Ein ehrlicher Brief an mein Spiegelbild

Wow, wir haben ganz schön viel miteinander durchgestanden, du und ich. Wenn ich an frühere Zeiten zurückdenke, beispielsweise an die Zeiten meiner Essstörung, kommen mir traurigerweise nicht wirklich schöne Erinnerungen in den Kopf. Die meiste Zeit meiner Jugend habe ich damit verbracht, mich für dich zu hassen.

Mit 10 beschloss ich das erste Mal, dass ich als Erwachsene meine Nase operieren lassen würde, weil sie vorne so „eckig“ ist. Tatsache: Ich mag sie noch immer nicht. Meine Nase ist meine größte Unsicherheit, und sie befindet sich mitten in meinem Gesicht. Sie ist dermaßen asymmetrisch, dass meine beiden Gesichtshälften im Profil aussehen wie zwei verschiedene Menschen. Irgendwann kamen dann auch die Brüste auf die To-Do-Liste, immerhin konnte ich bei Gleichaltrigen regelrecht zusehen, wie deren Oberweite wuchs, während sich bei mir nicht grade viel tat. Während meiner ersten sexuellen Erfahrungen zog ich deshalb nie mein Shirt aus, und wenn doch, dann blieb auf alle Fälle zumindest der BH an.

Die böse, böse Pubertät

Irgendwann in der Pubertät teilen sich Mädchen ja dann meistens in zwei Gruppen ein: die, die sich zu hübschen Schwänen verwandeln und mit denen alle auf wundersame Weise befreundet sein wollen… und die, die Akne bekommen. Ich muss die Auflösung nicht wirklich künstlich in die Länge ziehen – ich gehörte zur letzteren Gruppe. Es gibt wirklich viele Dinge, die sich in der Pubertät scheiße und belastend anfühlen, aber wer schon mal so richtig stark mit unreiner Haut zu tun hatte, der weiß, wie tief sich das in den Kopf hineinfrisst, und dass man sich am liebsten vor dem Rest der Welt verstecken wollen würde. Meine Akne war für mich trotz aller möglichen Cremes und Methoden so unerträglich, dass ich deshalb zwei Jahre lang nicht zum Frisör ging. Ich konnte nicht ertragen, mich so lange im Spiegel anschauen zu müssen. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich eines Nachmittags mit meiner Mama meine Oma besuchte und wir uns über Karneval-Kostüme unterhielten. „Schmink dich einfach nicht und geh als Streuselkuchen“, schlug meine Mutter (als Witz intendiert) vor und kriegte sich vor Lachen kaum wieder ein, während ich heulend aus der Küche meiner Oma stürmte und am liebsten von einem großen, schwarzen Loch verschlungen worden wäre. Ein Klassenkamerad stellte sich oft vor mich und zählte sehr laut und mit einer Seelenruhe meine Pickel, wenn er mich ärgern wollte. Und ein anderer Typ aus der Oberstufe (der Jahre später mein toxischer Ex-Freund wurde… The irony, the irony…) fand es besonders lustig, mich im Vorbeigehen als „Schlange, die sich häutet“ zu bezeichnen, weil die Creme vom Hautarzt mein Gesicht so stark austrocknete, dass es schuppte. Das Ganze endete schließlich mit einer Hormonkur, die so stark dosiert war, dass ich dadurch in eine noch tiefere Depression fiel – aber immerhin, die Pickel waren gone for good.

