„Kann ich unter Klima-Angst leiden?!“ Was hinter dem Phänomen steckt und was eine Therapeutin dazu sagt

Mir schnürt sich in letzter Zeit beinahe schon in alarmierender Regelmäßigkeit die Kehle zu. Bilder von Waldbränden fluten meinen Feed, verbrannte Koala-Bären schauen mir mit traurigen Augen entgegen. Um nur mal die prominentesten Beispiele aus der nahen Vergangenheit zu nennen. Und ich? Ich muss dasitzen und zuschauen, während vor mir die Welt zu Grunde geht. Gelähmt, gefrustet, voller Hilflosigkeit.

Ja, das mag pathetisch klingen. Und ja, auch ich frage mich manchmal, ob dieses Gefühlschaos in meinem Kopf am Ende nicht doch vielleicht übertrieben ist. So wird es mir schließlich immer wieder eingeredet. Nicht ohne Grund wird parallel zu den sichtbaren Auswirkungen der Klimakrise wohl das Unwort des Jahres gekürt: Klimahysterie. Ein diffamierender Begriff, wie in die Fachjury definiert, der die Folgen des Klimawandels abschwächen will und die Sorge darüber kleinzureden versucht. Ein Wort, das offenbar dennoch regen Anklang findet, in unserem Sprachgebrauch. Meist mit einer einfachen Intention bei der Verwendung: Menschen, wie mich, mit dieser Angst ins Lächerliche zu ziehen.

Und doch sind die Gefühle nun mal da. Nicht hysterisch, nicht allumfassend – aber als ständiger Begleiter. Und sie lassen sich nicht einfach so beiseiteschieben!

Habe ich also die berühmt berüchtigte Klima-Angst? Wieder so ein Wort. Sorgt meine Bubble, mit all den täglichen Krisen-News, am Ende dafür, dass ich negativer in die Zukunft blicke, als es notwendig wäre?

Oder fußt mein Ohnmachtsgefühl auf einer berechtigten Angst, die sich durch wissenschaftliche Fakten immerhin einwandfrei erklären lässt…?

Auf zeit.de wurde die diffuse Angst von Psychologin Katharina van Bronswijk jüngst als „ein Zustand der dauerhaften ängstlichen Erregung“ definiert, „ausgelöst durch die Beschäftigung mit den Folgen der Erderwärmung.“ Und doch ist sie nur schwer zu greifen. Diese Klima-Angst. Für mich nicht, für andere genau so wenig. Ihren Weg in unser Leben hat sie sich dennoch gebahnt – oder zumindest ebenfalls in unseren Sprachgebrauch.

Sollte man im Bezug auf dieses dumpfe Gefühl der Hoffnungslosigkeit aber nun schon von einer Angststörung sprechen? Gibt es Therapiemöglichkeiten – und überhaupt eine Diagnose? Oder finde ich letztlich am besten selbst wieder aus der Gedankenspirale heraus? Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer kennt sich mit der besonderen Thematik aus. Sie führt ihre eigene Praxis in Ibbenbüren, hat schon mehrere Interviews dazu gegeben, ist auf Instagram aktiv und sich mittlerweile sicher: „Diese Sorgen werden immer mehr.

Und bei der reinen ‚Sorge‘ bleibt es meist nicht. Denn tatsächlich weisen die Symptome Ähnlichkeiten mit denen anderer psychischer Krankheiten auf: Typisch für eine Klima-Angst sind Gefühlsausbrüche wie Hilflosigkeit, Panik, Verzweiflung oder Traurigkeit – das kann schon in die Richtung einer Depression gehen. Aber auch die Symptome einer Angststörung decken sich häufig damit. Wenn man etwa unter Schlaflosigkeit leidet oder Panikattacken bekommt. Das sind alles Punkte, die man bei diversen Diagnosen wiederfindet und die sich überschneiden können.“

Wenn aus Sorge Panik wird

Die Angst vor den Auswirkungen der Klimakrise ist real. Weil sie auf Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Prognosen für die Zukunft basiert. Und sie muss ernst genommen werden. Ob nun also Krankheitsbild oder anwachsende Sorge – abwälzen lässt sie sich schon längst nicht mehr. Frau Glaßmeyer rät daher:

