Sorry Leute, aber beim Kauf unseres Spargels sollten wir echt genauer hinschauen…

🎶 What time is iiit? Spargeltime! It’s our passion! 🎶 Uff, okay. Sorry for that. Da habe ich mich mal eben kurz ein wenig zu doll mitreißen lassen. Alle 90er-Babes werden jetzt wohl bis zum Ende der Woche ’nen Ohrwurm davon tragen. Für alle anderen: Gebt euch diesen „High School Musical“-Klassiker! 😂

Damit nun aber Spaß beiseite. Heute soll’s viel mehr um den Inhalt des umgedichteten Songtextes gehen – den Spargel nämlich. Sobald die ersten Stangen des weißen und grünen Gemüses in der Supermarktauslage liegen, gibt es kein Halten mehr. Jedenfalls hier in Deutschland nicht. Spargel und Kürbis. Kaum andere Sorten werden in ihrer spezifischen Jahreszeit so sehr gehypt, wie diese hier.

Was natürlich auch daran liegt, dass dort der Faktor der Saisonalität greift, während wir Bananen, Süßkartoffeln oder Tomaten inzwischen das ganze Jahr über präsentiert bekommen. Das macht unser Konsumverhalten für den Rest des Jahres nicht weniger problematisch… erklärt aber vielleicht ein wenig mehr die Heiligkeit der Spargelzeit.

Für sie wird zum Bauernhof gepilgert und das beste Sonntagsgericht auf den Tisch gepackt. Für sie kommen Familien an einem Tisch zusammen und feiern – dass es ENDLICH wieder Spargel gibt!

Ich selbst kann mich aus diesem Spektakel übrigens nicht herausnehmen. Auch ich starre Jahr für Jahr ungeduldig meinen Saison-Kalender an und warte nur darauf, bis es offiziell „in Ordnung“ ist, die erste Suppe aus den weißen Stangen zu köcheln. Dabei hat der Spargelanbau tatsächlich ganz schön viele Tücken. Auf die beim Kauf noch viel zu wenig geachtet wird…

Wie aber sieht es hinter den Kulissen der Spargelproduktion aus?

Genau das sollten wir aber definitiv öfter tun. Denn unsere übermäßige und unbändige Lust auf Spargel (1,7 Kilo sind es durchschnittlich im Jahr pro Kopf!!) sorgt für Ausbeutung, einen hohen CO2-Verbrauch und den Einsatz von zahlreichen Pestiziden. Ein genauerer Blick lohnt sich also auf jeden Fall… und ein bedachter Konsum letztlich sowieso.

Was hat mein Spargel mit Ausbeutung zu tun?

Obwohl ganze 89 Prozent des gekauften Spargels in den letzten Jahren aus Deutschland stammen, ist bei dem Produkt nicht unbedingt von „regional“ die Rede. Jährlich werden bis zu 300.000 Saisonarbeiter*innen aus Osteuropa für die Ernte von Spargel, Erdbeeren und Rhabarber eingeflogen. In den Jahren der Corona-Pandemie waren es immerhin noch 80.000 (mehr dazu hier).

Der Job ist hart, weshalb es zu wenige verfügbare Arbeitskräfte in Deutschland gibt. Zudem wird die Arbeit oft sehr schlecht bezahlt – trotz Mindestlohn und deutschem Arbeitsrecht. Manche Landwirt*innen streichen die Krankenkassenbeiträge heraus oder rechnen nach Kilo ab, anstatt pro Stunden zu bezahlen…

Ein diskriminierendes Vorgehen, das aber geduldet wird – weil die riesigen Erntemengen anders schlicht nicht zu bewerkstelligen wären. Jedenfalls so lange nicht, wie wir knapp zwei Kilo pro Jahr auf unseren Tellern sehen wollen.

Und woher kommt nun die schlechte Umweltbilanz?

Nicht nur dieses Hintergrundwissen macht den Spargelkonsum allerdings zu einem problematischen Genuss. Auch der Anbau selbst hat nicht mehr viel mit ökologischer Feldarbeit zu tun. Um die Sprösslinge zu schützen, werden Plastiklagen über das heranwachsende Gemüse gespannt. Die können zwar mehrfach verwendet werden, landen aber eben doch irgendwann wieder im Müll. Und geben zuvor oftmals Schadstoffe in den Boden und an unser Gemüse ab.

Bei dieser Form der Umweltbelastung bleibt es aber nicht. Einige wenige Bauern und Bäuerinnen verlegen sogar Rohrsysteme zur Beheizung ihrer Felder, um ein schnelleres Wachstum der Sprossen zu provozieren. Und dann wäre da natürlich auch noch der Transport der Arbeitskräfte… Eine Rechnung von „Nachhaltiger leben in Berlin“ zeigt auf, dass der Verbrauch von CO2 durch die Hin- und Rückflüge dabei sogar höher sein könnte, als der Start einer Rakete. Ihr glaubt uns nicht? Na dann bitte sehr…:

Natürlich will dieser verkürzte Beitrag vor allem polarisieren. Und vergleicht sehr deutlich Äpfel mit Birnen. Eines aber schaffen die Zahlen wohl allemal: Sie lassen uns nachdenklich werden. Über das „Muss“ eines fünften Spargelgerichts. In zwei Wochen.

Natürlich sollten wir auch weiterhin genießen dürfen. Ein wenig Achtsamkeit und Bewusstsein schadet dennoch nicht. Weil schnell vergessen wird, welche Prozesse hinter unserem zehnminütigen Genuss stecken können. Lasst uns also doch ganz gezielt einmal mehr auf Bio-Ware zurückgreifen. Oder den Spargel auf dem Hof des Vertrauens gleich selber stechen. Das rät auch Antje Kölling von Demeter gegenüber dem „Utopia“-Magazin: „Wenn Lebensmittel vor allem billig sind, kann man nicht erwarten, dass sie zu fairen Bedingungen hergestellt werden. […] Spargel ist köstlich, aber auch eine Kultur, die den Boden recht stark auslaugt und viel Handarbeit erfordert [und damit] eben doch ein Gericht für besondere Maiensonntage und kein Grundnahrungsmittel.“

Ja, Lebensmittel dürfen Spaß machen. Und Vorfreude auslösen. Aber eben doch vor allem dann, wenn so wenig wie nur möglich darunter gelitten wird. Oder etwa nicht?

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