Es gibt jetzt einen Zuhör-Kiosk in einer Hamburger U-Bahnstation und ja, der kann wirklich helfen

In Hamburg sind gerade alle ein wenig aufgeregt. Na gut, manche sind vielleicht auch eher etwas verwirrt. Die Situation so richtig einschätzen, kann aber wahrscheinlich noch niemand.

Denn was da gerade im Netz viral geht, gab es SO vorher wohl noch nie. Mitten auf einem U-Bahnhof hat Christoph Busch einen Kiosk gemietet. Nur dass es dort weder Süßigkeiten noch Zeitschriften gibt. Der 71-Jährige nutzt den verglasten Raum… um uns zuzuhören.

Ein Ort der Ruhe inmitten des ganzen Trubels. Ein Kommen und Gehen herrscht an der Station, doch bei ihm steht die Zeit kurz still.

Jeder der möchte, kann sich zu ihm in den kleinen Raum begeben und Geschichten erzählen. Die auf dem Herzen brennen – oder einfach mal erzählt werden wollen. Herr Busch hört jedem zu. 

Natürlich sind auch wir neugierig geworden und wollten direkt herausfinden: Wie ist das so, wenn man einem fremden Menschen seine Lebensgeschichte erzählt?

Also haben wir ihn besucht. In diesem kleinen Glaskasten auf dem Bahnsteig der Emilienstraße. Zahlreiche Schilder zieren den Kiosk von außen, man kann hineinschauen. Die Personen, die ihn besuchen, werden provisorisch abgeschirmt, vor all den neugierigen Blicken. Und trotzdem fühlt man sich ein bisschen beäugt, wenn man mit Herrn Busch in dem engen Raum sitzt …

Ich bin inzwischen ziemlich aufgeregt. Vielleicht weil ich mir die Situation noch so gar nicht vorstellen kann. Vielleicht weil die meisten von uns vermutlich nur selten mit wildfremden Menschen über ihr Leben reden. Vielleicht ist es aber auch genau das, was die Situation so besonders und einzigartig macht?

Denn ehe ich es überhaupt merke, bin nicht mehr ich diejenige, die die Fragen stellt. Verdammt! So leicht ist es also, mich zum Plappern zu bringen…

Vom Interviewer zum Interviewten

Ich habe mir vorher natürlich überlegt, ob und was ich ihm überhaupt erzählen wollen würde. Wie die meisten anderen, komme ich mit einem groben Ziel zu ihm:

„Die meisten kommen ja nicht in die U-Bahn, weil sie dort bleiben wollen. Die wollen schnell wegfahren“, sagt mir Busch. 

Einige sehen den Kiosk morgens, haben davon in der Zeitung gelesen – und kommen anschließend mit genügend Zeit und einem konkreten Thema wieder zu ihm zurück.

Also doch ein wenig Therapiestunde? Er sagt „nein“. Denn er ist weder Therapeut, noch Psychologe. Er ist Autor. Ich sage „jein“, weil ich ihm so schnell mein Leben offenbare, dass es mich selbst ein wenig gruselt.

» Hier sitzen sich zwei Fremde gegenüber, mal gucken was da so explodiert. «

Dennoch bin ich am anfangs ein wenig gehemmt. Würde gerne die Kontrolle behalten. Wie fängt man so ein Gespräch an? Fällt man mit der Tür ins Haus? Erzählt man von Glück? Von Unglück? Oder von beidem? Und sind meine Geschichten überhaupt relevant genug, um sie loswerden zu wollen?

Aus anfänglichem Plaudern zieht er das, was tiefer sitzt

Er schafft es, dieses Gefühl verschwinden zu lassen. In dem er gezielt an den richtigen Punkten ansetzt und Fragen stellt.

Er ist niemand der einfach nur “mhm“ antwortet. Er stellt Fragen, sagt auch mal seine Meinung. Aber ohne dass ich mich dabei in die Enge gedrängt fühle. Die meisten wissen es sehr zu schätzen, dass er ein ganz normaler Kerl ist, sagt er selbst.

Ich bin tatsächlich ein wenig erschrocken darüber, WIE schnell ich mein Privatleben offenbare. Ihm Dinge erzähle, die noch nicht mal alle meine Freunde von mir wissen. Denn vieles findet im normalen Alltag schlichtweg keinen Platz. Mit wem soll ich darüber reden… und vor allem WANN?

Er dagegen macht es mir leicht. Denn er urteilt nicht, gibt mir keine Richtung vor oder sagt mir, wie ich mich fühlen soll. Vielleicht ist es genau das. Ich komme an, lasse mich fallen und kann danach wieder verschwinden. Eine Art moderner Beichtstuhl? Herr Busch unterstützt diesen Vergleich:

„Ja, es gibt sie, diese Leute die man einmal trifft und dann nie wieder sieht. Wie zum Beispiel im Beichtstuhl oder Taxi. Da kann man ganz anders ehrlich und offen sein als im Bekanntenkreis. Hier sitzen sich zwei Fremde gegenüber, die haben kein Bild voneinander und die gucken mal, was da explodiert.

Es kommen also nicht nur Menschen zu ihm, die keine Bezugsperson haben. Oder niemanden zum Reden. Vielmehr liegt der Reiz ganz einfach darin, dass hier aus einer völlig anderen, wertfreien Perspektive heraus geschaut wird.

