Warum Alleinsein nicht Einsamsein bedeutet – Ein Plädoyer fürs Date mit sich selbst

Jennifer Klinge von Jubel Trubel Zweisamkeit

Es herrscht irgendwie Gruppenzwang, sobald man die eigenen 4 Wände verlässt. Alleine ins Kino oder Essen zu gehen – viele Menschen sehen das als traurig an, schließen darauf, dass die Person vermutlich nicht viele Freunde hat.

Ich höre das immer wieder in Gesprächen. Sätze wie „Es hat keiner Lust mitzugehen, also bleib ich auch zu Hause“ sind schon des öfteren in meinem Umfeld gefallen – und die habe ich mich auch schon selbst sagen hören. „Selbstquarantäne“ wie Rebecca Ratner von der Robert H. Smith School of Business in Maryland es nennt. Ein Phänomen, das vermutlich jeder kennt. Gemeint ist: Obwohl man Lust auf Rausgehen hat, begnügt man sich doch daheim mit einem Buch, wenn gerade keine Verbündeten available sind.

» Wann ist das Alleinsein zum Makel geworden? «

Aber: Häh? Das, worauf man in dem Moment Bock hat, einfach alleine machen, scheint keine wirkliche Alternative. Mir wird immer bewusster, wie absurd das eigentlich ist. Aber wann ist das Alleinsein zum Makel geworden? Zum Da-stimmt-was-nicht-Stempel? Natürlich ist echt wichtig, ein intaktes soziales Umfeld zu haben. Aber ist es nicht genauso wichtig, sich einfach mal selbst zu guten Dingen einzuladen? So ganz ohne Mangel? Selbstliebe lässt grüßen. Ob Single oder nicht: Warum bleibt man gerne daheim, wenn Freunde, Partner oder Family mal keine Zeit haben?

Wir fühlen uns bewertet, wenn wir in der Öffentlichkeit alleine sind

Freunde und Cliquen, Familie und Partnerschaften sind für uns eine Art Statussymbol, wir definieren uns offenbar stark darüber, mit wem wir rumhängen und suchen das Gemeinsamkeitsgefühl. Fehlt die Gruppe oder auch nur die Gesellschaft eines Einzelnen, wird das Ich plötzlich sehr präsent. Die Schutzschicht bricht weg. Wir können uns hinter niemandem verstecken. Wir sind voll da und Bewertungen ausgeliefert.

Ich denke, das verursacht oft das Unwohlsein beim Dinge-alleine-machen. Man glaubt, man stehe im Superzoom und fürchtet die Blicke und die Rückschlüsse anderer. Die Sozialpsychologin Rebecca Ratner hat sich jahrelang mit der „Selbstquarantäne“ und den Gründen dafür beschäftigt. Ihre Studie verrät auch, dass es oft der sogenannte Rampenlichteffekt ist, der uns in unseren Köpfen erzählt: Scheinbar keine Leute zu haben, mit denen man ausgehen kann, ist beschämend und katapultiert einen auf der Geiles-Leben-Skala in den Keller. Dabei nehmen die anderen vielleicht gar nicht so sehr Notiz von uns, wie wir es in dem Moment beim öffentlichen Alleinsein vielleicht meinen.

Ob es der eigene Glaubenssatz ist oder die (vermeintliche) Beurteilung von anderen – beides ist totaler Quatsch, denn es gilt etwas zu unterscheiden.

Es gibt einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamsein

Gerade bin ich für eine Weile ganz frisch nach Hamburg gezogen – hier habe ich coolerweise schon einige nette Menschen, die ich kenne und trotzdem ist hier ganz viel neu und ich will das alles entdecken. Natürlich mache ich das oft auch alleine. Und ich merke immer wieder: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Alleinsein und dem Einsamsein. Es kann beides zusammenkommen, ganz klar. Dann ist man allein und fühlt sich auch einsam. Ist nicht schön und fühlt sich ganz schön frostig an. Man kann allerdings auch alleine sein und ein super Gefühl dabei haben.

Zuletzt war das so bei einer Hafenrundfahrt – angekatert auf den Touri-Spuren in Hamburg. Sonntag, Dämmerung, eine Barkassenfahrt und ich. Ach ja, und noch eine gute Handvoll Pärchen, aber das fühlte sich gar nicht schlimm an. Im Gegenteil, ich fühlte mich selig und schipperte übers Wasser mit einer kleinen Stimme im Ohr, die immer wieder sagte: „Wuaaas, wie geil bist du denn? Jetzt bist einfach mal nach Hamburg gegangen und machst dir ‘ne gute Zeit!“

Und dann gibt es auch noch das: Man ist unter Menschen, manchmal sogar unter gut bekannten Menschen, womöglich sogar Freunden und man fühlt sich einsam. Weil man gerade auf einer ganz anderen Seite ist, weil man aktuell auf anderen Sternen rumturnt oder was auch immer. Auch schon passiert. Wir sehen: Die gedankliche Trennung zwischen allein und einsam ist ziemlich wichtig!

