Ein Brief an den Mann, mit dem ich zwei Jahre lang in einer toxischen Beziehung lebte

Ich erinnere mich einerseits, als wäre es gestern – und auf der anderen Seite kommt es mir vor wie ein Ereignis aus einem anderen Leben. Der Abend, an dem ich gedacht habe, dass ich sterben würde. An dem ich diesen einen, komplett einnehmenden Schmerz gespürt habe, den man sprichwörtlich wohl als „gebrochenes Herz“ bezeichnet. An dem du wortwörtlich über mich stiegst, als ich am Boden lag und dich angefleht habe, zu bleiben. Aber du bist nicht geblieben. An diesem Abend hast du mich verlassen. Der schlimmste Abend meines Lebens.
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Alles fing auf einer „Hausparty“ an, die eigentlich gar keine war, als ich 16 war. Also vor 6 Jahren. Ich hatte sturmfrei, ein paar meiner Freunde eingeladen und du hast gescherzt, dass du die Runde gerne „crashen“ würdest. Als du ein paar Stunden mit Vodka-Flaschen in der Hand, deinem dunkelbraunen, vollen Haar und deinem Millionen-Dollar-Lächeln tatsächlich vor meiner Haustür standest, war ich völlig perplex. Du warst 5 Jahre älter und der Schönling, den alle um sich haben wollten, ich nur „die kleine Schwester von…“. Kurze Zeit und viele Drinks später schaffte ich es trotzdem irgendwie, eng umschlungen mit dir in der Küche rumzumachen. Tja, und irgendwie habe ich es auch geschafft, dass du dich von da an immer und immer wieder mit mir verabredet hast. Du! Der beliebte Typ, dem alle Frauen verfielen, wenn du nur mit dem Finger schnipstest – und das wusstest du auch. Ich hingegen hatte mit aufrichtigem „Selbstbewusstsein“ oder „Selbstwert“ nicht wirklich was zu tun (als Kind dick gewesen, dann mit einer Essstörung gekämpft…), deshalb war ich so beflügelt, dass ich diejenige war, die mit dir fortan die Nächte verbrachte und das Bett teilte.

Wir haben immer wieder Scherze darüber gemacht, dass wir die coolsten „Freunde Plus“ sind, so cool, so lässig, zusammen hübsch, ohne den jeweils anderen abzufucken und ohne Drama. „Freunde Plus“, dieser Begriff fiel so oft und hat sich mir so eingeprägt, dass ich mir über ernsthafte Absichten deinerseits nie wirklich Hoffnungen ausgemalt hatte. Wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. Du gingst nebenher auf andere Dates, also empfand ich es völlig legitim, ein paar mal auch mit einem anderen Typen im Bett zu landen. Neun Monate später hast du mich dann gefragt, ob wir nicht doch eine feste Beziehung daraus machen wollen. Ich war der glücklichste Mensch der Welt, plötzlich fühlte sich alles einfach so leicht an, ich lief wie auf Wolken durchs Leben. Dieses Glück hielt genau 14 Tage an. Dann begann der Horror.

Der Aufprall kam schnell und hart

„Willst du mir irgendetwas sagen?“, war deine Frage. Kurz danach kam: „Vergiss es. Ich weiß Bescheid. Wie oft hast du diesen Typen gefickt?“ Jeglicher Erklärungsversuch meinerseits, dass ich doch eigentlich keine Abmachung gebrochen oder gegen Regeln verstoßen hätte, war von nun an absolut vergebens. Jede Entschuldigung dafür, dass ich deine Gefühle damit verletzt hatte, jede Versicherung, dass ich dich – und nur dich – begehren und lieben würde, stieß auf taube Ohren. Mit dir zusammen sein – das war alles, wirklich alles was ich wollte, und ich wusste, ich würde alles dafür tun, um das aufrechtzuerhalten. Du hast dich an dem Tag, an dem du das herausgefunden hast (rückwirkend betrachtet musst du dafür definitiv meine Nachrichten gelesen haben), zwar dazu entschieden, mit mir zusammenzubleiben – ein Gnadenakt, quasi – aber gleichzeitig auch, mich von da an jeden Tag abzustrafen. Mich spüren zu lassen, dass ich es verbockt habe, dass du nur aus Güte bei mir bleibst, und mich jeden Tag dafür büßen lässt. Es war der Startschuss eines perfiden Psycho-Spiels aus Manipulation und dem perfekten „Zuckerbrot und Peitsche“-Prinzip, mit dem du mich langsam aber sicher zugrunde gerichtet hast und dafür sorgtest, dass ich dir absolut hörig war. Irgendwann konntest du mich aus der Laune heraus sogar als Hure beschimpfen und ich war am Ende trotzdem diejenige, die sich dafür entschuldigte.