Selbstwahrnehmung in Abhängigkeit von Männern

Auch hierüber könnte ich ganze Bände verfassen ich halte es aber kurz: Ich habe, zugegeben, meine Selbstwahrnehmung sehr häufig abhängig gemacht von der Wahrnehmung, die andere von mir hatten. Typen, mit denen ich zusammen war oder die ich längerfristig datete. Einer blieb mir ganz besonders in Erinnerung, denn er beherrschte die Kunst des subtilen Kritisieren wie kein zweiter. Erst hüllte er mich in seine starken Arme ein, streichelte mir über den Kopf, gab mir ein paar zärtliche Küsse und ließ dann eine Aussage los wie: „Du hast schon ziemlich schmale Lippen, oder? Also, nicht dass daran irgendetwas Schlimmes wäre, aber ziemlich schmal sind die ja schon, hm?“ oder „Schatz, ich weiß, dein Tag war lang und du bist sicher sehr müde, aber so kann ich dich nicht mitnehmen zu meinen Eltern.“ Natürlich fühlte ich mich instinktiv dadurch schlecht, konnte das Gefühl aber nicht ganz definieren. Er hat ja Recht und er meint das auch nicht böse, redete ich mir dann ein, vielleicht sollte ich echt mal über Lipfiller nachdenken. All solche Dinge. Wenn ich jetzt nochmal zurückdenke, würde ich ihm am liebsten sagen, dass er sich seine verletzende Scheiße bitte in den Arsch schieben und sich die perfekte Frau doch am besten backen soll.
Jetzt schätze ich nichts mehr, als das Gefühl, mich einem Mann völlig hingeben zu können, ganz egal, wie ich dabei aussehe. Den mitunter besten Sex meines Lebens hatte ich mit einem Mann, der mich auch nach einem stressigen Tag mit dunklen Augenringen, nicht vorhandener Frisur in gammligen Sweatpants angebetet hat und mir im Bett das Gefühl gab, ich sei die begehrenswerteste Frau überhaupt. Und ehrlich? Etwas anderes kommt mir auch nicht mehr unter die Bettdecke. Jede Frau der Welt hat nichts anderes verdient als das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass sie so wie sie ist (und nicht so wie sie sein könnte) perfekt ist.

Liebes Spiegelbild…

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Wenn ich dich jetzt anschaue, dann habe ich endlich meinen Frieden mit dir geschlossen. Ich weiß nicht, ob es an diesem Phänomen vom Älterwerden liegt, bei dem man angeblich mit den Jahren ja prinzipiell entspannter wird, oder was genau der springende Punkt war. Aber ich denke, ich habe einfach eingesehen, dass du so viel mehr bist als du nach außen hin preisgibst. Und dass du auch nicht das Wichtigste bist, das mich ausmacht.
Na klar, ich bin noch immer relativ eitel (in meiner Einschätzung), ich achte sehr auf meinen Körper, trainiere ihn, ernähre ihn gesund, ich schminke mich, liebe es, mich durch Mode auszudrücken… Aber ich nutze dich nicht mehr als Instrument der Bestrafung. Wenn ich dich jetzt anschaue, will ich nicht mehr umdrehen und davonlaufen.

Wenn ich dich jetzt anschaue, sehe ich Augen, die mir das Geschenk geben, die Welt zu erleben. Lippen, die mit ihren Worten etwas erreichen können. Vielleicht nicht viel, aber es ist etwas. Hände, die Zeilen tippen können, die in anderen etwas bewegen. Vielleicht nicht bei vielen, aber wenn es nur ein paar sind, ist das Ziel schon erreicht. Ich sehe eine Nase, die ich noch immer nicht schön finde, die aber trotzdem intakt ist, sodass ich jeden Tag den frischen Strauß Blumen auf meinem Schreibtisch beschnuppern kann. Ich sehe Beine, an denen sich zwar leichte Cellulite breit macht, die mich aber von A nach B tragen. Einen Bauch, der zwar flach ist, trotzdem aber noch das ein oder andere Röllchen als Beweis eines genussvollen Lebens aufzeigt.

Ich sehe eine kleine Narbe an meinem rechten Unterarm, die mich an die beste Zeit meines Lebens denken lässt, als ich mit meiner ersten großen Liebe beim Backen geblödelt habe und mich versehentlich am Herd verbrannte. Die schwarze Tinte unter meiner Haut, die mich immer wieder auf schöne Art und Weise daran erinnert, warum ich sie mir tätowieren ließ. Ich sehe einen Fleck unter meiner Brust, den ich von meinem Papa geerbt habe. Die dunklen Augen meiner Mutter. Und manchmal, wenn ich dich im Profil sehe, sehe ich meine große Schwester, die für mich der beste Mensch der Welt ist.