» "Die ist alleine im Urlaub" stand förmlich in dicken Lettern auf meiner Stirn. «

Denn da kommt auch der Trugschluss her, dass Menschen, die irgendwo alleine sitzen, automatisch einsam sind. Schon irgendwie traurig. #SoSad. Mann, nee! Das ist gar nicht immer so. Bedenken wir doch mal, welchen Lifestyle viele von uns heutzutage lieben: Frei, ungebunden, immer auf der Suche nach was Neuem, nach spannendem Shizzle: Städte, Länder, whatever. Begibt man sich auf diesen Weg, ist es doch irgendwie klar, dass man nicht immer seine lieben Menschen mit in den Rucksack oder Koffer packen kann. Jetzt gibt es da zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben im Zimmer hocken, weil wir denken: „Hm ja, andere könnten mich für bemitleidenswert empfinden.“ Oder – und das ist die viel geilere Alternative, wie ich finde – wir verbringen Zeit mit uns selbst. Und sind wir doch mal ehrlich, wir sind uns doch in den meisten Fällen eine grandiose Gesellschaft. Das wäre dann auch übrigens der erste Schritt, um Leute kennenzulernen, gerade, wenn man nicht ausschließlich auf Apps setzen will. 

Doch bleiben wir mal bei der Beziehung zu sich selbst. Sich ab und zu mal selbst in Kino einzuladen, zu Kaffee und Kuchen, zur Bootsfahrt oder zum Dinner – das gehört auch ganz fest in mein Selfcare-Paketchen, was ich fest in meinem Leben verankert habe – ob nun neu in der Stadt oder in meiner Komfortzone. Me-time. Und das nicht auf der Couch oder in der heimischen Badewanne. Daran ist einfach mal gar nichts traurig. So wie ich es liebe, mit meinen Menschen um mich meine Zeit zu verbringen, so liebe ich es auch, von Zeit zu Zeit, ganz ohne Ablenkung nur mit mir selbst in einem Restaurant zu sitzen. Mir kommen da oft die besten Ideen, oder aber ich schaffe es mal, einfach gar nichts zu denken und nur leckeres Essen zu genießen. Totales Life Goal.

Das erste Mal alleine im Urlaub

Aber ich weiß noch, als ich das erste Mal alleine im Urlaub war auf Interrail-Tour durch Italien – nach einer schmerzhaften Trennung sollte die Reise mir helfen, meine ganzen Emotionen zu ordnen. Das erste Mal alleine im Restaurant war da schon strange, weil mir der zweite Stuhl und das weitere Besteck weggeräumt wurden und ich bemerkte, wie ich kritisch beäugt wurde. „Die ist alleine im Urlaub“ stand förmlich in dicken Lettern auf meiner Stirn. Und damit auch ein Makel. Aber recht schnell habe ich gedacht: „Scheiß drauf, was andere denken: Mir tut das hier grad suuupergut. Wenn ich länger bleiben will, bleibe ich, wenn ich fahren will, schnapp ich mir den nächsten Zug.“ Das hat in mir ein ganz wohliges Freiheitsgefühl hervorgerufen. Und zu der Zeit hatte ich noch kein Smartphone, also Ablenkung mit Freunden war nicht wirklich drin, dafür aber im Endeffekt eine meiner spannendsten Nächte ever. Just saying.

Bring it to the next Level!

Aber klar, das ein oder andere fällt mir auch schwer, wie ich in diesem Jahr wieder gemerkt habe. Der Endgegner für mich persönlich ist ja das Ausgehen. Und zwar alleine. Da tappe ich auch noch in die Falle, dass andere denken könnten, ich hätte keine Freunde. Aber ich finde diese Falle scheiße und will da raus. Schnell haben wir das Bild von einsamen Gestalten, die ihren Alltagsfrust in ihrer Stammkneipe runterspülen. Auf die Spitze getrieben wird es in vielen Oberstübchen, wenn da eine Frau alleine am Tresen sitzt. Aber wtf, jetzt mal ehrlich bitte! Da müssen wir aufräumen! Wir sollten uns lockermachen und mal wieder entdecken, was für wundervolle Chancen ein Abend alleine draußen in einer Bar bringen kann: Entweder wir haben mal die volle Portion Entschleunigung und sind mal bei einem guten Drink in stiller Eintracht mit uns selbst, was die Akkus total aufladen kann. Oder aber wir erleben vielleicht sogar eine richtig gute Geschichte und lernen spannende Leute kennen, die wir mit unserer Clique vielleicht nicht kennengelernt hätten – einfach, weil wir uns vermutlich genug gewesen wären und unter uns geblieben wären, wie es ja oft passiert. Wenn wir alleine unterwegs sind und doch noch Lust auf Schnack und Quatsch haben, müssen wir uns also ganz anders für andere Menschen öffnen, um in Kontakt zu kommen.

„Oh Mann, hat die Person keine Freunde?!“ Vielleicht ist es an der Zeit, das Gedankenlabel mal über Bord zu schmeißen und stattdessen zu denken: „Ach, wie schön, da macht eine Person ihr Ding!“  Und wenn wir tatsächlich den Eindruck haben, dass jemand einsam ist, dann können wir ihn auch einfach mal ansprechen. Denn Nettigkeit gewinnt sowieso immer gegen Vorurteile.

Wenn ihr mehr über Singleleben, Beziehung und die Liebe – zu sich selbst und zu anderen – lesen wollt, dann schaut mal bei @Jubel Trubel Zweisamkeit vorbei.

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