Je dünner, desto mehr Komplimente – wie unsere Gesellschaft Essstörungen anfeuert

Gut siehst du aus! Eine Floskel unbedachten Ausmaßes. Denn was bedeutet „gut aussehen“ in unserer Gesellschaft, wenn wir mal ehrlich sind? Gesund, fit, glücklich – das wären wünschenswerte Synonyme. Die unschöne Wahrheit ist, dass dünn und gut zu oft gleichgesetzt werden. Wir sind Brainwashed, Überraschung! Nicht wirklich, denn es sind die viel besprochenen Schönheitsideale, die uns jahrelang eintrichterten, dass eine gute Frau, eine sehr dünne Frau ist. Vielleicht haben wir ja eine Mutter erlebt, die auf alle erdenklichen Wege Kilos des Mutterseins loswerden wollte oder wir spielten am liebsten mit der 90-60-90-Barbie oder Papa lachte immer über unsere „süßen“ Elefantenstampfer. Der erste Freund oder die beste Freundin, die sich immer öfter übergibt – es gibt so viele Wege, die schließlich in Richtung Essstörung führen können. Laut einer Erhebung der Barmer GEK leiden 440.000 Menschen in Deutschland darunter. Die Betroffenen hungern oder erbrechen nach dem Essen, sie leiden seelisch und körperlich.

Sängerin Kesha als aktuelles Beispiel

Es ist schon absurd: Während die Welle von Body Positivity versucht, das Schönheitsideal endlich (ge)recht zu rücken, werden gleichzeitig Essstörungen durch Komplimente fürs dünn sein angetrieben. Im Interview mit dem Rolling Stone thematisierte US-Sängerin Kesha gerade erst dieses relevante Gesellschaftsproblem: „Ich verhungerte langsam. Je schlimmer es wurde und je kränker ich wurde, desto mehr sagten viele Leute um mich herum, dass ich gut aussehen würde. Sie sagten ‚Oh mein Gott, mach einfach weiter, was immer du tust! Du siehst so wunderschön aus, so umwerfend.’“

Und damit spricht sie etwas an, worüber wir reden müssen. Etwas, das unser „Gut siehst du aus“ einmal mehr hinterfragt und vielleicht neu justiert. Etwas, das so viele anorektische und bulimische Frauen kennen: „Komplimente, Lob, Anerkennung und Liebe von außen haben bei mir damals wie ein Ansporn für die Essstörung gewirkt. Selbstverständlich ohne, dass es mir oder meinem Umfeld zu dem Zeitpunkt bewusst war“, erklärt Kira Siefert. Mit ihrem Podcast „SoulFood Journey – Lerne deine Essstörung verstehen & lieben“ erreicht sie heute viele Betroffene und kann durch ihre zehnjährige Erfahrung mit der Krankheit helfen. „Komplimente wie ‚Gut siehst du aus‘ oder ‚Wow, du hast eine tolle Figur‘ haben dazu geführt, dass mein Suchtsystem namens Essstörung damals unterbewusst bestätigt und somit als erfüllend abgespeichert wurde. An diesem Beispiel wird die unterbewusste Abhängigkeit eines laufenden Suchtsystems bereits deutlich, das weiß ich aus Sicht meines heutigen Bewusstseins.“

Über 75 Prozent aller Frauen glauben zu dick zu sein

Auch Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf weiß, „die Gesellschaft trägt wesentlich zu der zunehmenden Zahl der Betroffenen bei. Über 75 Prozent aller Frauen glauben zu dick zu sein und lehnen ihren Körper ab.“ Das Ziel ist unnatürlich, denn die meisten erwachsene Frauen kostet es nun mal ungesunde Anstrengung, in Kleider in Kindergrößen zu passen. Und trotzdem orientieren wir uns an den gephotoshoppten Kampagnen und lesen die Diät-Tipps.

Man muss nur einmal Thinspiration googeln und man hat die Wunschfiguren von jungen Frauen auf dem Schirm. Haut und Knochen finden wir auch unter so vielen Hashtags bei Instagram. Zwar weist die Plattform beim Suchen von gefährlichen Schlagwörtern auf „Verhaltensweisen, die Schaden anrichten oder gar zum Tod führen“ hin, doch wer lieber auf „Beiträge dennoch anzeigen“ statt auf „Hilfe holen“ klickt, der sieht wie sich Mädchen gegenseitig anfeuern, sich zu Tode zu hungern.

„Meine Selbstwahrnehmung, genährt von einem komplexen Suchtsystem aus verschiedenen Glaubenssätzen und einer ‚Ich bin nichts‘-Identität, hat immer einen Weg gefunden, meine Essstörung aufrechtzuerhalten. Ich habe durch Kommentare wie diese also wieder Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommen, da ich auffiel und Menschen sich um mich gesorgt haben“, erzählt Kira Siefert.

„Ich habe definitiv mehr Komplimente mit Kleidergröße 34 als heute mit Größe 38 bekommen“

Auch die 27-jährige Marie* kämpfte jahrelang mit Bulimie und bestätigt, dass viele Menschen applaudieren, während man abmagert: „Ich habe definitiv mehr Komplimente mit Kleidergröße 34 als heute mit Größe 38 bekommen. Das ist ganz schön bitter, vor allem weil es etwas bestätigt, das dich kaputt macht. Meine Freunde konnten noch so oft sagen, dass sie traurig sind, weil ich nur noch ein Knochengerüst war. Die Komplimente waren das, was für mich zählte.

Was kann kann man also tun, dass Diversity und realistische Körperideale in den Köpfen ankommen? „Sie müssen lernen zu ihrem Körper ein liebevolles Verhältnis zu entwicklen und ihn durch angemessene Ernährung und Bewegung zu unterstützen“, so Psychologin Dr. Wolf. „Es geht darum, sich nicht aufgrund eingebildeter oder tatsächlicher Abweichung von Schönheits- und Körperidealen, die sowieso kaum ein Mann oder eine Frau erfüllen kann, minderwertig und unattraktiv zu fühlen.“

Das heißt, orientieren sollte wir uns lieber an der Realität, denn die Vielfalt kann heilsam sein: Um uns herum sind wundervolle Frauen mit unterschiedlichen Figuren, mal mit Schwangerschaftsstreifen, mal ohne Oberweite, mal klein, mal breit. Wenn wir zu uns stehen, wie wir sind, dann ist Body Positivity irgendwann nicht nur eine Trendwelle, sondern ein Lebensgefühl. Und dann steht dem „Du siehst glücklich aus“ anstelle des „Gut siehst du aus“ wirklich nichts mehr im Weg.

*Name von der Redaktion geändert

Auf ihrer Homepage www.doriswolf.de erläutert die Psychotherapeutin Magersucht und Bulimie, außerdem rät sie Betroffenen, sich Hilfe auf www.anad.de zu suchen. Auch Kira Seifert bietet über ihre Seite http://www.kirasiefert.de neben der eignen Geschichte auch Coaching zum Thema an.

Text: Edith Löhle

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