Erstmal ist es wichtig, die Gefühle auch wirklich zuzulassen. Es bringt nichts, dagegen anzukämpfen oder sie kleinzureden, das machen wir viel zu oft mit unseren Gefühlen – vor allem mit den negativen. Zudem ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass diese Angst vor dem Klimawandel nicht krankhaft ist – sondern eine logische Reaktion auf diese schwer einzuschätzende Gefahr. Ziel muss also sein, ähnlich wie bei einer Depression, aus der Hilflosigkeit herauszukommen, ins Aktive hinein. Was kann ich bereits im Kleinen tun? Was ist ein guter Anfang? Denn wenn ich für mich etwas verändere, verändert sich auch oft mein Umfeld. Und das ist vielleicht bereits der wichtigste Schritt, um aus dieser lähmenden Hoffnungslosigkeit auszubrechen.

Allein mit der Sorge? Oder lieber gemeinsam stark?

Oftmals bleibt das gewisse Gefühl der Ohnmacht trotzdem präsent. Schnell kommt da die wütende Frage auf, ‚warum denn eigentlich sonst niemand was tut‘. Um dem entgegenzuwirken, kann es helfen, sich auszutauschen: Der Klimawandel ist real. Und diese Wahrheit lässt sich nicht einfach herunterspielen. Sich selbst ernst zu nehmen ist absolut notwendig. In einem weiteren Schritt ist es wichtig, mit anderen Betroffenen zu interagieren, über Social Media etwa. Diese Art von Austausch nimmt uns einen Teil der Last, ähnlich wie es Selbsthilfegruppen oder Gruppentherapien bei anderen psychischen Erkrankungen tun. Weil man merkt, dass man nicht alleine ist … auch wenn dieses Gefühl schnell entstehen kann.“

Ob nun also diagnostiziert oder nicht: Der Weg aus dieser endlosen Gedankenspirale heraus deckt sich mit der therapeutischen Behandlung anderer psychischer Erkrankungen. Das muss uns nicht gleich noch mehr Sorge bereiten. Aber es sollte uns wachsam werden lassen. Die Symptome verdienen eine objektive Bewertung. Ebenso wie die Sorgen eine bewusste Wahrnehmung verdienen. Denn das Vorkommen der Klima-Angst wird weiter ansteigen. Gerade junge Menschen, Jugendliche, Teenager beklagen schon heute existenzielle Sorgen, die sie nicht aus ihrem Kopf verbannen können, erklärt die Psychotherapeutin. Nicht wirklich verwunderlich. Immerhin sind sie es, sind wir es, die in diese ungewisse Zukunft letztlich hineinleben werden.

Sorge ist nicht gleich Angst ist nicht gleich Hysterie

Für Frau Glasmeyer steht daher fest: „Es kann nicht schaden, die Klima-Angst als offizielle Erkrankung von der Weltgesundheitsorganisation anerkennen zu lassen. Denn erst eine Diagnose führt dazu, dass die Symptome dahinter ernst genommen werden. Außerdem könnten Betroffene so genau die fachliche Hilfe bekommen, die sie auch benötigen. Hinzu kommt die breitere Anerkennung in der Gesellschaft, wenn eine tatsächliche Erkrankung festgestellt wird.“

Hysterisch bin ich also nicht. Hysterisch sind wir alle nicht. Wachliegen werden ich trotzdem noch die ein oder andere Nacht. Auch ohne Diagnose oder Weltschmerz-Stempel. Doch Anke Glaßmeyer hat Recht. Wir sind dabei nicht alleine. Nicht in unserer Angst und nicht in unserer Hoffnung. Gemeinsam können wir ganz schön viel bewegen. Auch wenn es sich nicht immer danach anfühlen mag. Und wenn dann doch mal die Decke einzustürzen droht? Helfen gute Nachrichten. Oder Katzenfotos. Im äußersten Notfall garantiert Katzenfotos. Denn nein, ein niederschmetterndes Szenario der Klimakrise muss nicht jeden Tag unseren Feed bestimmen. Wir dürfen uns Pausen gönnen, ganz bewusst. Und wir dürfen uns hilflos fühlen, immer wieder aufs Neue. Abschätzige Blicke hin oder her. ☝️

💚

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