Warum ich das frühlingshafte Wetter liebe… und den Kloß im Hals trotzdem nicht ignorieren kann

Es fühlt sich fast schon ein wenig zu sehr nach vertrauter Normalität an. An diesem lauen Nachmittag bei 19 Grad. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht, wärmt meine Nasenspitze und legt sich auf die mit Sonnencreme benetzte Haut.

Wie lange habe ich mir diesen Moment nun schon herbeigesehnt! Nach all den Woche des Schneegestöbers und Stubenhockens. Nach all dem Couchgelege und Serienschauen. Die letzten Monate (oder gar das ganze letzte Jahr!) waren für uns alle nicht einfach. Wie gut tut es da der Psyche doch, endlich mal wieder mit zwei Schichten Kleidung weniger spazieren zu gehen. ☀️

Ich atme die klare Luft ein, höre die Vögel zwitschern und blinzle meiner Freundin entgegen, die mit gewissem Abstand neben mir auf dem Mäuerchen sitzt. Es ist noch gar nicht lange her, da bin ich mit ihr die selbe Strecke durch den Schnee gestapft. Welten scheinen dazwischen zu liegen, dabei sind seither gerade mal zwei Wochen vergangen.

Vor zwei Wochen noch haben wir uns fragen müssen, ob drei Pullover unter der Winterjacke wohl ausreichend sind. Oder ob wir zur Sicherheit nicht doch die Skiunterwäsche herauskramen sollten. Bei – 10 Grad kämpften wir uns an dem besagten Wintertag durch 20 cm tiefen Schnee und konnten uns die Nase allerhöchstens am Tee aus der Thermoskanne aufwärmen.

Wenige Tage, zwei Jahreszeiten

Ich wiederhole: Dieser Spaziergang ist gerade mal 14 Tage her. Seither ist eigentlich nicht viel passiert, jedenfalls nicht in unserem Privatleben. Dafür gab es in Teilen Deutschlands mal eben einen Temperaturanstieg von bis zu 40 Grad – wie in Göttingen zum Beispiel. Aus vereisten Straßen und Schneeballschlachten wurden Picknick-Decken und Speiseeis. Von heute auf morgen.

Das kann so irgendwie nicht richtig sein. Schließlich haben wir immer noch Ende Februar – und befinden uns damit ganz eindeutig in einem Wintermonat. 20 Grad sind schlicht und einfach zu warm für diese Jahreszeit. Und doch wurden am Mittwoch an 180 Standorten in Deutschland historische Höchstwerte gemessen.

Das Phänomen hat bereits einen Namen

Die sogenannte Winterhitze. Zwei Substantive, die in unseren Breitengraden gegensätzlicher wohl kaum sein könnten… und die bisher eher selten in einem so unmittelbaren Kontext miteinander genannt wurden.

Alarmierend… aber wirklich schon beängstigend genug? Auch ich blende diese Unstimmigkeit zwischen Wetter und Jahreszeit in den letzten Tagen mit erstaunlicher Leichtigkeit aus. Schließlich ist die Sonne da, was will ich mehr?! Was wollen wir alle in Zeiten der Isolation eigentlich mehr?!

Doch der unbeschwerte Schein trügt. In mir selbst beginnt es spätestens nach dem zweiten ausführlichen Sonnenbad zu rumoren. Und auch die Gespräche mit Freund*innen, Kolleg*innen, der Familie laufen irgendwie auf den immer-gleichen Konsens hinaus: Natürlich ist dieser plötzliche Frühlingsanfang eine willkommene Abwechslung. Er bleibt aber dennoch vor allem eines – nämlich zu früh.

Wie beunruhigend diese Zahlen tatsächlich sind, erklärt der Sprecher des Deutschen Wetterdienstes gegenüber dem ZDF: „Es gab schon mehrmals drei Tage hintereinander [an denen über 20 Grad gemessen wurden], zuletzt im Jahr 2019. Nun hat sich das auf Anhieb verdoppelt – da zeigt sich ganz deutlich die Klima-Erderwärmung.“ 

Winterhitze‘ ist mehr als nur ein Trendbegriff

Sechs Tage in Folge mit solch frühlingshaften Temperaturen im Winter – ein neuer Rekord. Einer, der vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert, der gleichzeitig aber auch den fortschreitenden Klimawandel spürbar macht. Unsere Welt wird immer wärmer, daran ändern auch die vorausgegangenen Minusgrade nichts. Denn auch sie sind nur ein weiteres Extrem… und laut der aktuellen Forschung als Folge des massiven Eisverlusts in der Arktis zu verstehen (mehr dazu hier).

Den Kloß im Hals schlucke ich beim nächsten Sonnenstrahl aber wohl trotzdem wieder hinunter. Und spüle mit kalter Limo ordentlich hinterher. Schlicht und einfach meiner mentalen Gesundheit wegen.

Und das ist okay. Dass muss okay sein. Gleichzeitig können (und sollten!) wir uns die dazu führenden Umstände aber bewusst machen. Weil diese Wetterlage eben nicht selbstverständlich ist – sondern die direkte Konsequenz einer wärmer werdenden Welt. Die Klimakrise ist real. Sie sorgt bereits jetzt dafür, dass Ökosysteme aus dem Gleichgewicht geraten, Naturkatastrophen schlimmer werden und die Heimat vieler Menschen unbewohnbar wird. Sie macht auch dann nicht Halt, wenn wir gerade mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben.

Lasst uns das eine also nicht gegen das andere aufwiegen. Lasst uns an ganzheitlichen Lösungen arbeiten und ja, auch mal den Sonnentag im Februar genießen – um unsere Akkus aufzuladen. Weil wir die daraus gewonnene Energie im besten Fall gewinnbringend wiederverwenden können. Um nachhaltige Veränderungen im Alltag vorzunehmen. Um Politik und Wirtschaft in die Verantwortung zu ziehen. Oder um so glimpflich wie möglich durch diese Zeit zu kommen. Auch das sind wir uns schuldig. 💚

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