„Ich will mich nicht durch Betten vögeln“ – Wie es ist, als Mann mit 29 noch Jungfrau zu sein

Schneller, höher, besser, mehr, immer weiter, immer früher. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es mittlerweile fast zur Norm wurde, sich über Zahlen zu definieren: den Kontostand, Likes, Follower, die Anzahl der Designerteile, die Größe des Freundeskreises, und… die Anzahl der Sexpartner? Zumindest bei Männern hält sich die Annahme „je mehr Frauen im Bett, desto krasser der Kerl“ teilweise noch immer hartnäckig (und das auch nur beim Mann, wie’s auf der anderen Seite aussieht, davon will ich gar nicht erst anfangen). Guter Sex gehört zum guten Ton. Und wer nicht in einem gewissen Tempo mithält, der ist eben raus. So ist es doch, oder?

Nun ja, eine Ausnahme hat mich kürzlich als Antwort auf meinen Brief an meinen toxischen Ex-Freund via E-Mail erreicht, und was darin stand hat mich aus mehreren Gründen sehr bewegt. Einer davon: Der Verfasser, Julian (Name geändert) aus Baden-Württemberg, ist mit 29 noch Jungfrau – er möchte sich für die Richtige aufheben. Wow, dachte ich, wo findet man sowas heute noch?! In einem Anflug aus, zugegeben, ein wenig Unverständnis und ganz viel Neugierde habe ich ihn mir also direkt zum Interview geschnappt und mit ihm darüber geredet, wie es ist, mit fast 30 noch nie Sex gehabt zu haben.

TrèsCLICK: Du wurdest gerade 29 Jahre alt und hattest noch nie Sex. Heutzutage ziemlich ungewöhnlich. Erzähl mal, warum das so ist – hat es sich einfach noch nicht ergeben oder war das eine „romantische“ Entscheidung?

Julian: Eine Mischung aus beidem. Ich habe mir als Teenager schon vorgenommen, mich später mal nicht durch Betten zu vögeln. Sex gehört für mich in eine Beziehung – damals wie heute. Ich bin andererseits trotzdem auch nicht der Typ, der sagt, dass man damit zwingend bis zur Ehe warten sollte. Bisher kam der richtige Zeitpunkt für mich einfach noch nicht.

Apropos kein Sex von der Ehe… Könntest du dir vorstellen, tatsächlich soweit zu gehen? 

Hm, ich weiß es nicht. Wenn die richtige Frau kommt und sie das so will, meinetwegen, wieso nicht. Jetzt habe ich schon 29 Jahre gewartet, das macht ja dann auch keinen großen Unterschied mehr. 😄 Ich stelle mir das eigentlich ganz schön vor, diesen gemeinsamen Lernprozess. Man sagt ja auch, Sex wird automatisch mit der Zeit besser.

Warum ist es deiner Meinung nach heutzutage vielen so wichtig geworden, so früh mit Sexualität in Berührung zu kommen und das auch nach außen zu tragen?

Naja, die Dinge haben sich gewandelt. Meine Ur-Oma hat damals geheiratet, noch bevor sie ihre Tage bekommen hat. Mit 20 hat sie dann kurz nach ihrer ersten Periode auch schon das erste Kind bekommen. Das gibt es heute ja überhaupt nicht mehr. Die meisten Mädels bekommen ihre Tage jetzt schon gefühlt in der dritten Klasse. Die Leute werden einerseits also biologisch und hormonell immer frühreifer, andererseits ist Sex in unserer Gesellschaft einfach überpräsent, vor allem in den Medien.

Du hast mir im Voraus erzählt, dass du aus einem sehr christlichen Elternhaus stammst. Inwiefern spielt das bei deiner Enthaltsamkeit eine Rolle? 

Es hat mich schon sehr beeinflusst. Nämlich insofern, dass ich ein sehr klares Bild von Beziehung und Familie habe. Eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau ist etwas, in das man Arbeit und Commitment investiert – so habe ich das auch schon von meinen Großeltern beiderseits vorgelebt bekommen. Indem ich gute Werte vorgelebt bekam, hat sich bei mir manifestiert, dass Liebe eben nichts ist, das man wechselt wie Unterwäsche, sondern dass es eine gewisse Verbindlichkeit, Regeln und Absprachen gibt. Dass man sich gegenseitig vertrauen kann und es immer wieder schafft, sich wieder zusammenzuraufen. Klar, heutzutage kommen nicht mehr alle an einer Scheidung vorbei, das gibt’s vereinzelt auch in meiner Familie. Alles in allem erlebe ich aber seit jeher in meinem Familen-, Freundeskreis und in unserer Gemeinde fast nur Positivbeispiele für richtige Romantik.