Es fing damit an, dass du in jeder dir sich bietenden Gelegenheit dieses eine Thema hochholen musstest. Es war fast, als seist du davon besessen. Als wäre alles, was ich dann sagen und tun würde, sowieso egal, weil ich damals diesen „Fehler“ begangen hatte. Wir beide schwebten entweder auf Wolke 7 und waren so richtig, richtig happy, oder wir prallten im nächsten Moment wieder auf dem Boden der Tatsachen auf – dass du einfach nicht klarkamst mit dem, was passiert ist, immer und immer wieder ein Kreuzverhör mit mir führtest, immer und immer wieder jedes Detail wissen wolltest.

Du wolltest, dass ich mich dafür schäme, dass ich für einen kurzen Zeitraum körperlich jemand anderen begehrte als dich. Und das hast du auch geschafft. Ich habe mich geschämt. Aber ich war so unglaublich verliebt in dich, dass ich aus purer Panik, dich zu verlieren, wirklich alles getan hätte, um dich zu halten.

Seelische Manipulation ist Gewalt ohne blaue Flecken

Ich kann die Chronologie der Ereignisse nicht mehr genau wiedergeben, ein paar Situationen haben sich aber für immer eingeprägt. Sie sind die perfekten Beispiele für deine psychische Manipulation. Ich weiß nicht, ob du dir jemals im Klaren warst (oder es heute bist), aber du hattest mich regelrecht in deiner (mentalen) Gewalt. Du hast mich glauben lassen, alles sei gut, hast mich in den Himmel gehoben und auf Händen getragen, nur um mir im nächsten Moment das Gefühl zu vermitteln, ich sei absoluter Abschaum. Immer genau dann, wenn ich machtlos war und nichts dagegen tun konnte.

Während meiner Abifahrt zum Beispiel. Wir fuhren 13 Stunden lang mit dem Bus nach Rom, als ich abfuhr war alles toll, du hast mich herzlichst verabschiedet und auf der Fahrt sogar noch einen Song geschickt, den du für mich geschrieben hattest (jeder, der mal einen eigenen Song bekommen hat, kennt das Hochgefühl, das damit einhergeht). Kurz bevor wir ankamen, hast du mir dann eröffnet, dass du es dir doch anders überlegt hättest und meintest, eine Trennung sei wohl doch das Beste. Aus heiterem Himmel hast du mich in die absolute Hölle versetzt und natürlich konnte ich keinen der 5 Tage mit meinen Klassenkameraden genießen. Sogar den 18. Geburtstag meiner damals besten Freundin habe ich verpasst, weil ich heulend auf meinem Zimmer lag. Es ging mir hundsmiserabel, so in der Schwebe zu sein, ohne aktiv etwas dagegen tun zu können. Ich konnte kaum einen Bissen zu mir nehmen. Als ich wieder zu Hause war, standest du plötzlich in meinem Zimmer, nahmst mich in den Arm und sagtest „Schatz, es ist alles gut. Ich liebe dich. Mach dir keine Sorgen“. Dann umschlossen deine Hände meinen dünnen Bauch und die herausstehenden Rippen und du wurdest sauer, weil ich zu viel abgenommen hätte und bitte unbedingt mehr essen solle, schließlich könntest du keine Freundin gebrauchen, die genau wie deine Ex an einer Essstörung leidet.

