Warum meine Sexualität gerade Fragen aufwirft

Credit: Anna-Lena Ehlers

Text: Tabea Ernst

Bis vor vier Monaten war ich mit einem der wundervollsten Menschen zusammen. Benjamin war nicht nur mein fester Freund, sondern auch mein engster Kumpel, Schulter zum Anlehnen, größter Support. Er war mein Zuhause.

Wir trennten uns an einem Sonntag direkt nach dem Brunch. Friedlich, auf Augenhöhe, mit dem beidseitigen Wunsch, Freunde zu bleiben.

Vier Jahre waren wir ein Paar. Eine Zeit, in der ich meine Liebe zu ihm nie in Frage gestellt habe. Und auch heute nicht tue. Ich liebe ihn. Aus tiefstem Herzen. Aber eben nicht so, wie es die gesellschaftliche Norm verlangt. Das traditionelle Lebenskonzept – inklusive Ehe & Mama-Papa-Kind – ist einfach nicht meins.

Was stattdessen „meins“ ist? Tja, genau das ist eine der fünf Fragen, die sich mir gerade stellt. Beziehungsweise die mir von Freund:innen gestellt wird, seitdem ich wieder im Dating-Game bin und meinen Blick (nicht zum ersten Mal) eher auf Frauen geworfen habe.

#1 Bi, pan, demi, wtf! Was bin ich denn nun?

„Bist du dann etwa pan?“, will mein guter Freund Jan vor kurzem wissen, als wir abends in einer Bar sitzen und beim dritten „Ach, nur schnell auf EINEN Aperol“ angekommen sind. Ich gucke ihn verwirrt an. „Keine Ahnung. Ich steh‘ auf Menschen“, sage ich. „Also pan“, bestätigt er, „genau wie Miley Cyrus.“

Pansexualität, lese ich mir wenig später im Bus durch, bezeichnet eine sexuelle Orientierung, bei der es weniger um die Geschlechtsidentität, sondern mehr um den Charakter der begehrten Person geht. Miley sagt dazu in einem „Variety“-Interview im Januar 2016: „Es ist mir egal, ob jemand ein Junge oder ein Mädchen ist.“

„Yes“, denke ich beim Lesen, „fühle ich.“ Und beschließe, dann jetzt wohl auch pansexuell zu sein. (In der Promiwelt sind das neben Miley übrigens auch Cara Delevigne, Bella Thorne, Angel Haze, Janelle Monae & Demi Lovato.) Aber ne, stop mal. Was ist denn dann jetzt der Unterschied zu bi?

Bisexualität bedeutet klassischerweise, dass man sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt. Pansexualität ist hingegen sowas wie ein „Add-On“. Es bricht die Geschlechtsidentität komplett auf. Auch inter- oder genderfluide Menschen werden als anziehend empfunden.

Miley hätte also ergänzen müssen. „Es ist mir egal, ob jemand ein Junge oder ein Mädchen ist. Oder ob er oder sie sich so identifiziert.

Wow, Miley. I feel you. Wirklich. Und trotzdem: Ich fühle mich nicht ganz wohl dabei, mich als pansexuell zu bezeichnen.

#2 Muss ich einen Begriff für meine sexuelle Orientierung haben?

Nachdem ich Artikel über Pan-, Bi- & Demi-Sexualität gelesen habe (den von Jessi kann ich übrigens sehr empfehlen), fühle ich mich eingeengt. In die Ecke getrieben. Umzingelt von Begriffen, die mir diktieren wollen, was ich denn nun bin und wen ich zu lieben – oder eben nicht zu lieben – habe.

Das ist doch paradox: Da beschreibt ein Begriff wie Pansexualität, dass man sich auf kein Geschlecht festlegt, und legt einen gleichzeitig auf genau das fest.

Ich finde es sinnvoll, dass die Grenzen der sexuellen Orientierung in den letzten Jahren geöffnet wurden und sich dadurch neue Begriffe in unseren Sprachgebrauch sowie in unser Denken integriert haben. Aber kann man sich wirklich sexuell frei entfalten, wenn man durch Begriffe wieder in Schubladen gesteckt wird?

Reicht es nicht, wenn ich sage, dass ich auf Menschen; ihren Charakter, ihre Energie und ihre Weltanschauung stehe?

Für mich schon. Deswegen bleibe ich dabei: Ich stehe auf Persönlichkeiten. Und zitiere hier gerne nochmal Miley: „Ich liebe Menschen. Ich liebe, wen ich liebe.“ 🌈❤️

Vielleicht ist nicht immer alles Gold was glänzt. Aber das ist auch gut so. Schließlich hat der Regenbogen noch viel mehr Farben und die Welt die unterschiedlichsten Menschen zu bieten.

#3 Wie stehen die Chancen, „die Eine“ zu finden?

Von Miley und mir wissen wir jetzt also, wie wir lieben. Bei anderen Frauen wird das leider schwerer.

