Wirtschaft ankurbeln oder Klima retten? Wie die Coronakrise unseren Konsum verändern kann

Wenn ich heute so durch die Straßen streife, ist für mich, als Einzelperson – von den Masken im Gesicht mal abgesehen – schon fast kein Unterschied mehr zu erkennen. Im Vergleich zur „Post Corona Time“. Die Cafés sind gut gefüllt, in den Parks wird sich gesonnt, die Geschäfte locken mit ansehnlichen Waren. Nach Monaten der Zurückhaltung scheint Normalität zurückzukehren. Doch wollen wir diese Normalität in Zukunft denn überhaupt (wieder) vorantreiben?

Wollen wir, wie von etlichen Großkonzernen erhofft, zurück in den altbekannten Kaufrausch verfallen und Produkte über unser Endorphin-Level entscheiden lassen? Oder wollen wir den Moment lieber nutzen, um vom bewussten Konsum in ein noch viel bewussteres Wirtschaftsmodell umzulenken?

Ihr merkt, worauf wir hinauswollen. Die Zeichen für einen Umbruch stehen gut. Die Möglichkeiten dafür noch viel besser. Schließlich haben wir uns alle, ob gewollt oder ungewollt, die letzten Monate in Verzicht geübt – und Kaufentscheidungen reflektierter getroffen.

Für die Wirtschaft bedeutet das erstmal den erwarteten Einbruch. Um 2,2 Prozent ist unser Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum vorherigen Quartal bereits gesunken. Auch die Exportrate sank um über ein Drittel ab. Bis 2022 könnte es dauern, den Wachstum wieder auf das „Post Corona“-Zeitalter anzuheben (mehr dazu hier). Das klingt furchteinflößend. Vor allem klingt es aber so, als müssten wir so schnell wie möglich wieder an unsere vorherige Kaufkraft anknüpfen. Shoppt, Leute, was das Zeug hält!

Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne auf die Herkunft der Produkte zu achten. Ohne auf die Menschen im Herstellungsprozess Rücksicht zu nehmen. Ohne die Auswirkungen auf das Klima dabei im Blick zu behalten. Zurück in die gewohnte „Größer, Schneller, Weiter“-Mentalität. Oder lieber doch nicht…?

Für viele stand in den letzten Wochen jedenfalls fest: Wer nichts kauft, der hilft auch nicht. Demnach scheint es fast schon verpflichtend zu sein, all das eingesparte Geld wieder auf den Kopf zu hauen. Hin zu einer weiteren Ära des sinnentleerten Konsums. Wenn nicht jetzt, wann dann… oder wie war das?

Dabei steht für viele Wissenschaftler*innen bereits fest: Die Zeit, in der wir uns gerade befinden, könnte der Startschuss für ein nötiges Umdenken sein (mehr dazu hier). Welche Wirtschaftszweige wollen wir wirklich auch in Zukunft fördern? Wem hilft es eigentlich, wenn wir alle wieder in unseren 40-Stunden-Arbeitsalltag zurückkehren? Und wie würde sich der Wettbewerb verändern, wenn fairer Handel langfristig über dem niedrigsten Preis stehen würde?

Klar, von einer Krise profitieren zu wollen, noch dazu von einer, die so viele Menschenleben fordert, klingt zunächst vollkommen deplatziert – und wenig moralisch. Schlussendlich versucht das hinter verschlossenen Türen aber wohl jeder noch so kleine und auch große Konzern. Warum also nicht wenigstens versuchen, langfristig etwas Gutes für die Welt daraus zu ziehen?

