Très Click

| 14.08.2026 | by Ninon

Sind Designer-Bags wirklich over? Und was tragen wir stattdessen?

Es gab eine Zeit, da konnte man ziemlich genau erkennen, in welchem Modejahr man sich befand, indem man einfach auf die Taschen schaute.

Chloé Paddington. Balenciaga City Bag. Céline Luggage Tote. Gucci Marmont. Bottega Pouch. Loewe Puzzle. Und natürlich die beiden Taschen, die irgendwann gar keine Trends mehr zu sein schienen, sondern Endgegner des Luxus-Konsums: Chanel Classic Flap und Hermès Birkin.

Eine Designer-Tasche war nicht einfach eine Tasche. Sie war Belohnung, Investment, Statussymbol und modischer Ritterschlag in einem. Und spätestens mit Instagram und YouTube entstand rund um sie eine eigene Content-Industrie: Unboxings, „What’s in my Bag?“-Videos, Bag Collections, Wartelisten, Hermès-Unboxings und die Frage aller Fragen: Is it worth the investment?

"Every hoe has a Hermes bag now!"

Und jetzt? Verkaufen ausgerechnet einige der Frauen, die diese Kultur mit groß gemacht haben, ihre Sammlungen.

Die britische Luxus-Influencerin Lydia Elise Millen machte schon vor einiger Zeit öffentlich, dass sie sich von ihrer Hermès-Sammlung trennt. Das ist insofern bemerkenswert, als Millen zu jener ersten Generation von Luxury Creators gehört, bei denen Designer-Handtaschen über Jahre fester Bestandteil der Online-Identität waren. Heute beschreibt sie selbst ihren Stil deutlich stärker über Natur, Heritage und das englische Landleben.

Und sie ist kein Einzelfall. In der Luxury-YouTube-Bubble lässt sich seit einiger Zeit beobachten, dass einst heiß geliebte Chanel-, Hermès- und andere Designer-Bags aussortiert und verkauft werden. Gleichzeitig funktionieren die klassischen Luxury-Unboxings längst nicht mehr automatisch als Klickgaranten wie noch vor einigen Jahren. „Every hoe has a Hermes bag now!“, konstatierte eine Influencerin neulich auf TikTok, als ein Follower sie fragte, warum sie keine „shop with me“-Videos mehr publiziere.

Also: Ist die Designer-Bag etwa … over?

Die Zahlen sagen zumindest: Irgendetwas passiert gerade

Das Interessante ist, dass dieses Gefühl inzwischen nicht mehr nur auf TikTok und Instagram existiert. Laut Unternehmensberatung Bain & Company sind die weltweiten Verkäufe von Luxus-Handtaschen gegenüber ihrem Peak 2023 um fast zehn Prozent gesunken. Das entspricht rund acht Milliarden Dollar weniger Umsatz pro Jahr!

Natürlich könnte man jetzt sagen: kein Wunder. Inflation, wirtschaftliche Unsicherheit, Konsumflaute. Aber bei Taschen kommt noch etwas anderes hinzu.

Die Verkäufe von Luxus-Handtaschen sind um fast ZEHN Prozent gesunken

Die Luxuskonzerne haben ihre Preise in den vergangenen Jahren teilweise derart aggressiv erhöht, dass selbst Menschen, die sich eine Designer-Tasche leisten könnten, sich zunehmend fragen, ob sie es noch wollen. Gleichzeitig brachten Luxusmarken zwischen 2023 und 2025 laut Bain rund 80 Prozent weniger neue Taschenmodelle auf den Markt als zwischen 2016 und 2019. Sprich: Wir zahlen immer mehr Geld – und sehen immer wieder dieselben Taschen.

Das ist für ein Produkt, dessen Attraktivität zu einem erheblichen Teil daraus besteht, besonders zu sein, ein kleines Problem.

Die Birkin hat ein Instagram-Problem

Luxus funktioniert schließlich über Knappheit. Eine Birkin war einmal deshalb so faszinierend, weil man sie praktisch nie sah. Heute muss man ungefähr drei Minuten durch Instagram scrollen. Das Wall Street Journal bringt das Problem ziemlich perfekt auf den Punkt: Social Media ist inzwischen voll mit Taschen, die einmal extrem selten wirkten – allen voran Birkin und Chanel Classic Flap. Dadurch geht ausgerechnet das verloren, was Luxus verkaufen soll: Exklusivität. Luxusanalyst Luca Solca formuliert es so: Wer das Versprechen von Exklusivität verkauft, profitiert nicht zwangsläufig von maximaler Sichtbarkeit.

