Kann dieser gynäkologische Eingriff wirklich dazu führen, dass wir nie wieder einen Orgasmus kriegen?

Dieses Gefühl, wenn dein ganzer Körper zittert… wenn sich ein warmes Kribbeln bis in die letzte Pore deiner Haut ausbreitet… und jede einzelne Zelle förmlich zum Leuchten bringt, ist so ziemlich sicher eins der magischsten Dinge auf dieser Welt. Ja, Orgasmen sind fantastisch. Da sind wir uns wohl alle einig…

Und irgendwie ist es ja nicht mal übertrieben, wenn man von kleinen Wundern spricht, oder? Denn sind wir doch mal ehrlich: Gerade uns Frauen ist es halt nicht unbedingt vergönnt, jedes Mal so easypeasy beim Sex zu kommen wie Männer. Es geht zumindest vielen so… Also ja, Orgasmen sind Magie. 

Und nun stellt euch mal bitte vor, diese kleinen Wunder verschwinden plötzlich. Und kommen nicht mehr zurück. 

Sasha (*Name geändert) ist genau das passiert. Die junge Frau hat ihre Orgasmen verloren, nachdem (und nun kommt der wirklich schlimme Part) sie beim Frauenarzt war. Dort unterzog sich Sasha 2010 nämlich einer sogenannten LEEP-Konisation oder auch Schlingenresektion genannt, nachdem bei ihr nach einem Pap-Abstrich unregelmäßige Zellen gefunden wurden. Der Eingriff an sich verlief reibungslos und war innerhalb von ein paar Minuten vorbei. Sasha bekam eine leichte Betäubung und spürte nichts. 

„Ich wusste damals, sie haben mich kaputt gemacht“

Doch genau an diesem Zustand änderte sich auch später nichts mehr. Schon als sie nach Hause ging, merkte sie, dass irgendetwas nicht stimmte. Es fühlte sich an, „als würde ein Teil in ihrem Körper fehlen“, als wäre da plötzlich „ein Loch, wo sich früher noch etwas Wichtiges befand“, beschreibt Cosmopolitan, wo wir auf das Thema gestoßen sind, das Empfinden der jungen Frau. 

Erst Wochen später, als sie mit einem gut aussehenden Kerl im Bett landete, kam der eigentliche Schock. Denn im entscheidenden Moment tat sich bei Sasha nichts. Kein Kribbeln… kein Feuerwerk im Bauch. Nichts. Das vertraute Gefühl eines aufkommenden Orgasmus war verschwunden. „Ich wusste damals (…), sie haben mich kaputt gemacht“, erinnert sich Sasha an den Moment.

Ein Moment, der offenbar kein Einzelfall ist. In einer Facebook-Gruppe mit dem Namen „Heeling from LEEP“ beschreiben etliche Frauen, wie sich ihr Sexleben nach dem Eingriff negativ verändert habeVon schmerzhaftem Sex, Gefühllosigkeit in der Vagina und sogar vollständigem Orgasmus-Verlust ist die Rede… 

Erfahrungen, die einen aufhorchen lassen und die einem unweigerlich Angst machen. Denn natürlich stellt man sich die Frage, ob ein einzelner gynäkologischer Eingriff – ein Routineeingriff – tatsächlich solche verheerenden Folgen nach sich ziehen kann. 

Doch was genau steckt hinter einer LEEP-Konisation?

Vereinfach gesagt, ist die LEEP-Konisation ein Eingriff, bei dem abnormale Zellen herausgeschnitten werden, die andernfalls zu Krebs führen könnten. Dabei wird ein schmaler Kegel vom Gebärmutterhals entfernt. Ein Verfahren, das schnell geht, und gängig ist, wenn bei einer Patientin vorab wiederholt auffällige Krebsabstriche genommen und charakteristische Veränderungen der Zellen des Gebärmutterhalses gefunden wurden (in der Fachsprache: zervikale intraepitheliale Neoplasien (cervical intraepithelial neoplasia, oder auch kurz CIN). Die Risiken und Nebenwirkungen sind dabei angeblich gering.

Doch sind sie das wirklich? Und sind überhaupt alle Nebenwirkungen bekannt? Ein Gedankenspiel, das auch die Cosmopolitan nicht ausließ. Dort wird nämlich ziemlich schnell auf das Problem hingewiesen, dass Forschungen rund um das Thema LEEP-Verfahren nur sehr begrenzt vorhanden seien. Und wenn, dann würden sich solche hauptsächlich auf die Krebsprävention oder auf mögliche Schwangerschaftskomplikationen konzentrieren. Nicht aber auf die Möglichkeit, seine Orgasmus-Fähigkeit zu verlieren. 

Welche Risiken bringt der Eingriff tatsächlich mit sich?