Glaubst du, dass auch andere Vorkommnisse in deiner Kindheit dazu beigetragen haben? Vieles wird uns ja ganz unbewusst weitergegeben…

Ja, es gibt so eine Situation, die mir immer noch nachhängt. Meine Schwester zum Beispiel hat noch sehr lange bei meinen Eltern im Bett geschlafen. Ich nicht, aber ich hatte als kleiner Junge immer das totale Nähe-Bedürfnis und wollte mehr mit meiner Mama kuscheln. Wenn ich ihr das gesagt habe, hat sie das aber irgendwie abgewendet. Ich glaube, dadurch dass mir dieser Wunsch nach körperlicher Nähe so früh abgesprochen wurde, habe ich lange geglaubt, dass ich sie nicht verdiene – oder dass der generelle Wunsch, später mal mit Frauen intim zu sein, nur einseitig sein könnte.

» Oft fühlt sich die Frau unter Druck gesetzt, weil sie denkt, wenn ich mit ihr schlafe, müsse sie mich heiraten. «

Was ist denn das Maximum an körperlicher Intimität, das du bisher mit einer Frau eingegangen bist?

Oralverkehr – passiv und aktiv.

…und mental?

Tja, da ist das etwas kniffliger. Mental kann ich dem anderen Geschlecht tatsächlich sehr nahe kommen. Als ich circa 25 war, meinte eine Frau mal zu mir, dass es total widersprüchlich sei, was ich da leben würde: Einerseits baue ich verbal eine extreme Nähe zu ihr auf, andererseits bin ich körperlich extrem distanziert. Ich habe lange darüber nachgedacht, und eigentlich kann ich nicht abstreiten, dass sie Recht hat. Viele Frauen können diese Diskrepanz überhaupt nicht verstehen. Und ich muss noch dazu sagen: Während ich früher dachte, dass viele es vielleicht total romantisch fänden, dass ich mich „aufheben“ will, stößt meine Enthaltsamkeit in der Realität eher auf Einschüchterung. Oft fühlt sich die Frau unter Druck gesetzt, weil sie denkt, wenn ich mit ihr schlafe müsse sie mich direkt heiraten.

Spürst du trotzdem sexuelle Erregung, wenn du einer Frau näher kommst? Und wie steht es bei dir um Selbstbefriedigung und beispielsweise Pornokonsum?

Ja, sexuelle Erregung empfinde ich ganz normal. Das erste Mal, als ich mit mir rumexperimentierte, war tatsächlich schon so mit 12. Aufgeklärt wurde ich von meinen Eltern sehr früh (ich erinnere mich an dieses eine Buch, das Mann und Frau als zusammenpassende „Puzzle-Teile“ bezeichnete). Von Pornographie bin ich jedoch kein großer Fan. Ich habe oft das Gefühl, dass das die Fantasie kaputt macht. Lieber schaue ich mir Aktbilder an, bei denen man sich noch Dinge dazu denken kann, als bereits alles „fertig“ und in Bewegung schon serviert zu bekommen. Vieles von dem, was im Netz kursiert, finde ich auch überhaupt nicht erotisch und bin sogar eher angewidert und kriege keinen hoch. Früher hatte ich sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir doch mal einen Porno angeschaut habe. Heute bin ich da etwas liberaler in meiner Meinung – das muss jeder für sich selbst wissen.

Viele definieren sich heutzutage durch ihre Sexualität. Fühlst du dich ein wenig wie ein „Außenseiter“, weil du nicht richtig mitreden kannst, oder stehst du ganz selbstbewusst hinter deiner Entscheidung? Und wie reagiert dein Umfeld?

Hmm… „Außenseiter“ kann je nach Blickwinkel entweder negativ oder positiv sein. Wenn sich meine Fußball-Mannschaftskameraden in der Umkleidekabine über die Puff-Preise in Amsterdam unterhalten, ist für mich ganz klar, dass ich da nicht nur nicht mitreden kann, sondern auch nicht will. Wenn jemand meint, dass er das braucht, schön und gut, das ist aber eben nicht die Sexualität, die ich ausleben will. Ich versuche einfach, solchen Gesprächen generell aus dem Weg zu gehen und enthalte mich. Mein engster Freundeskreis weiß, dass ich noch Jungfrau bin, und die verstehen und supporten das alle vollkommen, da hat mir noch nie jemand einen dummen Spruch geknallt.