Vor fünf Wochen saß ich in einer Bar (ja, erneut auf den „Dieses Mal wirklich nur EINEN Aperol“), schaute mich im Raum um und fing den Blick einer wirklich schönen Frau ein. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte ich den Augenkontakt provokant gehalten. Ein bisschen zu lange, um ein subtiles Signal zu senden. Oder ich wäre einfach rübergegangen, um direkt zu flirten.

Aber sie war kein Mann. Und ich ganz schön verunsichert. Was, wenn sie nicht auf Frauen stand? Wie hoch war schon die Chance, dass sie ebenfalls LGBTdemipanQplus war?

Ich war in Mathe nie ein Brain. Der Satz von Pythagoras blieb mir auf ewig ein Rätsel. Egal, wie oft ihn Herr Dittrich wiederholte. Zu einem Ergebnis komme ich heute allerdings ziemlich schnell: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau auf einen Flirt mit mir eingeht, ist um einiges geringer als die, dass ein Mann darauf anspringt. Da muss ich mir einfach nur die Ergebnisse der Umfrage von Dalia Research anschauen. Nur 8,4% der deutschen Frauen behaupten von sich, lesbisch, bisexuell oder transgender zu sein. 

Heißt: Neun von zehn Frauen würden mir allein schon wegen ihrer sexuellen Orientierung einen Korb geben. Heißt aber auch: unter ihnen gibt es auch eine, wenn nicht sogar „die Eine“, die auf meinen Flirt eingehen würde.

#4 Wie erkenne ich, dass eine Frau Interesse hat?

Wie gesagt: Mathe und Zahlen sind nicht so mein Ding. (Vielleicht verzähle ich mich deswegen immer mit der Anzahl meiner Drinks?! 😜) Ich bin weniger rational. Lieber lasse ich mich von Gefühlen leiten.

Mein schwuler bester Freund sagte mir vor Jahren bereits, dass er einen ganz guten Gay-dar hätte. Er würde – ich zitiere – „schon merken, wenn ein anderer Homo in der Nähe sei“. Und so wie ich es zu Miley sagen würde, kann ich ihm hier auch nur zustimmen: „I feel you“. Beziehungsweise „it“.

Ja, ich spüre das nämlich auch. Also, ob jemand Interesse an mir hat oder nicht. Aber mal ehrlich? Das tue ich bei Männern genauso wie bei Frauen. Bei Menschen halt. Es liegt an keinem Geschlecht, sondern an der Energie, die sie umgibt.

Bei mir heißt das dann eher „human radar“ oder „energy compass“. Oder – ohne fancy Begriffe zu verwenden – Intuition. Das passt sogar am besten. Schließlich spricht man in dem Zusammenhang doch immer vom altbewährten Bauchgefühl. Und wo flattern die Schmetterlinge nochmal rum, wenn’s knistert? Genau. 🦋😉

#5 Ist das jetzt nur eine Phase?

Springen wir einmal zurück in die Bar, in der ich vor kurzem mit besagtem Freund saß. Wir stellen also fest, dass ich Miley Cyrus bin. Also so ungefähr aka I wish 😍😄

„Aber hast du das jetzt erst entdeckt?“, will Jan wissen, der mich 2017 kennenlernte.

Ich nehme die Antwort kurz vorweg: nein. Aber es hätte definitiv der Fall sein können. Und – wer hätte es gedacht – dafür gibt es natürlich auch einen Begriff. Die „Late Bloomers“.

Das sind Frauen, die erst spät merken, dass sie doch gar nicht sooo hetero sind, wie sie lange dachten. Viele von ihnen haben bereits geheiratet, manche auch Kinder. Wenn ich vorhin von Miley, Demi & Cara sprach, dann kann ich an dieser Stelle Namen wie Jodie Foster, Cynthia Nixon und Elizabeth Gilbert (bitte lest ihr Buch „Big Magic“✨) nennen. Bewundernswerte Persönlichkeiten, die sich erst mit etwa 40 Jahren geoutet haben.

Ich habe weder Kids (ist auch echt nicht so mein Plan), bin lange nicht 40 Jahre alt (erst einmal muss ich im nächsten Jahr die 30 knacken 🥳) und würde mich auch sonst nicht als „Late Bloomer“ bezeichnen. Nicht nur, weil ich – das wisst ihr ja schon – es nervig finde, für alles einen Begriff zu haben. Sondern weil ich bereits vor acht Jahren in eine Frau verknallt war.

Dass davon die letzten vier Jahre kaum die Rede war, lag schlicht und ergreifend daran, dass ich in einer Beziehung war.

Jetzt bin ich zurück im Dating-Game. Die Karten sind neu gemischt. 

König, Dame oder Bube – mal sehen, wer als nächstes kommt. Mein Ass: Ich kann eigentlich nicht verlieren. Nur dazu gewinnen. An Erfahrungen, Geschichten, Menschen.

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Credits: Privat, Unsplash/ Sharon McCutcheon

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