Running Psychology: Kann man Sorgen und Stress einfach davonlaufen?

Laufen macht glücklich. Das habe ich für mich persönlich schon lange festgestellt und ziehe deshalb mindestens drei Mal die Woche meine geliebte Runde. Heute bin ich allerdings nicht mit meinem Hund Rudi, sondern mit Psychologin Carola aus Hamburg unterwegs. Sie arbeitet als ‘Running Psychologist‚. Das heißt, dass sie regelmäßig ihre Turnschuhe schnürt und alle begleitet, die Frust und Probleme loswerden wollen. Das wollten wir von Très Click natürlich gleich mal für euch testen.

Kurz vor dem Treffen mit Carola will ich dann aber doch fast absagen, weil ich die aktuelle Erkältungswelle leider voll mitgenommen habe (hey, wenn’s was gratis gibt, bin ich immer dabei). Nicht die beste Voraussetzung, um Sport zu machen. Da werde ich bestimmt keine gute Figur machen. „Wir können es ja ganz langsam versuchen. Und wenn’s gar nicht geht, spazieren wir halt ein bisschen und reden einfach so. Ohne Laufen“, sagt Carola. Klingt zwar einleuchtend, normalerweise bin ich da (leider) trotzdem nicht so vernünftig und viel zu streng mit mir. Schon so manches Mal habe ich eine Erkältung verschleppt, nur weil ich meine Laufrunde durchziehen wollte. Ganz schön dumm eigentlich.

 

Wer morgens um die Alster läuft, wird mit diesem Ausblick belohnt

Mit Carola läuft es sich gut. Die studierte Psychologin war mir gleich auf den ersten Blick supersympathisch und so fällt es auch gar nicht schwer zu reden, so rein zwischenmenschlich. Mein Körper kommt dagegen doch ganz schön aus der Puste. Kein Wunder, denn Carola hat bereits an Marathons und Triathlons teilgenommen. „Ich bin schon immer gern gelaufen“, erzählt sie mir, und so lag der Gedanke nahe, Beruf und Leidenschaft miteinander zu verbinden. Was gar nicht so unlogisch ist, denn beim Laufen werden Endorphine freigesetzt (sogar schon nach 30 Minuten, wie das Journal of Experimental Biology kürzlich zeigte). Und während die Beine da unten fleißig ihre Arbeit tun, gerät der restliche Körper in einen entspannten Flow, bei dem lästige Gedanken endlich mal auf Pause schalten. Laut Studien soll Joggen gegen Depressionen und Angststörungen genauso gut wirken wie ein Antidepressivum. „Während wir uns bewegen, wird auch im Kopf etwas bewegt“, erzählt Carola, „es fällt leichter, sich zu öffnen. Beim Laufen redet man ja meistens über Probleme und was einen gerade so beschäftigt. Auch wenn man mit Freunden laufen geht.“ Weshalb die Hemmschwelle grundsätzlich auch niedriger sei, sich mit einem Running Psychologist zu treffen, als sich direkt auf die Therapeutencouch zu legen.

 

Gute Laune nach dem Lauf

Immer eine Frohnatur: Hund Rudi

„Psychische Krankheiten werden leider noch immer sehr stark stigmatisiert„, erzählt Carola weiter, „oft wissen Angehörige auch gar nicht, wie sie damit umgehen sollen.“ Auch für Betroffene sei es schwierig zu erkennen, dass jemand ein Problem hat, denn die Grenzen zwischen unseren kleinen, unbedenklichen Alltagsticks und psychischer Krankheit würden oftmals verschwimmen. Deshalb seien Burnout und Depressionen inzwischen zu echten Volkskrankheiten geworden. Laufen und dabei über Probleme zu reden (oder diese erst als solche erkennen), könne dagegen sogar präventiv wirken.

Ob das wohl auch für unsere Runde gilt? Zwischendurch müssen wir doch ganz schön viel gehen, weil mir der Hals wehtut und ich einfach nicht so in Form bin wie sonst. Normalerweise würde ich mich jetzt über mich selbst ärgern und die Runatstic-App verfluchen, die mir gnadenlos die Zeit pro zurückgelegten Kilometer anzeigt. Zum Glück habe ich die App heute ausgelassen. Und so hat mir die Runde am Ende zwar nicht so viel für die Kondition gebracht, dafür aber habe ich von Carola heute eines gelernt: Es muss ja nicht immer alles im Leben nach Leistung gehen. Manchmal ist es besser, halblang zu machen. Ganz besonders bei Dingen die so viel Spaß machen wie das Lieblingshobby.

Credit: privat, Corbis

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