Wie erfährt man Rassismus als Schwarzer Flüchtling und Freund einer Weißen Frau? Ein interracial Couple teilt seine Geschichte

Kim und ihr Freund Lamin haben ihre Rassismus-Erfahrungen mit uns in einem Videocall geteilt. Das Gespräch wird hier aus ihrer Sicht als Protokoll wiedergegeben. Zum besseren Verständnis haben wir alle Aussagen von Lamin kursiv niedergeschrieben.

Lamin kam 2015 als Flüchtling nach Deutschland. Seit 2,5 Jahren lebt er mit Kim in einer Beziehung. Fotos von Lisa Kamlowski. 

Mein Name ist Lamin, 21 Jahre alt. Ich komme aus Busumbala in Gambia, Westafrika. 2013 habe ich mein Heimatland – und meine gesamte Familie – aufgrund verheerender Lebensumstände verlassen und floh in den Senegal. Von dort reiste ich weiter nach Mali, dann über Burkina Faso nach Niger. Bis hierhin legte ich alle Strecken in Bussen zurück. Weiter ging es nach Libyen, wohin ich wegen der Wüste in einem Pick-up mitfuhr. Dort blieb ich ein ganzes Jahr lang. Viele Flüchtlinge wurden in Lybien damals unschuldig in Gefängnisse gesteckt – auch ich. Entweder wartet man, bis man freigekauft wird, oder die Insassen tun sich zusammen, um auszubrechen, wie es bei mir der Fall war. In einem Flüchtlingsboot kam ich dann schließlich nach Italien. Von dort mit dem Zug weiter in die Schweiz. In Deutschland kam ich letztendlich am 2. Januar 2015 an. Alleine. 

Ich, Kim (22), arbeite neben meinem Dual-Studium zur Sozialarbeiterin bei der AWO seit einigen Jahren in der Flüchtlingshilfe. Lamin lernte ich bei der Inobhutnahme in Karlsruhe kennen, wo wir geflüchtete Jugendliche aufnehmen und unterbringen. Er wohnte da zwar nicht, besuchte aber regelmäßig die anderen Jugendlichen. Als er irgendwann die Jugendhilfe verließ und ich mein Studium begann, fingen wir an, uns privat zu schreiben und uns schließlich auch zu treffen. Wir verliebten uns ineinander und wurden Ende 2017 ein Paar.

Uns beiden stand die Tatsache, dass wir ein Interracial Couple sind, nie im Weg. Klar, manchmal haben wir unsere Probleme mit der Sprache (lacht), vor allem wenn wir uns streiten, fällt es schwer, Dinge so auszudrücken, dass der andere sie versteht. Ansonsten verstehe ich aber eigentlich immer, was er mir sagen will (Anm. der Redaktion: Gambia ist sehr polyglott. Seine Muttersprache ist Mandinka, mit Freunden spricht er überwiegend Wolof, in der Schule lernte er dort Englisch, hier lernt Lamin Deutsch.) Meine Freunde und meine Familie nahmen ihn herzlich auf, lediglich bei meinem Opa – der wie der Rest meiner Familie in Polen geboren wurde – hatte ich leichte Bedenken. Es stimmt leider, dass einige sehr christliche Polen und generell die älteren Generationen weniger weltoffen sind als andere. Ich war letztlich aber überrascht, dass er sich überhaupt nicht negativ äußerte. Es sind eher ferne Bekannte, die oft Fragen stellen, die niemals aufkämen, wenn mein Freund Weißer wäre. Extremer jedoch sind oft die Reaktionen von Fremden: Es ist ein großer Unterschied, ob man als Schwarzer in Deutschland geboren und aufgewachsen ist – oder ob man hingegen direkt als geflüchteter, Schwarzer Afrikaner wahrgenommen wird. Da hört man Passanten im Vorbeigehen auf der Straße schon mal flüstern: „Der ist doch mit ihr eh nur für einen deutschen Pass zusammen.“

Unsere Erfahrungen mit Rassismus… Wo sollen wir da anfangen?

