geht und der Doktor sagt ihr, dass sie immer nach dem Sex pinkeln müsse, und die Prinzessin sagt ihm, dass sie das bereits tue, und dann sagt der Doktor, dass das alles ist, was er ihr raten könne.“ 

Nach diesem Tweet teilten etliche Frauen ähnliche Geschichten. Jede von ihnen fühlte sich mit ihren Symptomen und Schmerzen alleine gelassen. Genau wie die Frauen in „The UTI Documentary“. Und genau deswegen ist dieser Kurzfilm (übrigens eine Arbeit von Agnes Arnold-Forster, PhD, Medizin- und Gesundheitshistorikerin, und der Filmemacherin Rita Maria Conry) so wichtig. Frauen und ihre Leiden müssen ernst genommen werden!!!

Denn wenn wir ehrlich sind, ist eben genau das heutzutage leider noch immer nicht der Fall, wenn es um sogenannte „Frauenprobleme“ (hasse diese Bezeichnung) geht. Denn Frage: Wie viele von euch sitzen noch immer mit Periodenkrämpfen auf der Arbeit und trauen sich nicht einen Pieps zu sagen, aus Angst ’nen blöden Spruch oder Schlimmeres reingedrückt zu bekommen? Kurzer Knutschaaaaaaa an dieser Stelle übrigens an die beste Chefin ever, die uns mit Wärmflasche in der Hose im Büro sitzen lässt, und uns krass viel Verständnis entgegenbringt, wenn wir wegen PMS eben doch mal krankmachen müssen. DANKE!! Echt! ❤️

Und so ein Mitgefühl und Verständnis sollte selbstverständlich sein. Gerade auch von Ärzten und Ärztinnen. Egal, um welche Issues (ob Periode, Blasenentzündung oder oder) es sich handelt. Doch wie hat Popsugar es so nice formuliert? „Es folgt einem historischen Muster, das wir bei vielen gesundheitlichen Problemen von Frauen sehen.“ Wie beispielsweise auch bei Endometriose, ein aktuell ja Riesenthema. Und leider auch eine Krankheit, die eben gerne mal unter den Tisch gekehrt wird. Auch ich habe eine Freundin, die erst von Frauenarzt zu Frauenarzt springen musste, bis einer ihre Symptome und vor allem ihre immer größer werdende Verzweiflung endlich ernst genommen hat. Und eine Diagnose gestellt wurde.

„Aus meiner Arbeit in der Geschichte der Frauengesundheit geht hervor, dass das genau die Art ist, mit der das Gesundheitssystem routinemäßig Dinge behandelt, die als ‚Frauenprobleme‘ angesehen werden. Sie werden deswegen ignoriert, vernachlässigt, übersehen oder so angesprochen, als ob sie eine Folge davon wären, weiblich zu sein, und als müsse man damit leben, weil es eben nur eine Art Fehler in deiner Physiologie ist“, so Dr. Arnold-Forster zu Popsugar.

Und genau deswegen ist „The UTI Documentary“ so wichtig. Um Betroffenen eine Stimme zu geben, aufzuklären und ja, vielleicht sogar ein wenig Hoffnung zu geben. Denn gerade für Frauen, die unter einem wiederkehrenden Harnwegsinfekt leiden, gibt es oftmals Lösungen, die weiterbringen können, wie auch Dr. Arnold-Forster andeutet. Also an alle da draußen: Seid nicht still. Nehmt euch und die Symptome anderer ernst. Zeigt Empathie. Und ja, letzteres geht vor allem auch an die Ärztinnen und Ärzte da draußen. Lernt ihr bitte auch etwas von dieser Doku, den Frauen und ihren Geschichten. 🙏

„The UTI Documentary“ wird im September im Zuge des „Healthy Scepticism Film Festival“ ausgestrahlt. Sobald sie online ist, erfahrt ihr es natürlich HIER! 🙏

Credits: Pexels/ Sora Shimazaki, Instagram/ self.xamination, Twitter/ floozyesq

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