Nach Facetune müssen wir jetzt auch noch mit virtuellen Influencer:innen konkurrieren!

Die Besessenheit nach ewiger und makelloser Jugend („Forever Young“) ist allgegenwärtig. Bösewichte in Actionfilmen streben danach. Programme wie Facetune und Faceapp bringen uns dem Ganzen einen Schritt näher. Und in Asien, dem Kontinent mit der größten Tech-Entwicklung der Welt, ist es sowieso schon längst im Alltag integriert. Für mich persönlich klingt ja alleine die Vorstellung, ewig zu leben und optisch keinen Alterungsprozess zu durchlaufen, wie ein schlechter LSD-Trip für Erwachsene. Nur gut, dass wir noch nicht ganz so weit sind, jedenfalls nicht im Real Life bei echten Menschen – dafür aber in der virtuellen Welt!

Ich spiele dabei auf virtuelle Avatare mit eigenen Social-Media-Profilen an! Also quasi „Menschen“, die zwar super echt aussehen, aber ausschließlich aus Algorithmen und Pixeln bestehen! Solche „Forever Young“-Cyber-Influencer:innen sammeln bereits Millionen von Follower:innen und alleine in den vergangenen Monaten sind etliche neue Modelle von ihnen entstanden. Einige davon sind bereits berühmter als manch menschlicher Star. Sie haben Boy- und Girlfriends, fotografieren sich weinend auf der Toilette (no kidding), gehen mit Freund:innen Schnaps kaufen, machen Sport und werben in ihrem daily virtual life für Marken wie Samsung, Chanel oder Netflix – und nichts davon ist echt.

Auf dem Bild hier seht ihr zum Beispiel die virtuelle Influencerin Lil Miquela zusammen mit ihrer virtuellen besten Freundin Bermuda. Lil Miquela bezeichnet sich selbst als halb Brasilianerin, halb Spanierin und in ihrer Instagram-Caption als „19-year-old Robot living in LA“! 🤖 Auch Bermuda identifiziert sich als Roboterfrau.

Dabei sehen beide wirklich täuschend echt aus (jedenfalls würden sie als Facetune-Bearbeitung durchgehen) und entsprechen den westlichen Schönheitsidealen der makellosen Perfektion: volle Lippen, eine reine Haut, lange Beine, ein flacher Bauch usw.! Und das wird auch für immer so bleiben. Denn diese Roboterfrauen altern nicht und sind vor allem perfekt kontrollierbar! Uffff, crazy – aber wenigstens gibt’s im Metaversum keine Sonderallüren und Goodiebags für die Influencer:innen! 😜

Doch Spaß beiseite, denn witzig ist diese Entwicklung eigentlich so gar nicht. Im Gegenteil: Sie nimmt einen großen Einfluss auf uns und unsere Menschlichkeit. Seit Jahren berichte ich hier bei trèsCLICK über die Gefahren, die Social Media, Bearbeitungs-Apps und die Besessenheit, ewig jung und makellos sein zu wollen, für unsere mentale Gesundheit hat. Aber auch welche Macht der ständige Perfektionierungs-Kampf im Zusammenhang mit Essstörungen haben kann und wie wichtig ein Schritt zurück zur Natürlichkeit für uns alle ist.

Da passen virtuelle, perfekt inszenierte Persönlichkeiten nun natürlich gar nicht ins Bild, mit denen wir am Ende wahrscheinlich noch auf Social Media agieren und im schlimmsten Fall sogar konkurrieren. Nope, meiner Meinung nach bestreiten wir damit einen gefährlichen Weg.

Virtuelle Influencer:innen – Sie wirken verstörend perfekt!

Denn ich frage mich, was das mit uns macht und wo die Reise bitte noch hingehen soll?! Denn ganz ehrlich: Das ständige (un-)bewusste Vergleichen und Konkurrieren mit realen Menschen auf Social Media ist doch bereits anstrengend und schädlich genug für die meisten von uns. Doch wenigstens stecken dahinter ja noch real existierende Menschen mit Geist und Seele. Und nun kommen aber auch noch virtuelle Influencer:innen dazu? Das kann den Drang nach Perfektion bei vielen natürlich nur noch verstörend multiplizieren. Denn die Frage ich doch: Was macht diese Avatar-Kultur mit unserer Wahrnehmung der menschlichen Existenz, unserer Selbstakzeptanz und unserem real existierenden Körper, der sich nun mal natürlich verändert, altert und nicht 24/7 perfekt aussieht? Eindeutig nichts Gutes. Denn die Grenze zwischen dem Echten und Virtuellen verschwimmt immer mehr. Die Industrie des „virtuellen Menschen“ boomt nämlich. Auch auf dem europäischen Markt ist ein positiver Trend zu erkennen und damit eine ganz neue Wirtschaft entstanden, in der die Influencer:innen der Zukunft skandalfrei und digital makellos sind… was ja dazu führt, dass echte Menschen wirklich mit solchen computergenerierten Figuren konkurrieren müssen.