Manchmal höre ich Sätze wie „Deine Ansprüche sind viel zu hoch, die musst du mal runterschrauben – unten anfangen und dich dann hocharbeiten“, so nach dem Motto „Nimm doch erstmal eine Unattraktive, dann kannst du dich hochschlafen“, das ist aber definitiv auch nicht mein Ansatz. Ganz ehrlich, ich würde meine Ansprüche niemals senken, sonst lande ich irgendwann in genau der Situation, in die ich nie hinein wollte.

Wie gut von dir – diese Einstellung sollte man generell mal auf mehr Lebensbereiche anwenden!
Gibt’s also echt keine Negativreaktionen von Jungs? 

Naja, wie gesagt, von meinen engsten Freunden nicht. Wenn’s doch mal jemand außerhalb dieses Kreises mitbekommt, dann kommt schon mal eine dumme Reaktion. Sowas wie „Was? Nie im Leben! Du verarschst mich doch!“ Und da muss ich auch echt zugeben, dass ich mir dabei dann manchmal blöd vorkomme. Bin ich von einem anderen Stern, oder was ist los?

Kommen wir nochmal auf die weiblichen Reaktionen zu sprechen, du hast eben ja schon angeschnitten, dass viele sich unter Druck gesetzt fühlen, wenn sie davon erfahren. Wie offen bist du bei diesem Thema generell in deiner Kommunikation beim Dating?

Bisher habe ich es eigentlich immer offen kommuniziert. Nicht immer sofort, aber dann nach einer kurzen Weile. Das Feedback ist recht unterschiedlich. Wie gesagt, manche empfanden es als überfordernd, aber pauschal kann ich nicht sagen, wie die verschiedenen Reaktionen ausfielen. Jeder ist anders, jeder denkt anders, jeder geht anders mit meinem Jungfrauen-Dasein um. Ich habe, um ehrlich zu sein, für mich auch noch keine Patentlösung gefunden, wie ich Frauen mit dieser Thematik am besten gegenübertreten soll.

» Das perfekte erste Mal stelle ich mir vor allem so vor: verliebt. «

Wie sähe dein perfektes erstes Mal aus? 

Das perfekte erste Mal stelle ich mir vor allem so vor: verliebt. Viel mehr Vorstellungen mache ich mir davon gar nicht, es kommt sowieso immer anders als man denkt. Die meisten sagen, dass man für Sex keine Liebe brauche, das stelle ich mir aber anders vor. Verliebt, das ist alles was ich sagen kann.

Worin besteht deine größte Angst, wenn’s dann endlich soweit ist?

…So aufgeregt zu sein, dass ich dann keinen hochkriege. 😂

Okay, angenommen das wäre kein Problem, hättest du nicht trotzdem irgendwie Angst, zu „versagen“? Entschuldige, dass ich so direkt bin, aber die Frage kommt einem sofort in den Sinn… 

Versteh ich! Hm, darüber habe ich mit meinen besten Freunden auch schon geredet, aber die sagen mir alle, dass ich keine Angst haben muss. Wir haben einen Trieb in uns, und ich glaube, im „Heat of the Moment“ passiert vieles dann einfach ganz automatisiert und von alleine. Deshalb denke ich darüber auch nicht so viel nach.

Was ist der größte Irrglaube über Jungfrauen?

Das weiß ich nicht. Ich beschäftige mich bewusst nicht mit Klischees. Und im Grunde ist es mir auch völlig egal.

Word! 🙌 Beenden wir das Interview mit dem schönsten Erlebnis, das du bisher mit einer Frau geteilt hast…

Oh, das war im März 2010. Ich war 19 und sie 15, Leonie war ihr Name. Das klingt jetzt wahrscheinlich total bescheuert, aber es haben sich beim Nebeneinandersitzen einfach nur unsere Knie berührt. Ich war so verknallt in sie, dass es sich innerlich angefühlt hat, als würde ein Feuerwerk durch mein komplettes Nervensystem jagen.

________________

Lieber Julian, ich danke dir für deine Offenheit! Wieder mal hat sich für mich bewiesen, dass es sich immer lohnt, zuzuhören – auch Meinungen bei Themen, die man vielleicht selbst anders lebt. Besonders schön in diesem Gespräch: Man konnte in jedem deiner Worte raushören, dass du uns Frauen gegenüber unglaublich großen Respekt hast. Bleibt mir nur noch zu sagen, dass die Richtige hoffentlich ganz bald kommt. Das Feuerwerk wird ganz bestimmt noch größer sein. 🙏🏽

 

 

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