Wahrscheinlich nur ein Grund, weshalb auch Sasha nach ihren Beschwerden durchweg auf Unverständnis bei Ärzten stieß, weil die eine sexuelle Dysfunktion eben nicht mit der LEEP-Konisation in Verbindung brachten. Doch das änderte sich, als die junge Frau auf den Therapeuten Irwin Goldstein stieß, der sie auf eine Studie von dem Neurowissenschaftler Barry Komisaruk aus dem Jahr 2004 aufmerksam machte.

Bei dieser Studie kam nämlich heraus, dass durch ein zu tiefes Eindringen in den Gebärmutterhalskrebs wichtige Nervenenden durchtrennt werden können, wodurch laut Cosmo dann wiederum das sexuelle Gefühl verloren gehen kann. 

Okay, das. ist. krass. 😳 Und natürlich ist uns dieser ganze Overlaod an Informationen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Also haben wir alle Fragen und Gedanken zu dem Thema zusammengepackt und mit einem Experten darüber gesprochen. Mit jemandem, der das LEEP-Verfahren selbst seit etlichen Jahren anwendet: Prof. Dr. med. Clemens TempferKlinikdirektor der Universitäts-Frauenklinik der Ruhr-Universität Bochum. 

Was ein Arzt zu dem Thema sagt:

Seine Meinung, um das direkt mal vorwegzunehmen: Nein,ein negativer Effekt auf die Orgasmusfähigkeit durch die LEEP/LLETZ ist nicht belegt“Und diesen Satz lässt er im trèsCLICK-Interview natürlich nicht so stehen, sondern untermauert ihn auch mit seinen fachlichen Erfahrungen, wie auch zahlreichen StudienHier mal nur ein paar Punkte herausgegriffen:

So ist beispielsweise eine italienische Studie zu dem Ergebnis gekommen, dass „die Sexualfunktion 6 Monate nach LEEP unverändert war“. Zwar hatten die Frauen einen „signifikant geringeren Score“, jedoch konnte insgesamt kein negativer Effekt auf die Sexualität im Vorher-Nachher-Vergleich aufgezeigt werden. Genauso wenig wie ein Verlust an Orgasmusfähigkeit.

» In diesen Studien fiel einen reduzierte Orgasmusfähigkeit nicht auf. «
Prof. Dr. med. Clemens Tempfer

Ein Ergebnis, das auch Tempfer persönlich bestätigen kann:Wir führen etwa 150 LEEP/LLETZ/Jahr an meiner Klinik durch. Wir führen regelmäßig Studien mit LEEP-Patientinnen durch, in denen die Patientinnen auch hinsichtlich Nebenwirkungen und Morbidität befragt werden. In diesen Studien fiel einen reduzierte Orgasmusfähigkeit nicht auf.

Darüber hinaus verwies er auf mögliche psychologische Effekte der Diagnose und Therapie der CIN, die man in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht außer Acht lassen dürfe. In einer systematischen Übersichtsarbeit zu dem Thema kam man „zu dem Ergebnis, dass die Diagnose und Therapie der CIN nachweislich negative psychologische Effekte hat. Es ist also durchaus verständlich, dass diese gesamte Thematik negative Auswirkungen auf die Sexualität hatSchlussfolgerungen, die auch im Cosmopolitan-Artikel kurz angesprochen wurden.

Klar, an dieser Stelle könnte man nun natürlich von einer klassischen „Aussage gegen Aussage“-Situation sprechen, immerhin stehen psychologische Effekte doch im ziemlichen Kontrast zu den Forschungen von Komisaruk, der von möglich durchtrennten Nervenenden spricht.

Fazit: Unsere Ausgangsfrage bleibt (noch) unbeantwortet

Doch auch diesbezüglich vertritt Tempfer eine klare Meinung: „Im Gegensatz zur LEEP/LLETZ ist der Einfluss der Gebärmutterentfernung auf die Sexualität sehr gut untersucht. Diese Studien zeigen, dass die Entfernung der Gebärmutter KEINEN negativen Einfluss auf Sexualität und sexuelles Empfinden hat. Wenn man annimmt, dass bei der LEEP Nerven in der Zervix verletzt werden und dies negative Auswirkungen auf die Sexualität hat, so müsste dies in viel größerem Maße für die Gebärmutterentfernung gelten. Das ist aber nachweislich nicht der Fall. Daher ist diese Erklärung (wie in dem Artikel von dem als ‚kontroversiell‘ beschriebenen amerikanischen Gynäkologen behauptet) sehr fragwürdig und tatsächlich gelinde gesagt ‚kontrovers‘.

Okay, brummt noch jemandem der Kopf? 😲 Die Info-Flut nimmt gar nicht mehr ab. Doch vielleicht ist genau das der Punkt, den wir aus diesem Artikel mitnehmen sollten. Eben dass noch viel Forschung betrieben muss. Damit niemand, der sowieso schon eine CIN-Diagnose zu verdauen hat, sich auch noch Sorgen um die schönste Nebensache der Welt machen muss. 🙏🏼 Und damit sich eine Geschichte wie bei Sasha eben nicht mehr wiederholt!

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