Die Leute geben es nicht zu, aber es ist sicher kein Zufall, dass ich in vielen Clubs schon an der Tür abgewiesen werde. Manche sagen Dinge wie: „Diese N****-Partys sollten verboten werden.“ Wenn ich Polizisten begegne, werde ich fast immer kontrolliert. Willkürlich. Sie tasten mich ab, leeren meine Hosentaschen, nehmen erstmal alles zu sich, was mir gehört und überprüfen es. Einmal war ich mit einem anderen Schwarzen Freund unterwegs und in der Nähe passierte wohl zufällig eine Schlägerei – obwohl das Opfer mehrmals betonte, dass es sich um zwei Weiße Täter handle, wurden wir mit auf die Wache genommen. Erst als es zur Gegenüberstellung kam, durften wir gehen. Und auch als wir einmal einfach nur im Park Basketball spielten – zusammen mit Weißen – zogen die Polizisten grundlos uns Schwarze zur Seite. Von einem Afrikaner wie mir, der dann auch noch Rastas trägt, scheinen sich manche wohl automatisch bedroht zu fühlen… 

» Kürzlich schrieb mir jemand: "Du bist als Polin mit einem Schwarzen zusammen?! Oh mein Gott, gute Besserung, du hast bestimmt allerlei Krankheiten." «
Kim

Ich kann ihn oder auch die Flüchtlinge, mit denen ich zusammenarbeite, vor allem bei Veranstaltungen keine drei Minuten aus den Augen lassen, ohne dann direkt Polizisten mit ihnen reden zu sehen. Es kam schon vor, dass ich von den Beamten einfach weggeschoben wurde oder – wenn ich mit Lamin gemeinsam unterwegs bin – gefragt werde, ob ich denn überhaupt dazugehöre.  Erst, wenn ich meinen AWO-Ausweis raushole, geben sie Ruhe. Selbst wenn er nach seinem Pass gefragt wird, werde ich es nie. Leider kann die Polizei PoC oft nicht voneinander unterscheiden. Sie sehen einfach nur Schwarz. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wird jemand mit Rastas gesucht, kassieren sie alle Schwarzen ein, die Rastas tragen – als sei das Indiz genug.

Auf Instagram schrieb mir irgendein Typ vor Kurzem: „Du bist als Polin mit einem Schwarzen zusammen?! Oh mein Gott, gute Besserung, du hast bestimmt allerlei Krankheiten.“ Natürlich hat er sich hinter einem scheiß Fake Profil versteckt und – anlässlich der aktuellen Lage seit des Mordes an George Floyd – andere Profile suchen, um ihren Hass abzuladen. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn so etwas passiert.

Blödes Gerede von Fremden verletzt mich zum Glück kaum noch. In einer Welt wie dieser muss man damit rechnen, mit so etwas konfrontiert zu werden…

Aber es ist krass, zu sehen, welcher Ruck gerade durch die Gesellschaft ging. Schrecklich, dass es dafür erst noch einen Mord an einem unschuldigen Schwarzen brauche, das ist schwer zu verkraften. Aber es ist auch schön anzusehen, dass die Stimmen jetzt endlich lauter werden und (fast) alle für das gleiche Ziel kämpfen. Dieses Problem ist kein neues. Es war immer schon da. Wir müssen jetzt nur dran bleiben! Allen Weißen Menschen möchte ich sagen: Nur ihr könnt uns helfen. Wir selbst können das nicht. Ihr müsst uns helfen!

Mich hat so mitgenommen, welch starken Schmerz Lamin durch dieses Erlebnis gefühlt hat und immer noch fühlt. Ich werde das niemals nachfühlen können, aber es tut weh, zu sehen, wenn jemand, den du liebst, leidet. Ich bin froh, dass sich endlich mehr Menschen damit beschäftigen, weil sie viel zu lange ihre Augen verschlossen haben.

 

Ein interracial Paar zu sein gibt so viel Schönes her!

Ich liebe Lamins Lebensfreude. So sehr. Ich bewundere so sehr, wie positiv er ist, nach all dem Schlimmen, das er erlebt hat. Seine ganze Familie zurückzulassen und auch nicht mehr zu allen Familienmitgliedern Kontakt haben zu können, durch so viele Länder zu fliehen und auch hier immer wieder mit Rassismus zu kämpfen und dabei doch so viel positive Energie zu versprühen, ist für mich ein kleines Wunder. Die Musik und das Tanzen, die gute Laune, die seine Kultur mit sich bringen, ist so ansteckend! Wenn ich mit ihm und seinen Freunden zusammen bin, fühle ich mich nie alleine, wir haben immer eine gute Zeit. Und, Schatz, was liebst du an mir? (Lacht)

Dass du mit mir in den Urlaub gehst! (Lacht) Nein Spaß, es gibt nichts an dir, was ich nicht liebe.

