Wie es ist, mit 30 einen Herzinfarkt zu bekommen

Im letzten Jahr wurde ich mit Übelkeit, Stechen in der Brust, Herzrasen, Engegefühl und Atemnot vom Notarzt ins Krankenhaus eingeliefert: Verdacht auf Herzinfarkt mit 30 Jahren!! In der Notaufnahme hieß es dann aber noch vor der Untersuchung „Sie sind eine 30-jährige Frau, Sie können keinen Herzinfarkt haben.“ Die pauschale Aussage erschreckte und beruhigte mich zugleich. Ja, zum Glück hatte ich wirklich keinen Verschluss der Herzkranzgefäße, aber ausschließen kann man es von vorne rein eben auch nicht, oder? Schließlich hört man immer wieder von jungen Menschen, die plötzlich an Herztod sterben oder von Sportlern die in der Folge einer Herzmuskelentzündung einfach umfallen. Bei dem 20-jährige Model Jennifer Scherman führte eine Herzrhythmusstörung zum Tod, der 40-jährigen Berliner Radiomoderator Sebastian Radke erlitt einen Herzinfarkt während seiner Sendung – immer wieder gibt es traurige Schlagzeilen. „Pauschale Aussagen sind in der Medizin gefährlich. Auch wenn das zum Glück seltener vorkommt, gibt es dramatische Fälle von jungen Herzinfarkt-Patienten. Deshalb muss man sich neben dem EKG auch die Lebensumstände anschauen: Wenn jemand zum Beispiel viel Kokain oder Amphetamin zu sich nimmt, kann sich das auf das Herz auswirken. Oder aber wenn jemand unter psychisch sozialem Stress steht…“, sagt Dr. Felix Schönrath, Oberarzt Deutsches Herzzentrum Berlin.

Sind wir die Generationen der Herzerkrankungen?

Fakt ist: Das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird durch Lebensstilfaktoren und Umweltfaktoren beeinflusst. Die allgemeinen Risikofaktoren für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall sind Übergewicht, Alkohol- und Zigarettenkonsum, Bewegungsmangel, Fettstoffwechselstörung, Diabetes, schädlicher Stress und Depression. Halt mal, soll nicht unsere Generation die Generation des Stresses und der Depression sein? Wir sind doch die, die sich nicht entscheiden können? Die unter mehr Leistungsdruck stehen, als die Erwachsenen vor uns. Studium, Job, Liebe: Oft sind wir überfordert mit den vielen Optionen – und stressen uns hart. Sind wir also auch die Generation der Herzerkrankungen?

 

» Stress ist zwar rein biologisch ein Risikofaktor, aber vor allem wirkt sich das auf den Alltag aus und dieser verläuft dann ungesund. «
Professor Dr. Haass, Chefarzt des Theresienkrankenhauses und der St. Hedwig-Klinik in Mannheim und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung

„Ich habe zwar nicht den Eindruck, dass die Zahlen der jungen Herzinfarktpatienten signifikant höher werden, aber es gibt allgemein eine große Diskussion, wie sehr sich negativer Stress und psychische Belastung auf das Herz auswirken“, erklärt Professor Dr. Haass, Chefarzt des Theresienkrankenhauses und der St. Hedwig-Klinik in Mannheim und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. „Stress schüttet das Hormon Kortison aus, das den Blutzucker und den Bluthochdruck ansteigen lässt. Stress ist zwar rein biologisch ein Risikofaktor, aber vor allem wirkt sich das auf den Alltag aus und dieser verläuft dann ungesund. Es kommen also dadurch gleich mehrere negative Faktoren zusammen: Wer Stress hat, isst meist fertige und fettige Speisen, hat keine Zeit für Sport und womöglich wird noch geraucht und Alkohol getrunken“, fügt Dr. Schönrath hinzu.

„Kommt es bei jungen Menschen beim Sport zu einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen liegt häufig eine angeborenere Herzerkrankung oder eine Herzmuskelentzündung als Ursache vor, selten auch ein Herzinfarkt. Wenn Vater oder Mutter mit Mitte 30 einen Herzinfarkt erlitten hat, dann ist die Chance hoch, dass das Kind auch in niedrigem Alter erkrankt. Bei erblicher Vorbelastung ist der ärztliche Check unabdingbar“, sagt Prof. Dr. Haass. Es scheint aber logisch, dass die Diagnose bei jungen Menschen erheblich erschwert wird: Zum einen kommt man selbst nicht darauf sein Herz checken zu lassen, solange es einem gut geht. Und zum anderen vermuten Ärzte bei Menschen unter 40 nicht unbedingt eine Herzkrankheit. Was meine persönliche Krankenhaus- Episode beweist. Dazu kommt, dass bei Frauen andere Symptome auftreten als bei Männern und der Herzinfarkt oft nicht eindeutig als solcher wahrgenommen wird. Oftmals treten bei Frauen unspezifische Schmerzen zum Beispiel im Oberbauch, im Arm oder Rücken auf. Nur etwa ein Drittel der Frauen leidet an Brustschmerzen.

Die Pille erhöht das Risiko für einen Herzinfarkt um das Dreifache

Zwar sind wir Frauen von Natur aus hormonell bis zu den Wechseljahren in der Regel gut geschützt vor einem Herzinfarkt, erklärt mir der Mediziner, problematisch wird es aber, wenn Frauen die Anti-Baby-Pille nehmen und rauchen. Das erhöht das Risiko für arterieller Thrombosen und schließlich einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt um knapp das Dreifache. Auch die

Schwangerschaft stellt eine Besonderheit dar, weil ein leicht erhöhtes Thromboserisiko besteht und in seltenen Fällen eine Veränderung der Herzkranzgefäße auftreten.

Tatsächlich sprechen die Zahlen des Herzberichts 2016 Deutsche Herzstiftung aber gegen Panikmache: Ja, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sind in Deutschland wie in allen anderen Industriestaaten noch immer Todesursache Nummer 1. Jährlich erleiden in diesen Ländern bis zu 300. 000 Menschen einen Herzinfarkt. Er trifft alle Berufssparten und mit allein in Deutschland 130 000 Fällen pro Jahr zunehmend Frauen – grundsätzlich steigt das Risiko mit zunehmendem Alter an. Es ist möglich, auch im Alter von 20 Jahren schon einen Herzinfarkt zu erleiden. Allerdings sind 1 -2 % der Patienten*innen unter 40.

„Ein wichtiger Punkt für junge Menschen ist allerdings, dass ein unvernünftiger Lebensstil ja nicht erst im hohen Alter beginnt, sondern dass man sich die Voraussetzung für einen Herzinfarkt schon früh schafft. Wer unter 40 schon ungesund lebt und raucht, erhöht das Risiko einer späteren Herzerkrankung. Deshalb raten wir jedem*r Erwachsenen mit zweieinhalb Stunden moderater Bewegung pro Woche das Herz und den Kreislauf fit zu halten. Außerdem viel Obst und Gemüse, ohne gleich eine Pille einzunehmen“, so Prof. Dr. Haass.

Wer also gerade ein Stück Pizza in der Hand hat, vor zehn Minuten die letzte Zigarette geraucht hat, das letzte Mal im Fitnessstudio zur Anmeldung war und unter Dauerstress steht: Nimm dir diesen Text zu Herzen und sorg einfach dafür, dass es deinem fabelhaften 65-jährigen Ich auch noch gut gehen wird.

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Mehr Informationen und Hilfestellung auf www.herzstiftung.de

Mehr über: Stress, Herzinfarkt
Credits: Foto Privat

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