Das ist das Paradoxon der Influencer-Ära: Die Menschen, die Designer-Taschen begehrenswert gemacht haben, haben sie gleichzeitig überall sichtbar gemacht. Und irgendwann kippt „OMG, sie hat die Tasche!“ in „Ah, die schon wieder.“

Und dann ist da noch der Preis

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mir vor fünfzehn Jahren spontan eine Chanel-Tasche in der MITTAGSPAUSE gekauft habe. Für 2600 Euro! Ja, ich habe damals einen Monat nur Reis und Nudel gegessen, aber der Punkt ist: der Kauf war für mich als Jung-Redakteurin (!) finanziell möglich.

Heute kostet eine Chanel Classic Flap ein Vielfaches dessen, was sie vor 15 oder 20 Jahren gekostet hat. Was grundsätzlich funktionieren könnte – wenn Konsumentinnen gleichzeitig das Gefühl hätten, ein entsprechend außergewöhnliches Produkt zu bekommen.

Tausende Euro ausgeben um auszusehen, wie JEDE andere? Nicht so attraktiv ...

Doch genau daran gibt es zunehmend Zweifel. Online wird immer häufiger über Qualität, Verarbeitung und das Verhältnis zwischen tatsächlichem Produktwert und Verkaufspreis diskutiert. Und damit verändert sich plötzlich die Rechnung. 4.000, 6.000 oder 10.000 Euro für eine Tasche auszugeben, die man zehn Jahre lang liebt, kann man sich irgendwie schönrechnen. 4.000 Euro für eine Tasche auszugeben, die gerade durch TikTok geistert und zwölf Monate später nach „2026“ aussieht? Schwieriger.

Denn nach Jahren immer schnellerer Microtrends haben wir inzwischen verstanden, wie der Algorithmus funktioniert:

Wir sehen etwas überall. Wir wollen es unbedingt. Wir kaufen es. Wir sehen es noch öfter. Und plötzlich können wir es nicht mehr sehen.

Bei einer 79-Euro-Zara-Tasche ärgerlich. Bei einer 4.000-Euro-Tasche eher ungünstig.

Vielleicht ist nicht Luxus over. Sondern offensichtlicher Luxus.

Und hier wird die Sache interessant. Denn gleichzeitig gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass wir plötzlich keine schönen Taschen mehr wollen. Im Gegenteil.

Wir wollen Leder, das fantastisch aussieht. Eine Form, bei der jemand offensichtlich nachgedacht hat. Gute Verarbeitung. Perfekte Proportionen. Dieses kleine Woher ist deine Tasche?, wenn man irgendwo an der Bar sitzt. Was wir vielleicht weniger wollen? Eine Tasche, die die Frage bereits beantwortet, bevor jemand sie gestellt hat.

Das neue Statussymbol ist GESCHMACK

Der Reiz verschiebt sich vom Brand Recognition zum Taste Recognition.

Oder anders gesagt: Früher sollte jemand unsere Tasche sehen und denken: Wow, die hat eine Chanel. Heute soll jemand unsere Tasche sehen und denken: Wow, die hat Geschmack.

Klingt nach einem winzigen Unterschied. Ist aber ein ziemlich fundamentaler.

Wissen ist das neue Logo

Der vielleicht spannendste Beleg dafür findet sich ausgerechnet auf dem Secondhand-Markt. Während der Verkauf neuer Luxus-Handtaschen schwächelt, stiegen die Verkäufe gebrauchter Luxury Bags bei The RealReal seit 2023 um 20 Prozent. Und im Mai 2026 lagen die Suchanfragen nach Vintage-Taschen dort unglaubliche 131 Prozent über dem Vorjahresmonat. Warum?

Silvia Bellezza, Marketing-Professorin an der Columbia Business School, sieht dahinter unter anderem eine Ernüchterung gegenüber moderner, massenproduzierter Luxusware. Konsumentinnen nehmen ältere Taschen teilweise als hochwertiger wahr. Vor allem aber ermöglicht Vintage etwas, das in einem algorithmisch gesteuerten Modeuniversum immer schwieriger geworden ist: anders auszusehen.