Ein anderes Mal, es war im Januar, stand mit meiner kompletten Familie und dem Freundeskreis der alljährliche Winterurlaub in den Bergen an – unsere Tradition seit ich auf der Welt bin und die schönste Zeit im Jahr. Du wolltest nicht, dass ich dort hingehe, weil du mir „nicht mehr vertrauen“ konntest. Ich habe gebettelt und dich angefleht, bis du mir schließlich Brief und Siegel gegeben hast, dass es okay sei, wenn ich mitginge. 1000 mal habe ich dich gebeten, mir zu schwören, dass du mir deine Erlaubnis gibst (ja, so sehr war mein Kopf gewaschen, ich war fremdgesteuert) – und das hast du. Und keine 10 Minuten nachdem ich im Auto Richtung Schwarzwald saß, bekam ich eine Textnachricht, in der Stand: „Du hast es wirklich gewagt, oder? Alles klar. Ich bin weg. Mach’s gut“. Im Hotel angekommen – meine Eltern waren schon früher da – war meine Mutter gerade am Telefon. An der anderen Leitung warst du. Du hattest sie gebeten, mir nochmals ausdrücklich auszurichten, dass ich für dich gestorben sei. Ich fuhr am nächsten Morgen um 7 Uhr zurück zu dir, um dich von diesem Entschluss abzuhalten. Und übernachtet hatte ich auch nur, weil die Straßen wegen des Eises gesperrt waren. Natürlich hast du dich nicht getrennt.

Noch eine Situation – wir hatten Streit, mal wieder, ich wollte mit meinen Eltern nach München fahren, um meine Schwester zu besuchen, dann hast du mir aber eröffnet, dass du das Wochenende gerne mit mir verbringen und dich unbedingt versöhnen wollen würdest. Meine Eltern fuhren ohne mich. Kaum waren sie auf der Autobahn, hast du mir auf Facebook (!) geschrieben, dass du gerne eine Beziehungspause wolltest. Ich war fertig mit der Welt, so fertig, dass ich meine Sachen (und den Hund) gepackt und bei meinem Cousin geschlafen habe. Jede Stunde dieser „Pause“ fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit. Natürlich war irgendwann wieder alles gut, als du mich genug gequält hattest.

Auf meiner Geburtstags-Hausparty hast du dich kurz vor Mitternacht, als ich 18 Jahre alt wurde, mit deinen besten Freunden in meinem Zimmer verschanzt, weil du der Meinung warst, diese Situation (in der es ausnahmsweise nicht um dich ging) sei die perfekte Gelegenheit, um vor der versammelten Mannschaft zu verkünden, was für eine Schlampe deine Freundin doch sei. 50 Leute haben mich mit herzlichen Umarmungen beglückwünscht, aber du hast gefehlt. Ich wollte in diesem Moment doch nur dich bei mir haben.

Einmal lieh ich dir eines meiner absoluten Lieblingsbücher aus, einen Krimi – „Girl on the Train“ von Paula Hawkins. Einer der Charaktere darin betrügt seinen Partner. Du bist vollkommen ausgerastet, als du die Seiten gelesen hast, konntest es nicht fassen, dass ausgerechnet ich „Betrügerin“ dir sowas servieren konnte und dich damit schon wieder daran erinnert habe, was ich getan hatte.

Es waren all diese Peitschen, mit denen du meinen Willen gebrochen hattest. Du wusstest, dass ich vernarrt in dich war, und dass du mich dir so zu eigen machen konntest. Oder, das wusstest du doch?