Sich lieben heißt nicht, alles an sich toll zu finden

Wir müssen uns nichts vormachen. Selbstwahrnehmung ist nicht nur Schwarz oder Weiß. Es ist nicht einfach „Entweder“, „Oder“. Es ist nicht so, als hätte ich die Selbstliebe plötzlich mit Löffeln gefressen und empfinde mich jetzt als umwerfendste Frau der Welt. Du und ich, wir haben noch immer Tage, an denen wir nicht so wirklich gut miteinander klarkommen. An denen ich nicht mag, was ich sehe und Spiegel noch immer weitgehend meide. Ich weiß aber, dass auch solche Tage vergehen und wieder andere kommen, an denen ich mich besser fühle.

Ich bin zum Beispiel nicht der größte Fan von meinem Gesicht, vor allem da ich mich beruflich immer wieder in Kreisen bewege, in denen ich von bildschönen Menschen umgeben bin. Selbstverständlich weiß ich, dass ich mich nicht vergleichen sollte – wie ich es auch in den 22 Dingen, die ich vom Leben gelernt habe, schrieb – aber ich kann mich trotzdem nicht vollständig davon frei machen. Auch meine Haare, würde ich, wenn ich könnte, am liebsten gegen andere eintauschen. Mich zu lieben, heißt nicht, alles an mir toll zu finden. Das habe ich begriffen. Viel wichtiger ist aber, sich dadurch nicht mehr in seinem eigenen Wert zu definieren. Bin ich die schönste Frau der Welt? Ziemlich sicher nicht. Habe ich den heißesten Body der Welt? Ziemlich sicher nicht. Sind das Ziele, die ich anstrebe? Ganz, ganz, sicher nicht. Und trotzdem bin ich happy mit der Hülle, die ich habe – aus dem ganz einfachen und pragmatischen Grund, weil es die einzige ist, die ich je besitzen werde. Und das Schönste daran, wenn man sich kompromisslos einfach annimmt, ist, dass das auch auf andere abstrahlt und sie unterbewusst in deren Wahrnehmung beeinflusst. Kürzlich hatte ich ein Aktshooting in einem Hotel mit einem männlichen Fotografen, der mich, als ich quasi schon nackt vor ihm stand, fragte, ob es irgendwelche Stellen oder Körperteile gäbe, die ich nicht so sehr an mir mag oder die wir lieber verstecken sollte. Ich antwortete: „Nö. Und wenn schon, es bringt ja nichts, sie sind eben alle da“, woraufhin er mir sagte, dass das einer der coolsten Sätze war, die er je eine Frau hat sagen hören.

Ich habe mich mittlerweile mit dem, was ich im Spiegel sehe, angefreundet. Und wie in einer jeder Freundschaft oder Beziehung auch, gibt es Auf und Abs. Und die sind okay.

Außerdem, und das will ich wirklich jedem ans Herz legen, müssen wir wirklich alle aufhören, zu glauben, dass ein schönes Aussehen wichtiger ist als eine schöne Seele. Es bringt einfach nichts, wenn du aussiehst wie gemalt, dich aber benimmst wie der letzte Mensch. So kommst du im Leben nicht sehr weit, Punkt. Und selbst wenn du’s auf geschäftlicher Ebene vielleicht tust, so sitzt du am Ende des Tages doch alleine da mit deinem Erfolg, weil niemand gerne in deiner Nähe ist.

Liebes Spiegelbild, zu allererst möchte ich mich entschuldigen, dafür, dass ich dich jahrelang geächtet habe. Ich sag’s immer wieder, aber ich wünschte, es gäbe dir gewidmet in Zukunft ein extra Schulfach, in dem kleinen Mädchen und Jungs beigebracht wird, was es bedeutet, sich selbst anzunehmen. 

Und dann, im zweiten Schritt, sage ich Danke. Danke dafür, dass du mich durchs Leben trägst, dass du mir eine gesunde, junge Frau zeigst, die ihren Träumen nachgeht und der Welt mit offenem Herzen begegnet – ganz egal, wie sie dabei aussieht. Wirklich, danke. 

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if you could read my mind you’d be in tears

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