Und noch etwas passiert. Eine seltene Vintage-Tasche zu erkennen, erfordert Wissen. Man muss wissen, aus welcher Kollektion sie stammt, welcher Designer damals für das Haus arbeitete oder warum genau dieses Modell interessant ist. Modewissen selbst wird damit zum Statussymbol.

Die 25 Jahre alte Prada, die niemand sofort erkennt, kann plötzlich cooler sein als die brandneue Prada, die gerade 14 Influencerinnen tragen. Nicht obwohl niemand sie erkennt. Sondern gerade deshalb.

Dazu kommen die neuen Insider-Brands

Und dann gibt es noch eine zweite Kategorie, die gerade immer interessanter wird: kleinere und unabhängige Labels. Brands, die nicht 70 Prozent ihres Preises über einen weltweit bekannten Namen erklären müssen, sondern über Material, Design und Verarbeitung.

Eine wunderschöne Ledertasche für 400, 600 oder 900 Euro ist natürlich immer noch Luxus. Aber es ist eine andere Art Luxus. Sie schreit nicht „ICH HABE 4.000 EURO FÜR EINE TASCHE AUSGEGEBEN“. Sie sieht einfach verdammt gut aus.

Weniger Algorithmus. Mehr EIGENER Geschmack.

Und genau das passt erstaunlich gut zu dem größeren Shift, den wir gerade in der Mode beobachten: weg vom offensichtlichen Trendstück, hin zu Dingen, die persönlicher wirken. Weniger Algorithmus. Mehr eigener Geschmack.

Aber Moment: Die Birkin ist natürlich nicht tot

Bevor jetzt jemand seine Chanel panisch bei Vestiaire einstellt: Ganz so einfach ist es nicht. Designer-Taschen werden nicht verschwinden. Das Wall Street Journal nennt selbst ein ziemlich überzeugendes Gegenargument: Chanel hat unter Matthieu Blazy seine Taschenkollektion stark erneuert – und einige der neuen Modelle waren so gefragt, dass sie ausverkauft waren und auf Resale-Plattformen bereits mit Aufschlag gehandelt wurden.

Menschen wollen also durchaus noch teure Designer-Taschen. Sie wollen nur vielleicht nicht mehr automatisch eine Tasche, weil sie teuer und von einem bestimmten Label ist. Das Produkt muss wieder begehrenswert sein. Eigentlich revolutionär simpel.

Und auch Hermès wird morgen ganz sicher keine Birkins im Sale anbieten müssen: Taschen wie Birkin und Kelly machten zuletzt 44 Prozent des Hermès-Gruppenumsatzes aus. Bei Bottega Veneta entfielen sogar 77 Prozent des Umsatzes auf Taschen und kleine Lederwaren.

Die Designer-Bag ist also nicht tot. Aber ihr Status als automatisches Objekt der Begierde bekommt Risse.

Was tragen wir jetzt stattdessen?

Für uns lautet die Antwort deshalb nicht: keine teuren Taschen mehr. Sondern: bessere Taschen. Eine Vintage-Bag, die nicht gerade jeder sucht. Eine kleine Leder-Manufaktur. Ein Indie-Label, dessen Namen vielleicht erst drei unserer Freundinnen kennen. Eine fantastische Tasche für 500 Euro statt einer mittelmäßigen für 5.000.

Oder meinetwegen auch eine neue Designer-Tasche – wenn wir sie wirklich lieben und nicht, weil TikTok uns drei Wochen lang eingeredet hat, dass sie ein „Investment Piece“ sei. Vielleicht ist das sogar die schönste Entwicklung dieser ganzen Designer-Bag-Fatigue. Luxus wird wieder etwas persönlicher. Denn wenn niemand mehr anhand des Logos erkennen kann, wie teuer unsere Tasche war, muss etwas anderes für sie sprechen: unser Geschmack.

Und ganz ehrlich? Den finden wir sowieso interessanter.

Diese 10 Taschen würden wir jetzt statt der nächsten offensichtlichen It-Bag kaufen:

Credits:

PR, TRès Click