Wenn ein Dienstleister deine Daten zum Flirten nutzt – ist das dann süß … oder übergriffig?!

Stell dir vor, es ist der klassische Sonntagabend. Jedenfalls unser klassischer Sonntagabend. Die Stunden sind ins Land gezogen, das Wochenende war kurz und knackig (oder lang und träge, auch ok) und das letzte, wonach dir der Sinn steht … ist Kochen. Was her muss, ist eine Alternative. Und zwar schnell.

Schön, dass uns in dieser digitalisierten Welt, was das angeht, alle Möglichkeiten offen stehen. Ein, zwei, drei Klicks – und ein dampfendes Gericht steht vor unserer Haustüre. Mitsamt des jeweiligen Lieferboten. Vielen Dank, schönen Abend noch und tschüss. So wäre der normale Lauf der Dinge. Klassischer Sonntagabend eben.

Wenn aus dem Lieferservice ein Flirtversuch wird

Bei Bloggerin und Beauty Editor Hanna Schumi lief dieser Austausch einer Dienstleistung jetzt aber etwas anders ab. Auf Instagram postete sie eine Geschichte, die für rege (WIRKLICH rege!!) Diskussionen sorgte. Unter ihrem Posting, aber auch in unserem Büro.

Hier die Eckdaten: Nachdem ein junger Mann das bestellte Essen ausgeliefert hatte, kam er kurzerhand auf die Idee, Hanna eine Nachricht zu schreiben. Weil er sie attraktiv fand … und ihr das offenbar unbedingt mitteilen wollte. Klingt süß? Oder doch eher ziemlich gruselig?!?! Auch Hanna stellt sich diese Frage, als sie mit mulmigem Gefühl auf ihr Handy schaut: „Ich weiß, es klingt komisch, schließlich bin ich nur ein Liefer-Boy, aber ich muss dir einfach sagen, dass du bist mit einer tollen Stimme und schönen Augen gesegnet bist. Es war schön dich getroffen zu haben“, steht da ganz unvermittelt geschrieben.

Ein Kompliment … oder etwa nicht?

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Kaum eine Insta Story in diesem Jahr, die so viele Reaktionen hervor gerufen hat. Herzchenaugen, „schreib ihm!“, „Krass!“, „Cute!“ oder „Frechheit“ – alles dabei. Diese Nachricht, die mir der Lieferando-Bote am Sonntagnachmittag geschickt hat, kurz nachdem die Tür wieder ins Schloss fiel und wir Pasta und Salat gegessen haben, spaltet die Lager, spaltet meine Leser*innen. Wobei… Ich müsste eigentlich nicht gendern, denn geschrieben haben mir nur Frauen. Frauen, die mir ähnliche Geschichten schickten von Polizisten und Paketboten, von Kurieren und anderen Pizzaboys, die sich etwas heraus genommen haben, was eigentlich nicht sein darf. Frauen, die nicht verstehen, warum ich nicht komplett ausraste und dem Mann schreibe, warum ich es nicht honoriere, dass er „mutig“ ist. Es haben mir Frauen geschrieben, die belästigt wurden, bei denen so eine Nachricht nur der Anfang vom Übel war, und Frauen, die mir Angst einjagten, weil sie meinten, ich wohne alleine und ER wisse jetzt wer ich bin und wo ich wohne und meine Telefonnummer hätte er ja jetzt auch. „Wie hätte ich reagiert, wenn er mir gefallen hätte?“ habe ich mich gefragt, weil mich eine Freundin darauf brachte. und dann musste ich einen Schritt zurück. Warum ICH? Wie hätte ER reagieren können? Was machen, damit es nicht illegal ist? Von direkt ansprechen bis Zettel im Briefkasten wäre einiges möglich gewesen, das sich nicht so übergriffig anfühlt. Unheimlich finde ich es übrigens nicht - unheimlich finde ich eher, wie viele Frauen sich innerlich gezwungen fühlen in solchen oder ähnlichen Situationen zu handeln. Zu antworten. „Aber er ist doch so mutig!“ - „Wenn er sich doch traut.“ - „Könntest ihm ja wenigsten eine Abfuhr erteilen.“ Drei Leserinnen schrieben etwas von „wie in Hollywood“, eine andere „so fangen Liebesgeschichten an!“. Ja? Tun sie das? Ich bin hin und her gerissen, finde es aber übergriffig. Ich weiß selbst wie schwierig es ist jemanden anzusprechen – in einer Bar, im Zug, auf der Straße. Ich bin sehr schüchtern was dieses Thema angeht und hab noch nie jemandem meine Nummer zugesteckt, aus Angst vor einer Abfuhr. Das zu überspringen und es doch zu tun finde ich in der Tat mutig, also 👇🏻

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Sollte man sich über so eine Nachricht freuen? DARF man sich über so eine Nachricht freuen? OBWOHL der Bote hier doch ganz offensichtlich seine Position missbraucht hat, um über die Kundendaten des Lieferservices an die private Handynummer zu gelangen? Klar, nicht jeder, der süß sein will, ist gleich ein unheimlicher Creep. Ein komische Gefühl im Bauch bleibt dennoch …