Das Leben um uns rotiert, doch im Kiosk steht die Zeit (fast) still

Im Gespräch vergesse ich schnell, dass ich mitten auf einem Bahnsteig sitze. Das Gespräch fühlt sich inzwischen fast freundschaftlich an, ich merke, dass ich ihm zu vertrauen beginne.

Und trotzdem kehrt manchmal wie ein Keulenschlag das Leben von außen zurück. Weil jemand klopft, um mit ihm einen Termin zu vereinbaren (ja, so sehr hat sich Buschs Konzept schon rumgesprochen). Oder weil ein paar Kinder ihre Nasen an der Scheibe platt drücken.

Aber er holt einen immer wieder ab, bringt einen zurück in diese seltsame Blase, in der man sich auf eine gute Art befindet.

Ist so ein Zuhör-Kiosk also wirklich etwas, das wir brauchen könnten? Eine Möglichkeit zu sich zu kommen, ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein? Ein Weg, kurz mal den Pause-Knopf zu drücken und sich auf was anderes zu besinnen als sein Smartphone?

» Viele glauben, dass es hier um Unglück geht. Tut es aber nicht. Es geht ums endlich mal Erzählen-Können. «

Zwischenzeitlich kriege ich es dann doch noch hin,Christoph Busch ein paar Fragen zu stellen. Und nein, es kommen nicht nur ältere, einsame Menschen zu ihm. Von 20 aufwärts sei alles dabei, erzählt Herr Busch mir. Ja, viele erzählen ihm Geschichten, die ihn auch noch auf dem Heimweg begleiten. Solche, von denen er sich erst mal selbst erholen muss.

„Aber es ist zum Glück nicht nur Unglück. Und oft steckt selbst in den traurigsten Geschichten etwas Hoffnung. Oder zumindest eine Chance.“

Er ist Ohr und Auge zugleich

Herr Busch bekommt für sein Zuhören kein Geld, zahlt den Kiosk aus eigener Tasche. Will sich daher aber die Option offen lassen, irgendwann ein Buch darüber zu schreiben. Das muss einem also klar sein, wenn man ihm die eigenen Geheimnisse anvertraut. Natürlich anonym, wenn man das will.

Tatsächlich gibt es Sekunden in dem Gespräch, in dem ich auch diese Tatsache vergesse. Und mich einfach fallen lasse. Dann kommen aber auch wieder andere, in denen ich mir nicht sicher bin, ob mich die vielen Gesichter nicht doch überfordern. Die im Abstand von wenigen Minuten an uns vorbeiströmen. Immer dann, wenn gerade wieder eine Bahn einfährt.

Und trotzdem rede ich weiter. Weil er es irgendwie schafft, mich selbst mit der Nase auf die Probleme zu stoßen. Ich zeige mir quasi selbst, was ich brauche… und insgeheim vielleicht auch schon lange wusste.

Vielleicht schafft er das durch seine flapsige Art? Manchmal ist er fast ein wenig frech. Ob er das nur bei mir so macht?

„Nein. Ich provoziere die Menschen gerne ein wenig. Weil ich merke, dass selbst hinter der schlimmsten Trauer sehr viel Humor steckt und dadurch immer mal wieder positive Momente und Hoffnung hervorblitzen.“

Gerade deshalb würde er durch die Gespräche natürlich auch selbst viel lernen. Wir sind also doch irgendwo wieder beide Zuhörer

Wie sehr kann uns dieses Konzept helfen?

Auch wenn es sicherlich keine Therapie ersetzen kann (wenn man denn eine braucht): Es kann gut tun die laute Welt mal für eine Stunde (ja, die Zeit vergeht verdammt schnell!!) hinter sich zu lassen. Jemanden da zu haben, der von außen auf die eigene kleine Welt blickt, Probleme anders beurteilt oder Mut macht. Der einfach ganz unvoreingenommen und wertfrei zuhört.

Vielleicht ist es das, was dieses Konzept so einzigartig macht. Und vielleicht muss es deshalb überhaupt nicht mit einer Therapie verglichen werden. Es ist etwas Besonderes, jemanden zu haben der einen zum Erzählen auffordert. Wir sollten das alle viel öfter tun!

Zuhören, ausreden lassen, nachfragen, interessiert sein. Denn in dem Moment, in dem wir die Dinge aussprechen (oder aussprechen lassen), ordnen sie sich in unserem Kopf neu und bekommen mehr Struktur …

Und wahrscheinlich sollten wir genau deshalb Menschen wie Christoph Busch die Chance geben, etwas aus uns herauszukitzeln. Im besten Fall geht es uns danach besser, im schlimmsten Fall müssen wir ihn einfach nie wieder sehen. Oder merken schon währenddessen, dass wir eigentlich nur übers Wetter reden wollen.

„Es ist zunächst natürlich ein großer Schritt, überhaupt zu mir zu kommen. Aber es wird einem leicht gemacht. Man kann gucken: Was ist das für ein Typ? Und wenn es einem nicht gefällt, ist man auch ganz schnell wieder weg, ab in der nächsten U-Bahn.“

Mich hat er auf jeden Fall verdammt schnell „gekriegt“ und trotz (oder genau wegen) des lärmenden Bahnhofs konnte ich mich fallen lassen.

Und so wird am Ende vielleicht sogar beiden Seiten geholfen. Und nach einem kurzen Halt, einem Moment der Besinnung auf sich selbst, kann man in sein schnelles Leben zurückhuschen. Und hoffentlich daraus lernen, wie wichtig es ist, sich gegenseitig zuzuhören.

Credits: Très Click
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