Logo, dass das bei einigen (mich eingeschlossen) in einer Gesellschaft, die bereits von kaum erreichbaren unrealistischen Schönheitsstandards besessen ist, Alarm auslöst! Wir werden als Menschen gewissermaßen dehumanisiert. Es werden uns Schönheitsideale gezeigt, die wir nie erreichen können, weil wir als Menschen eben nicht makellos sind, auch nie sein sollen! Gerade für junge Menschen kann das den Druck erhöhen, sich anpassen zu müssen, und letztendlich Selbstzweifel und Schlimmeres hervorrufen. Gerade in Südkorea, der „Welthauptstadt der plastischen Chirurgie“, gibt es wachsende Bedenken, dass virtuelle Influencer:innen unrealistische Schönheitsstandards in einer Welt, die besessen ist von Jugend, weiter anheizen können! Und sich dadurch die Nachfrage nach Schönheitsoperationen oder kosmetischen Produkten unter Frauen, die ihnen nacheifern wollen, erhöht.

Sagt bloß… !

Doch nicht nur das: Die Avatar-Girls stammen ursprünglich aus der Gamer-, Manga- und Science-Fiction-Szene und werden nicht selten übersexualisiert präsentiert. Zusätzlich zu dem kindlichen, virtuellen Aussehen mit großen Augen und kleinen Stupsnasen, wird den Influencer:innen ebenfalls eine virtuelle Persönlichkeit, sowie Stimme verliehen.

Hier werden also nicht einfach nur künstlich entwickelte Bilder geteilt! Oh, nein! Als Imma, ein „virtual girl from Tokyo“, auf Instagram einmal von einem Streit mit ihrem Bruder erzählte, bekam sie prompt hunderte aufmunternde Kommentare und persönliche Geschichten von den Erlebnissen ihrer Follower:innen. Für manche Fans scheint die Grenze zwischen Realität und virtueller Computerwelt also wirklich nicht mehr zu existieren.

Und was haben unsere Fake-Influencer:innen noch so zu tun? Neben Interviews geben, Auftritten als Laufsteg-Model etc.? Singen zum Beispiel. Jaha, vor vier Jahren begann Lil Miquela zu Beispiel, eigene Lieder und Musikvideos zu produzieren. 🤯 Mittlerweile hat sie auf Spotify monatlich 100.000 Hörer:innen und mehr als drei Millionen Follower:innen auf Instagram. Ihr lest es also heraus: Diese Avatare haben großen Einfluss, besonders auf junge Menschen, und sind für viele zu einer Vorbildfunktionen geworden. Experten sagen bereits, dass gerade bei Digital Natives, die einen Großteil ihres Lebens online verbringen, ein Nerv getroffen wurde! Absolut craaaaazy, wenn ihr mich fragt!

Und es wundert mich kaum, dass bereits eine Gegenbewegung in Südkorea gestartet wurde: Jüngere Koreaner:innen haben bereits in den letzten Jahren begonnen, sich gegen diese (Schönheits-)Ideale zu wehren. Das löste eine Bewegung mit dem Titel „Aus dem Korsett entkommen“ aus und ich hoffe mal, dass diese auch nach Europa und Amerika überschwappen wird!

Denn ich weiß ja nicht, was ihr gerade so empfindet, aber für mich wirkt dieser Trend einfach nur verstörend. Alleine der Gedanke, dass die Personen zwar echt aussehen, aber doch nicht real sind, löst bei mir ein ganz unangenehmes Gefühl aus – ein Effekt, der in der Wissenschaft übrigens auch als „Uncanny Valley“ bekannt ist und auch bei menschenähnlichen Robotern auftritt. Ich möchte reale Menschen sehen, mit all ihren wunderschönen Imperfektionen, wenn ich Social Media durchstöbere! Aber eines scheint klar: Die Branche wird bleiben, das Interesse an der digitalen Welt boomt und steigt immer mehr – von Metaverse- und Virtual-Reality-Technologien bis hin zu digitalen Währungen. Aber es liegt ja an uns, wohin die Reise weiter führt und was wir unternehmen, um uns selbst, aber auch die jüngeren Generationen vor den Folgeschäden zu beschützen! In diesem Sinne: Schnell zurück ins Real Life, please! 🙂🥺

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