Schließlich wurde hier eine deutliche Grenze überschritten. Unweigerlich. Er hat kein Recht dazu, sich über den Datenschutz hinwegzusetzen, um an persönliche Informationen von Kundinnen zu gelangen. Das ist ein Fakt. Was im Einzelnen mit dieser Grenzüberschreitung passiert? Ist Ermessenssache. Und nicht sehr eindeutig abzugrenzen. Was für die einen noch als süßer Flirtversuch durchgeht, ist für die anderen bereits ein Eingriff in den persönlichen Raum. Wo die einen Mut und Tatendrang sehen, fühlen sich die anderen ohnmächtig und machtlos.

Viele Followerinnen reagieren auf das Posting von Hanna. Sie erzählen von ähnlichen Geschichten, aus denen Belästigung wurde, von penetranten Benachrichtigungen oder sogar Schlimmerem. Bei anderen wiederum wurde eine ähnliche Annäherung zur süßen Liebesgeschichte.

Die Nachricht wird zur Glaubensfrage

Machen wir am Ende etwa vor allem dann einen Unterschied in unserer Wahrnehmung, wenn wir den Gegenüber attraktiv finden? Oder bleibt es in jedem Fall die Grenzüberschreitung? Viele meiner Kolleginnen sind sich einig: „Wäre es Brad Pitt, der uns die Handynummer „klaut“, würden wir uns plötzlich alle drüber freuen.“

Ich bin mir da nicht so sicher. Hanna ist es offenbar ebenso wenig. Auf ihrem Instagram-Account „hanna.schumi“ hat sie sich einige Gedanken dazu gemacht. Verrückt, was so ein kontroverser Vorfall doch auslösen kann. Vom fetten Kloß im Hals mal ganz abgesehen. Frauen schreiben ihr, die sich Sorgen machen, weil da jetzt jemand „alles über sie weiß“. Andere verlangen von ihr, nett zu antworten, „weil diese Nachricht ja sicherlich viel Mut gekostet hat“.

Die betroffene Bloggerin reagiert und geht in die Offensive:

„An diesem Punkt musste ich erstmal einen Schritt zurück. Warum muss ICH eigentlich? Warum nicht er? Wie hätte ER reagieren können? Was machen, damit es nicht illegal ist? Von direkt ansprechen bis Zettel im Briefkasten wäre einiges möglich gewesen, das sich nicht so übergriffig anfühlt.“

Denn so hätte sie die Möglichkeit gehabt, selbst zu entscheiden „ob sie seine Nummer in ihrem Handy wiederfinden will – oder nicht“. Ein ungutes Gefühl kommt schließlich nicht von ungefähr. Ganz egal, wie süß die Nachricht ist. Und auch die Tatsache, dass so viele Frauen darauf referieren können, spricht eigentlich bereits für sich. Ob Polizisten, Paketboten, Zulieferer, Taxifahrer oder sogar die eigene Hausverwaltung. Nicht nur Hanna und ihre Followerinnen können von ungefragten Nachrichten wie dieser ein Lied singen. Auch in unseren Reihen ist es – tatsächlich – fast schon jeder passiert.

Hanna Schumis Erlebnis sorgt für Diskussionen

Wir können die Geschehnisse weglächeln, süß finden oder ignorieren. Fakt bleibt: Es ist ein illegaler Weg, der sich anfühlen kann, wie ein Eingriff in die eigene Sicherheitszone. Auf einmal kommt da von außen jemand herein, den wir nicht darum gebeten haben. Aus dieser Tatsache muss nicht jede von uns die selben Konsequenzen ziehen. Und doch doch sollte jede, die sich dadurch unwohl fühlt, auch ernst genommen werden. Hanna, du, ich, wir alle, egal wer.

Wir alle müssen lernen, unsere Grenzen zu setzen

Das Gute an der Geschichte (denn eine Moral im eigentlichen Sinne gibt es wohl leider nicht)? Wir sind emsig dabei, wichtige Feinheiten auszuloten. Was unsere zwischenmenschliche Interaktionen betrifft. Wir werden kritischer und zeigen gleichzeitig mehr Empathie. Wir wägen ab und klären auf. Wir diskutieren. Und rücken Fragestellungen in den Kontext, die bisher einfach hingenommen wurden. Frei nach dem Motto: „Jetzt hab dich mal nicht so“.

Reagiert auf eine solche Nachricht also, wie ihr es für angemessen haltet. Aber sorgt dafür, dass wir alle gemeinsam sensibler werden. Für situationsbedingte Kontexte, für Machtpositionen (die nicht ausgenutzt werden sollten!!) und vor allem dafür, was zu weit geht und was nicht. Denn eine Telefonnummer aus dem beruflichen Kontext zu reißen, ist und bleibt übergriffig. So leid mir das für jede aufkeimende Liebesgeschichte auch tut …

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