Zeit für einen neuen Wirtschaftsgedanken

Weltweit ist der CO2-Ausstoß aufgrund des entschleunigten Lebens bereits um 8 Prozent gesunken (mehr dazu hier). Können wir dieses Ziel nicht einfach weiter verfolgen, ganz freiwillig und ohne Quarantäne im Nacken? Damit wir die Welt nicht mit einem Temperaturanstieg von 3 bis 5 Grad Celsius unseren Kindern und Enkelkindern überlassen? Der ökonomische Anthropologe Jason Hickel, Mitinitiater der aufstrebenden „Degrowth“-Bewegung, zieht folgende Schlüsse daraus:

„Das Virus verbreitet sich, und plötzlich wird klar, dass es doch eine Notbremse gibt, die sogar relativ einfach gezogen werden kann. Die Regierung ist in der Lage, Teile der Wirtschaft herunterzufahren, um die öffentliche Gesundheit und das menschliche Wohlergehen zu schützen. In gewisser Weise wissen wir nun Bescheid und können ab jetzt mit Szenarien arbeiten, in denen diese Notbremse auf ökologisch bedeutsame und gesellschaftlich sichere Art und Weise gezogen wird.“

In einem offenen Brief haben er und über 1000 weitere Expert*innen aus mehr als 60 Ländern genau diese Thematik in hilfreiche Tipps umverpackt. Gemäß der umfassenden Frage: Wie lässt sich unsere Wirtschaft neu aufstellen – ohne dabei sofort wieder den Planeten (und seine Bewohner*innen) aus den Augen zu verlieren?

Wiederaufbau, nur anders

Der Fokus einer wiederbelebten Wirtschaft liegt laut Degrowth dabei auf Faktoren wie dem Klima, der Gesundheit und unserem eigenen Wohlbefinden. Sind wir mit unserem bisherigen Kaufverhalten wirklich glücklicher – oder wird uns das nur von der Werbung suggeriert? Brauchen wir alles, was wir zu wollen glauben, wirklich, nur weil andere es haben?

„Es ist ziemlich offensichtlich, dass es bei unserer Wirtschaft nur darum geht, das Kapital zu sichern anstatt das Wohlergehen der Bevölkerung. Und es gibt keinen Grund, das einfach so hinzunehmen.“ Ein Anlaufen der Wirtschaft, so wie wir sie kennen, käme also vor allem wieder den ganz großen Playern zugute. Nicht etwa dem süßen Cafè nebenan. Und auch nicht der kleinen Boutique gegenüber.

Die Wirtschaft nachhaltig ankurbeln? Kann laut Expert*innen funktionieren!

Stattdessen sollten sich unsere Interessen also doch viel eher auf die grundlegende Sicherheit der Bevölkerung konzentrieren. Ein höheres Bruttoinlandsprodukt bedeutet nämlich keinesfalls mehr Wohlstand für alle. Sondern meist vor allem noch mehr Wohlstand für einige wenige

Auch deshalb werden in dem offenen Brief ganz konkrete Handlungsmöglichkeiten formuliert: „Bei Degrowth geht es nicht darum, die komplette Wirtschaft willkürlich zu schrumpfen. Nein, dabei sollen einige für das menschliche Wohlergehen wichtige Wirtschaftssektoren vergrößert werden, während man andere, die nicht so wichtig oder gar schädlich sind, verkleinern. Beispiele für solche unnötigen Sektoren wären die Waffenindustrie, die SUV-Industrie, die Einwegplastik-Industrie und so weiter.“

Unser Konsum darf sich nicht mehr nur auf Bequemlichkeit und Statussymbolik konzentrieren. Viel entscheidender als individueller Wohlstand ist doch tatsächlich das Wohlergehen einer ganzen Nation. Das geschrumpfte Inlandsprodukt muss also keinesfalls zur unkalkulierbaren Schwäche werden. Genauso wenig wie wir uns vor der Entscheidung sehen sollten: „Wirtschaft oder Klima?“ Wenn kluge Wege eingeschlagen werden, dann geht das alles Hand in Hand. Langsamer, weniger wachsend – aber dafür stetig. Und an den verhandelten Klimaschutzpunkten orientiert. Supported kleine Unternehmen, die unter der Krise leiden. Gebt euer Geld für das aus, was wirklich (langfristig) euer Herz bewegt. Damit es am Ende nicht wieder die drei gleichen Akteure sind, die vom Wirtschaftscrash profitieren. Sondern stattdessen wir alle. Mit einer neuen Sichtweise auf das große Ganze. Wäre das nicht was? 💪

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