„Blind vor Liebe“… Das war ich wirklich. Und gleichzeitig gabst du nach außen das Bild des perfekten Freundes ab

„Warum bleibst du auch nur einen Tag länger bei ihm, Anni, warum?“ Meine Familie und mein engstes Umfeld verstanden die Welt nicht mehr. Sie sahen, wie ich innerlich zerfiel, mein ganzes Universum sich nur noch um dich drehte und die Aufgabe, dich bei mir zu halten, die einzige war, um die ich mich noch kümmerte. Als ich noch in der Oberstufe die Zusage von meiner Traum-Uni in Hamburg bekam, lehnte ich ab. Ich hatte Angst, du würdest eine Fernbeziehung mit mir nicht wollen. Ich wurde zu einer jungen Frau ohne Selbstbestimmung, und das stieß in den Beziehungen zu meinen Freunden und Familienmitgliedern auf absolutes Unverständnis und Verzweiflung. Mein Cousin, der liebste Mensch überhaupt, schlug dir sogar die Hand weg, als du ihn begrüßen wolltest. Ein naher Verwandter schlug sogar mal fast meine Zimmertür ein, als er erfuhr, dass du im Haus warst und immer noch mein Freund warst. Ich habe dich vor all dem verteidigt. Ich habe meine beste Freundin verloren – bis heute. Und das Schlimmste – wenn du wolltest, dass außenstehende Leute, die keine Ahnung von unserem Krieg hatten, dich mögen, dann haben sie dich verdammt nochmal gemocht. Du konntest dein Charisma perfekt einsetzen, die Sunnyboy-Fassade so aufrechterhalten, dass keiner auch nur im Ansatz deine narzisstische Ader vermutet hätte. Nach außen hin gaben wir das Traumpaar überhaupt ab. Meinen wahren Gemütszustand konnte man nun mehr nur noch daran ablesen, wie viel bzw. wenig ich aß. Am liebsten hätte ich mich durch hungern einfach in Luft aufgelöst. Warum ich bei dir geblieben bin? Ich weiß es nicht. Ich war offensichtlich vollkommen blind vor Liebe. Ich klammerte mich an unsere guten Tage und die Idealvorstellung dieser Liebe so sehr, dass alles andere tief in mir vergraben lag.

Und dann war November 2015…

Eines Tages war ich sauer, da wir verabredet waren (ich hatte damals noch keinen Führerschein. Andere Dinge erschienen zu der Zeit wichtiger) und du mich eine Stunde auf der Straße hast auf dich warten lassen. Als ich in dein Auto stieg, war der erste Satz von dir:„Untersteh dich jetzt sofort, dich zu beschweren, sonst beenden wir das alles hier und jetzt.“ „Ich bin aber wütend!“, sagte ich. Und dann kam der Knall.

Auf direktem Wege steuertest du mein Zuhause an. Es wurde ernst. Du würdest dein Vorhaben dieses Mal durchziehen, ich wusste es – und verfiel in Hysterie. Mein Magen drehte sich. In meinen Körper schoss ein Gefühl von Taubheit. Daheim habe ich so gebettelt und geflennt, dass man hätte meinen können, ich würde um das Überleben eines Menschen kämpfen. Ich habe die Haustür immer und immer wieder zugesperrt, mich dir in den Weg gestellt, bis ich irgendwann nicht mehr stehen konnte.

In deinen Augen lag nicht mal ein Fünkchen Empathie, nur Eiseskälte.

Ich erinnere mich einerseits, als wäre es gestern – und auf der anderen Seite kommt es mir vor wie ein Ereignis aus einem anderen Leben. Der Abend, an dem ich gedacht habe, dass ich sterben würde. An dem ich diesen einen, komplett einnehmenden Schmerz gespürt habe, den man sprichwörtlich wohl als „gebrochenes Herz“ bezeichnet. An dem du wortwörtlich über mich stiegst, als ich am Boden lag und dich angefleht habe, zu bleiben. Aber du bist nicht geblieben. An diesem Abend hast du mich verlassen. Der schlimmste Abend meines Lebens.

Das dachte ich damals. Ich dachte, es gäbe kein Leben ohne dich. Jetzt, 4 Jahre später, will ich dir danken. Dass du mich verlassen hast, dieser eine Abend, er war der beste meines Lebens. Ohne dich hätte ich niemals gelernt, was es heißt, zu lieben. 

Mich. 

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