Mit Vergnügen
18.06.2017 von Mit Vergnügen

Liebeserklärung an ein fleckiges Shirt – Darum können wir uns von alten Kleidern so schwer trennen

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Es begann alles an einem heißen Sommertag in Barcelona. Ich spazierte mit meinen Freundinnen durch die Straßen und dann sah ich sie, wie sie lässig an der Fensterfront dieses Ladens lehnte. Normalerweise bin ich nicht der Typ, der sein Herz so schnell verschenkt, aber bei ihr war alles anders. Sie stellte alle ihre Konkurrentinnen in den Schatten. Sie war hellblau, oversized und ein bisschen verwaschen. Es war Liebe auf den ersten Fit.

Ein Jahr ist es jetzt her, dass ich mein Herz an diese wunderbare Jeansjacke verschenkt habe, knapp zwei Wochen, dass wir uns getrennt haben, uneinvernehmlich. Sie lebt jetzt in Mainz, zumindest denke ich das, denn dort wurde sie mir von irgendeinem textilophilen Langfinger geklaut. Aber mir wurde nicht nur meine Jacke, sondern auch ein Stück Erinnerung gestohlen – Erinnerungen an diesen traumhaften Urlaub in Barcelona, an viele durchtanzte Nächte und lange Spaziergänge mit intensiven Gesprächen, auf denen sie mich immer begleitet hatte.

Flecken, die einen wunderbaren Sommer skizzieren

Zu Hause vor meinem Kleiderschrank merke ich aber, dass diese Jacke längst nicht das einzige Kleidungsstück ist, das mein Leben in seinen Fasern trägt. Da ist dieses eine graue Shirt. Nichts an ihm ist besonders, außer diesen dunklen Flecken am Saum, die einfach nicht mehr rausgehen wollen und wegen derer es eigentlich längst hätte aussortiert werden sollen. Aber immer, wenn ich es aus dem Schrank hole, erinnere ich mich nicht nur an die Flecken, sondern auch an den schönen David.

Wir lernten uns auf der Abschiedsparty eines gemeinsamen Freundes kennen. Ich war eigentlich gar nicht in Feierlaune. Wäre es kein Abschied gewesen, wäre ich vermutlich zu Hause geblieben. Aber statt einer kurzen und schmerzvollen Verabschiedung, erlebte ich ein Wochenende voller Ekstase. Berauscht voneinander – und naja, natürlich auch vom Alkohol – zogen wir von Bar zu Club, von Club zu Open Air und schließlich, drei Tage später, in seine traumhafte Altbauwohnung.

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An welchem dieser Orte mein Shirt nun seine Flecken bekam, vermag ich nicht mehr zu erinnern, aber das Wochenende und der darauffolgende Sommer, entschuldigen definitiv für sie.

Inzwischen ist der schöne David weg, das Shirt ist geblieben und mit ihm Erinnerungen an einen wahnsinnig schönen Sommer in Berlin.

Diese Sneaker sind zerlöchert und schmutzig – wegwerfen kann ich sie trotzdem nicht

Es ist eine ganze Weile her, dass ich mit meinem damaligen Freund vier Wochen durch Schweden gereist bin. Es war unser erster gemeinsamer, großer Urlaub. Wir haben uns ein Auto gemietet, wollten quer durchs Land fahren, in Göteborg und Stockholm flanieren, die Wälder auf der Suche nach Elchen durchstreifen und auf Seen in den Sonnenuntergang paddeln. Es hätte alles herrlich kitschig sein können, wäre unsere Lust auf Natur nicht recht unangenehm mit unserer Orientierungslosigkeit kollidiert.

Statt romantischen Sonnenuntergängen gab es für uns stundenlanges, wirklich anstrengendes Paddelprogramm, gegen den Strom, im Regen, bis in die tiefste Dunkelheit, weil wir den Rückweg nicht fanden. Ähnlich unsexy verlief auch unser kleiner Wanderausflug zum Elche gucken in den Wald. Wir liefen orientierungslos hin und her – natürlich ohne Wanderschuhe, sondern mit unseren hübschen Sneakern – sind x-mal vom Weg abgekommen, sind durch Sümpfe gewatet und über Feuchtwiesen gestapft, um nach acht Stunden endlich wieder aus dem Wald zu finden. Natürlich ohne auch nur einen Elch zu sehen.

Die Sneaker, die ich auf dieser Reise trug, sind inzwischen nicht nur zerlöchert, sumpfig braun statt ursprünglich strahlendem blau, sondern auch so abgelaufen, dass von einer Sohle gar nicht mehr die Rede sein kann. Und wenn ich ehrlich bin, riechen sie auch nicht mehr besonders gut. Trotzdem liegen sie ganz unten im Schuhschrank, gut verpackt in einer Plastiktüte, und werden mich immer an diesen Trip erinnern.

» Kleidungsstücke sind der materielle Enterhaken für unsere immateriellen und längst vergangenen, schönen Erinnerungen. «
Es ist schon seltsam, dass man zu einigen Kleidungsstücken so eine emotionale Bindung aufbaut. Aber letztlich sind es die schönen Erinnerungen, die verrückten Erlebnisse und prägenden Momente, in denen wir sie getragen haben, die sich fest in ihre Fasern knüpfen und an denen wir so sehr hängen. Sie sind der materielle Enterhaken für unsere immateriellen und längst vergangenen, schönen Erinnerungen. Und genau deswegen fällt es uns so schwer, uns von ihnen zu trennen.

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Mehr über: T-Shirt, Shirt, Erinnerung, Liebeserklärung, Klamotten
Credits: Unsplash/Eli DeFaria, Unsplash
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