So groß die Liebe auch ist, die Angst schwingt immer mit

Diese Ungewissheit ist für mich natürlich furchtbar. Sein Asylverfahren dauerte knapp 4 Jahre, am Ende glaubten sie ihm seine Geschichte nicht, daher kann er, wenn die nötigen Voraussetzungen (die eine Abschiebung möglich machen) abgeschoben werden. Dabei versucht er, seit er hier ist, sich etwas aufzubauen und aktiver Teil der Gesellschaft zu sein! Er bekam – nach vielen Bewerbungen und Bewerbungsgesprächen, auf die nie wieder eine Antwort kam – einen Job bei Michelin, anschließend fing er eine Ausbildung zum Maurer an. Die Anwälte rieten ihm dazu, da das die Bleibechanchen eher erhöhen würde als ein Job. Leider hatte er zu große Probleme mit seinem Chef, der wegen Lamins mangelnden Fachvokabulars immer wieder ausrastete, dabei arbeitete er viel, fleißig und bemühte sich, Dinge dazuzulernen… Wir suchen also gerade einen Ausbildungsplatz im Straßenbau und hoffen somit auf eine Ausbildungsduldung, also eine vorübergehende Aussetzung der Abschiebung.

» Offiziell bleiben uns eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Heiraten oder ein Kind bekommen. «
Kim

Daher sind wir immer noch Ungewissen. Die Unsicherheit, die er hat, ist kaum auszuhalten. Auch für mich nicht, da ich ständig Angst haben muss, ihn zu verlieren. Wir haben schon öfter mitbekommen, wie Freunde von ihm einfach am Arbeitsplatz abgeholt wurden und es dann hieß: „Du musst jetzt wieder zurück.“ Offiziell bleiben uns neben der Ausbildungsduldung eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Heiraten oder ein Kind bekommen. Ein Kind ist für uns erstmal noch kein Thema, übers Heiraten haben wir schon gesprochen, aber selbst da werden einem sehr viele Steine in den Weg gelegt. Auch hier wird doppelt und dreifach geprüft, ob man sich wirklich liebt, oder ob es hier nur um einen Pass geht. Und wie soll man das bloß beweisen?

Wir wollen irgendwann so oder so heiraten. Aber der Druck ist immens und wir fragen uns häufig: Heiraten wir erst in 5 Jahren? Oder tun wir’s jetzt schon, weil wir sonst eventuell gar keine Chance haben? Es ist ein ständiger Kampf gegen Gesetze, die Bürokratie und es kommt auch immer darauf an, welchen Sachbearbeiter man gerade erwischt. Eventuell hat man da einfach die Arschkarte gezogen.

Was wir uns von der Gesellschaft wünschen?…

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft endlich frei von Vorurteilen werden. Dass wir Menschen nach Taten beurteilen und nicht etwa nach ihrem Aussehen und ihrer Herkunft. Ich bin es leid, komische Blicke zu ernten, wenn ich mit meinem Partner unterwegs bin.

Ich wünsche mir, dass Menschen sich mehr damit auseinandersetzen, was es bedeutet, Anti-Rassist zu sein. Dass sie sich fragen, wie sie sich selbst fühlen würden, wenn sie in deren Haut steckten und wie schwer es sein muss, dass man aufgrund einer Hautfarbe systematisch abgelehnt wird.

Und ich wünsche mir, dass Polizisten endlich gerecht handeln. Es gibt gute, aber es gibt auch einige, denen man schon ansieht, dass sie nur darauf warten, dass eine Schwarze Person zuckt, damit sie sie auf den Boden werfen, ihnen den Arm verdrehen und ihre Macht demonstrieren können. Und an alle anderen Menschen: Jedes Leben zählt. Das hat aber nie jemand in Frage gestellt. Daher versteht bitte, wie wichtig es ist, genau jetzt zu sagen: Black lives matter!
___________

Ich danke euch beiden, für dieses ehrliche, bewegende und schöne Gespräch. Wer euch im echten Leben oder – wie ich – alleine nur am Laptop-Bildschirm beobachten kann, hat keine Zweifel daran, wie sehr ihr einander liebt. Und ganz besonders dir, Lamin, wünschen wir, dass du Deutschland bald vollständig dein Zuhause nennen darfst und du dich hier sicher und gut aufgehoben fühlst. Alles Liebe euch. ❤️ #BlackLivesMatter.

 

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